Tango

Ganz schön intim

»Tango muss man üben«: Debora Gutman mit Tanzpartner Felix Neuzelle Foto: Uwe Steinert

Wie man zum Tango kommt? »Jeder hat seine eigene Geschichte«, sagt Debora Gutman. Als sie ein Atelier in Schöneberg gemietet hatte, sah sie auf der anderen Seite des Innenhofes, wie sich Menschen hin und her schoben. Es ertönte eine schöne Musik. Was machten die da? Neugierig klingelte sie. »Wir machen Tango, auf ganz ernste Art und Weise, sagten die. Das wollte ich auch probieren. Dann nahm ich bei meinem Nachbarn die erste Stunde, vor über sieben Jahren.«

Tanzstudio Tango ist also eine ernste Sache. Das merkt man schon am Interieur. Debora Gutmans Tanzstudio »Kudamm‐tango« liegt im fünften Stock in der Rankestraße direkt neben Hugendubel. Es sind großzügige Räume mit verspiegelten Wänden und gedämpftem Licht, einer kleinen Bar und einem Balletbalken im kleineren der beiden Tanzsäle. Schöne alte Möbel, karminrote Stoffe verbreiten die Atmosphäre eines Salons. Ölgemälde hängen an den Wänden. Debora Gutman ist auch Malerin.

Paare gleiten zum melancholischen Bandoneon mit einer Eleganz und Andacht übers glatte Parkett, dass man meint, die Sache habe etwas Sakrales.

»Das mag mit dem Ursprung der Musik zu tun haben. Sie ist in erster Linie von Einwanderern in Argentinien gemacht worden, von Menschen, die ihre Heimat verloren haben«, erklärt die Hausherrin. Hinzu komme, dass der Tango wesentlich intimer ist als andere Tänze. »Die Figuren sind nicht vorgegeben. Es wird improvisiert, in und mit der Musik und dem Partner.«

Tangotanzen kann man nicht einfach lernen wie Foxtrott oder Walzer. Ein paar Stunden, und schon geht’s ab? »Tango muss man üben. Erfahrungsgemäß sagen die Leute nach eineinhalb Jahren, dass sie es einigermaßen können. Allein die Intimität will gelernt sein.«

Gutman kommt von der klassischen Musik. Sie studierte Klavier und Gesang an der Hochschule der Künste. Lange stand sie auf der Bühne, sang Liedrepertoires von Beethoven wie Bachkantaten, Mo‐zartreqiem, Oper, gab Konzerte in Frankreich, Israel, Portugal, Ungarn. »Dann kam die Tochter, und ich wandte mich der Malerei zu.« Mehr als 20 Jahre unterrichtete sie an der Musikschule Charlottenburg.

Tango betreibt sie inzwischen hauptberuflich. »Man kann nicht alles gleich gut machen. Ich habe sehr intensiv gesungen und sehr intensiv gemalt. Das ruht ein wenig, seit ich den Tango entdeckt habe.« Ganz oder gar nicht, das ist ihr Motto. »Tango tanzen ist für mich wie eine Synthese all dessen, was ich vorher mit den Händen und der Kehle gemacht habe. Jetzt stelle ich das mit dem ganzen Körper dar.«

Was nicht ganz unproblematisch ist. Denn zum Tango braucht man den richtigen Tanzpartner. Im Prinzip führt beim Tango der Mann. »Aber oft setzt die Frau die Impulse. Der Tango ist wie eine Sprache. Jeder kennt das Vokabular, und es gibt Momente, wo die Frau in die Führung eingreift. Sie stoppt, macht eine Verzierung oder gibt dem Mann durch ihre Körpersprache zu verstehen, dass sie diese Musikstelle gerade anders interpretieren möchte. Wenn die Kommunikation gut funktioniert, greift der Mann das mit Vergnügen auf«, sagt Debora Gutman. Tango bedeutet also mehr als reinen Tanz. Es ist Musik mit dem Körper, »man wird eins im Paar und mit der Musik, man ist ein Medium, wie im Gesang«, schwärmt die Tanzlehrerin.

kulturtage Debora Gutman ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihr Vater stammt aus Polen. 1939 fand er Zuflucht in Russland und gelangte nach Kriegsende nach Berlin. Ihre Mutter engagierte sich für die WIZO (Women’s Zionist Organization) und war an der Gründung des jüdischen Kindergartens beteiligt. Sie verbrachten viel Zeit in der Gemeinde, in der Debora Gutman im Kulturausschuss tätig war und an der Entwicklung der jüdischen Kulturtage mitarbeitete.

Noch heute ist sie ist oft in Israel und hat dort eine Wohnung. »Die große Überraschung für mich war, dass es in Tel Aviv, Haifa, Jerusalem oder Ramat‐Gan eine sehr lebendige Tangoszene gibt.« Ganz aufgeregt ging sie zu ihrer ersten Milonga in Tel Aviv, wie man die Veranstaltungen der Tangotänzer nennt. Rund 600 Israelis sind heute begeisterte Tangotänzer, »das ist viel für so ein kleines Land«. Dort stieß sie auf den jungen Argentinier Fabian Pastorutti und die Lehrerin Alicia Katzen. Pastorutti kam ein halbes Jahr später nach Berlin. Mit ihm begann sie, Tango zu unterrichten. Inzwischen lehrt sie alleine sowie mit ihrem jungen Assistenten Felix Neuzelle, 21. »Er kommt aus einem kleinen Kaff im Osten, hat eine Schlosserlehre gemacht – und ist unglaublich begabt und musikalisch.«

Unterricht Auf ihrer Website bietet sie auch Tango in Israel an. »Die Leute reisen in alle Ecken dieser Welt, um dort eine Woche intensiv Tango zu tanzen. Warum nicht Israel? Das ist auch für Nichtjuden ein spannendes und schönes Land.« Vom vierten bis elften Mai organisiert sie die nun vierte Tangoreise, die in Gruppen zwischen zehn und fünfzehn Schülern, Juden wie Nichtjuden, stattfindet. »Neu ist diesmal, dass wir auch für Anfänger offen sind.«

Aber vielleicht sollte man sich auf das derzeit 25 Grad warme Tel Aviv schon mal mit ein paar Tänzen einstellen. Demnächst möchte Debora Gutman übrigens hier in Berlin einen jüdischen Tangokurs anbieten. Es kommen bereits Israelis in den Unterricht, und »eine jüdische Gruppe könnte doch eine besondere Motivation bilden«. Denn Tango ist Herzenssache – und gehört seit September 2009 zu den »Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit« der UNESCO.

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