Mönchengladbach

Fußball gegen Hass und Hetze

Der Mönchengladbacher Günter Netzer zeigt am 30. April 1970 die Meisterschale. Foto: picture alliance / Schirner

Mönchengladbach

Fußball gegen Hass und Hetze

Die neue Sonderausstellung »Verantwortung in Fußballschuhen« will für Toleranz und Vielfalt sensibilisieren

von Lilly Wolter  01.09.2022 00:00 Uhr

Kaum etwas begeistert die Deutschen mehr als Fußball. Regelmäßig zieht der Sport Fans in die Stadien. Dort kommen die Anhänger der Vereine mit den jeweiligen Trikots und Gesängen zusammen. Doch die Fußballwelt vereint nicht nur, sie spaltet auch und wird nicht selten zum Schauplatz von Diskriminierung verschiedener Couleur.

Der Fußballverein Borussia Mönchengladbach möchte das nicht hinnehmen und Hass und Hetze auch mit der neuen Sonderausstellung »Verantwortung in Fußballschuhen« bekämpfen. Gefördert von der Kulturstiftung der Länder, ist diese ab dem 1. September im interaktiven Vereinsmuseum »FohlenWelt« in Mönchengladbach zu sehen.

Sensibilisierung Der Verein will auf diesem Weg diskriminierenden Schlachtrufen auf und neben dem Platz ein Ende setzen, für Vielfalt und Toleranz sensibilisieren sowie Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung bekämpfen. Fans lernen zudem, wie sie als Teil der Vereinsgemeinschaft – und auch gesamtgesellschaftlich – Verantwortung übernehmen können. Die Ausstellung beleuchtet aber nicht nur die Fußballprobleme der Gegenwart, der Blick wandert auch in die Vereinsgeschichte während des Zweiten Weltkrieges, als in den eigenen Reihen noch NSDAP-Vertreter standen.

Über die Rolle des Vereins während der NS-Zeit sagt Matthias Rech, für die Inhalte der Ausstellung zuständiger Redakteur: »Borussia hat sich nicht darin hervorgetan, sich dem System zu widersetzen. Auch unser Verein wurde gleichgeschaltet und von Nazis geführt. Dennoch gab es den Fall eines ehemaligen Vorstandmitgliedes, das sich gegen die Nationalsozialisten gewehrt hat und ihnen zum Opfer gefallen ist. Diesen Fall erzählen wir nach und gehen auch darauf ein, was jenen jüdischen Familien in Mönchengladbach passiert ist, die Söhne hatten, die vor der NS-Zeit Jugendspieler in unserem Verein waren.«

Die Ausstellung beleuchtet auch die besondere Beziehung zwischen Borussia Mönchengladbach und Israel

Dabei soll nicht ausgelassen werden, dass SS-Offiziere wie Reinhold Grunert oder Karl Allwicher im Vorstand saßen. »Verantwortung in Fußballschuhen« zeigt zudem die besondere Beziehung zwischen Borussia Mönchengladbach und Israel, was nicht zuletzt auf das historische Spiel vom 25. Februar 1970 zurückzuführen ist. Als erste deutsche Fußballmannschaft traf der Verein damals auf Israels Nationalmannschaft und gewann mit 6:0. Die 22.000 israelischen Fans reagierten aber nicht mit Buhrufen. Stattdessen jubelten sie den deutschen Spielern zu. Ein bis dahin unvorstellbares Szenario.

Anlass 2020 hätte sich dieses besondere Spiel zum 50. Mal gejährt. Es wäre der ideale Anlass gewesen, um eine Ausstellung wie »Verantwortung in Fußballschuhen« zu eröffnen. Doch aufgrund der Pandemie wurde das hauseigene Museum vorübergehend geschlossen und die Eröffnung vertagt. Neben dem Jubiläum kam nun noch ein weiterer Anlass für die Eröffnung hinzu: Im letzten Jahr formulierte Borussia Mönchengladbach die eigene Vereinsordnung deutlich um. Ihr politischer Standpunkt ist damit nun wesentlich konkreter.

Sätze wie »der Verein ist politisch, weltanschaulich, rassisch und konfessionell neutral« wurden gestrichen, sie seien nicht mehr zeitgemäß gewesen, erklärt Rech. In der neuen Version heißt es unter anderem, dass der Verein »rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen, insbesondere aufgrund der Nationalität, Abstammung, ethnischen Zugehörigkeit, Religion, des Geschlechts, des Alters, der sexuellen Identität oder einer Behinderung aktiv entgegentritt«.

Auf die Frage, warum Fußball teilweise großes Aggressionspotenzial hervorbringen kann, antwortete Rech: »Kein anderer Sport ist so ein Massenphänomen wie der Fußball. In keinem anderen Sport gibt es eine so hohe Repräsentanz der Bevölkerung.« Das Fußballpublikum im Stadion sei damit schlichtweg ein Spiegel der Gesellschaft und so immer auch ein Abbild von politischen Strömungen sowie von gesellschaftlichen Problemen, erklärt Rech.

»Es ist das Eingeständnis, dass etwas im Argen liegt oder lag. Und es ist gleichzeitig das Signal: Wir wollen das Problem angehen und bekämpfen.«

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßt das Engagement des Vereins: »Es ist das Eingeständnis, dass etwas im Argen liegt oder lag. Und es ist gleichzeitig das Signal: Wir wollen das Problem angehen und bekämpfen.« Zudem verweist er auf die Verantwortung, die Fußballer und Sportler generell haben: »Wenn sich Idole gegen Antisemitismus und Rassismus positionieren, dann lehnen es auch die Fans ab. So können Vorurteile und andere Ressentiments abgebaut werden oder ganz verschwinden.«

Porträt der Woche

Verliebt in Berlin

Carolina Schomer ist Brasilianerin, kam für eine Auszeit – und fand eine zweite Heimat

von Alicia Rust  11.10.2026

7. Oktober

»Wir erinnern nicht schweigend«

Melody Sucharewitz über ihren Kampf gegen das Vergessen des 7. Oktober bei der Gedenkveranstaltung auf dem Bebelplatz in Berlin. Ihre Rede im Wortlaut

von Melody Sucharewicz  08.10.2026

9. Oktober 2019

Gedenken zum Jahrestag des Anschlags von Halle

Der antisemitische Anschlag von Halle jährt sich am Freitag zum siebenten Mal. Die jüdische Gemeinde, Kirchen, Stadt und zivilgesellschaftliche Gruppen planen Gedenkveranstaltungen auch an den Anschlagsorten

 08.10.2026

Frankfurt

Erst Rivalinnen, dann Freundinnen

Israelische Nachwuchsfußballerinnen aus sieben Jugenddörfern spielen gegen Makkabi

von Katja Sturm  08.10.2026

Münster

Rote Linien für die Roten

Bei einer Veranstaltung mit der Schoa-Überlebenden Eva Szepesi und Zentralratspräsident Josef Schuster verspricht Gregor Gysi, innerhalb der Linken klare Grenzen gegen Antisemitismus zu ziehen

von Stefan Laurin  08.10.2026

Tagung

Krisen der Gegenwart

Auf dem »Media TLV Summit« diskutierten Experten Fragen von Technologie und Krieg, Extremismus und Antisemitismus sowie die Rolle der Medien

von Luis Gruhler  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026