München

»Für uns alle eine Tragödie«

Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und Gady Gronich (v.l.) Foto: Europäische Rabbinerkonferenz/CER

München

»Für uns alle eine Tragödie«

CER-Generalsekretär Gady Gronich über ein Jahr Ukraine-Krieg, Auswirkungen auf die jüdische Gemeinschaft und zunehmenden Antisemitismus in Europa

von Stefanie Witterauf  01.03.2023 15:30 Uhr

Herr Gronich, der Beginn von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine jährt sich am Freitag zum ersten Mal. Wie sehr hat der Krieg das jüdische Europa und das jüdische Deutschland verändert?
Dieser Krieg ist für uns alle eine Tragödie. Er hat viele Gemeinden in der Ukraine entwurzelt und Juden zu einem Exodus sowohl aus der Ukraine, aber vor allem auch aus Russland gezwungen. Viele aus der Ukrai­ne und zunehmend auch aus Russland sind nach Osteuropa sowie nach Deutschland, Österreich und Frankreich geflüchtet – und sie wurden und werden mit offenen Armen aufgenommen. Die Unterstützung der Gemeinden, wie hier in München, ist überwältigend. Das hat auch die Konferenz der Europäischen Rabbiner verändert und uns neue Aufgaben beschert.

Inwiefern?
Die Europäische Rabbinerkonferenz ist unmittelbar von diesem Krieg betroffen. Ihr Präsident, Rabbiner Pinchas Goldschmidt, der bis zum vergangenen Sommer die Gemeinde in Moskau 33 Jahre lang angeführt hat, ist seitdem gezwungen, im Exil zu leben, nachdem er öffentlich Russlands Krieg gegen die Ukraine kritisiert hat. Seitdem ist die Flüchtlingshilfe eine neue Säule bei uns. Im ersten Schritt haben wir eine Stiftung für jüdische Flüchtlinge aus der Ukrai­ne und aus Russland gegründet. Sie unterstützt die jüdischen Gemeinden, in denen die Flüchtlinge ankommen. Sie erhalten Essen und ein Dach über dem Kopf. Wir organisieren zum Beispiel koscheres Fleisch und begleiten das Gemeindeleben im Exil. Im zweiten Schritt geht es darum, die Integration zu erleichtern. Viele brauchen psychische Betreuung, bei der wir Rabbiner gezielt helfen und vermitteln. Und ganz praktisch hat unsere Organisation erst kürzlich 253 Generatoren für die Ukraine organisiert, weil nach den russischen Angriffen immer wieder der Strom ausgefallen ist.

Auf einem der Panels der Münchner Sicherheitskonferenz hat Rabbiner Goldschmidt gemeinsam mit dem israelischen Verteidigungsminister Yoav Galant, der emiratischen Umweltministerin Mariam al-Mheiri und Vizeaußenminister Al Khalifa aus Bahrain Platz genommen. Welche Wirkung können solche Runden entfalten?
Wenn man die Bilder sieht, war das schon ein historisches Panel, das eine spannende Bestandsaufnahme des seit 2020 in Kraft befindlichen Abraham-Abkommens vorgenommen hat. Israel und wichtige Teile der arabischen Welt in öffentlicher Eintracht – wer hätte das noch vor ein paar Jahren gedacht. Jede Plattform, die einen solchen Austausch bietet, ist ungemein wichtig. Sie schafft eine Grundlage für die sicherheitspolitische Zusammenarbeit im Nahen Osten, unter anderem, um Radikalisierung und religiös oder politisch motiviertem Extremismus entgegenzuwirken – und das bedeutet letztlich mehr Sicherheit für uns in Europa.

Es ist bald ein Jahr her, dass Rabbiner Goldschmidt Moskau verlassen musste, und zumindest kurzfristig scheint kein Weg zurückzuführen. Welche Pläne hat die Rabbinerkonferenz für die nahe und mittlere Zukunft?
Die Arbeit wird angesichts der Weltlage nicht weniger. Neben der Unterstützung jüdischer Flüchtlinge aus der Ukraine und Russland bleiben wir weiterhin sehr engagiert und lautstark, um uns gegenüber Europas Politik für die Wahrung der Religionsfreiheit einzusetzen und gegen die Versuche, Brit Mila oder Schechita zu verbieten, entschieden vorzugehen. Zudem wollen wir das jüdische Leben in den Gemeinden weiter ausbauen und fördern, etwa mit einem Ausbildungsprogramm für junge Rabbiner und Rebbetzins, die eine unglaublich wichtige Rolle in Gemeinden einnehmen. Wir wollen den interreligiösen Dialog vor allem mit der muslimischen Seite vorantreiben und dabei insbesondere gemeinsam für die Rechte von religiösen Minderheiten eintreten, um religiös motivierten Extremismus besser zu bekämpfen.

Seit Jahren nimmt die Gewalt gegen Juden in Europa und auch hier in Deutschland zu. Was muss dagegen unternommen werden?
Man wird Antisemitismus und Ressentiments gegen Juden on- und offline nur wirksam bekämpfen können, wenn man an den Wurzeln dieses uralten Problems ansetzt. Das setzt nicht nur eine Bildungs­offensive bereits bei jungen Menschen voraus, sondern auch einen persönlichen Austausch, um viel mehr übereinander zu erfahren, voneinander zu lernen und Vorurteile abzubauen. Deshalb haben wir als Konferenz der Europäischen Rabbiner im vergangenen Jahr das Projekt »Welcome a Rabbi« ins Leben gerufen. Mit unseren Rabbinern wollen wir mit Schülerinnen und Schülern in Austausch treten und ihnen die Möglichkeit bieten, dass sich junge Menschen zwanglos mit alltäglichen Fragen des jüdischen Lebens auseinandersetzen und so mehr über die positiven Beiträge des Judentums zur europäischen Geschichte und Kultur lernen. Sie sollen darüber hinaus auch ein besseres Verständnis für den Alltag von Jüdinnen und Juden in Europa erhalten und feststellen: Das sind ja genauso normale Menschen wie wir auch.

Das Interview mit dem Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) führte Stefanie Witterauf.

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