Hamburg

Fünf Rabbis für Deutschland

Sie kommen aus der Ukraine und aus Israel und sorgten in der Hamburger Synagoge Hohe Weide für eine Première. In einer Feierstunde erhielten gleich fünf Rabbiner‐Anwärter ihre Ordinierungsurkunden, und das unter dem Beifall von hochrangigen Gästen, darunter Rabbiner David Lau, aschkenasischer Oberrabbiner in Israel, Rabbiner Meir Porush, Vize‐Bildungsminister in der Knesset, Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs, der emeritierte katholische Weihbischof Hans‐Jochen Jaschke sowie Rabbiner Yehuda Teichtal aus Berlin. Seit der Schoa wurden in der Hansestadt keine Rabbiner mehr ordiniert – und fünf Anwärter auf einmal wohl noch nie.

Tradition Sie alle haben eine gesicherte Zukunft. Dafür sorgte Shlomo Bistritzky, Hamburgs Landesrabbiner, der 2014 das Rabbinerseminar in der Hansestadt gründete. Von Hamburg gingen einst viele Impulse für das Judentum aus. Berühmte Rabbiner wie Jonathan Eybeschütz (1690–1764) und Jacob Emden (1697–1776) und nicht zuletzt Joseph Carlebach prägten nicht nur das jüdische Leben in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. »Überall studieren Juden die Tora nach den Erklärungen aus Hamburg«, sagte Oberrabbiner Lau.

Auch Shlomo Bistritzky, der vor 15 Jahren nach Hamburg zog und 2003 das jüdische Bildungszentrum für Chabad Lubawitsch in Hamburg aufbaute, steht in der Tradition der Hamburger Rabbiner. Sein Großvater Loeb Bistritzky war Oberrabbiner in der Hansestadt, bevor er mit seiner Familie vor dem NS‐Terror fliehen musste. Vater Levi Bistritzky war Oberrabbiner in Israel, und so war auch der Lebensweg für Sohn Shlomo vorbestimmt.

Bevor dieser dem Ruf von Chabad Lubawitsch folgte, in Hamburg ein Zentrum aufzubauen, fragte er seinen Großvater, was dieser darüber denken würde, wenn er als Schaliach nach Hamburg ginge. »Er sagte, wenn du an den Ort zurückkehrst, von dem ich fliehen musste, und wenn du dort zum Fortbestand des jüdischen Lebens beiträgst, ist das die beste Antwort auf die Schoa«, erinnert sich Enkel Shlomo Bistritzky. Nun hat er zum ersten Mal fünf junge Männer zu Rabbinern ausgebildet. Und ihnen mit dieser Ausbildung den Weg zu einem erfüllten jüdischen Leben eröffnet, ein Leben für das Lernen und die Lehre.

Zukunft Der frisch ordinierte Rabbiner Nathan Grinberg kam vor fünf Jahren aus der Ukraine nach Hamburg und wird auch in der Stadt bleiben. Bereits seit einiger Zeit arbeitet der 32‐Jährige als Rabbiner an der jüdischen Einheitsgemeinde in Lübeck als Nachfolger von Rabbiner Yakov Yosef Harety.

Der 33‐jährige Rabbiner Levi Prujanski kam vor 20 Jahren mit seiner Familie aus Odessa nach Deutschland und entdeckte das Judentum für sich wieder. Aus Weißrussland stammt der 35‐jährige Reuven Rozenberg. Seit fünf Jahren studiert er in Hamburg und arbeitet in der Leitung der Stiftung »Jüdische Zukunft«. Der 33‐jährige Rabbiner Moshe Aron Shlenski emigrierte vor 20 Jahren mit seiner Familie aus der Ukraine, ist gelernter Sofer und schrieb die erste neue Torarolle der Hansestadt. »Wir fühlen uns alle als Pioniere«, sagte der verheiratete Vater von vier Kindern.

Or Jonathan Rabbiner Zemah Zedek Moshe zog vor vier Jahren der Liebe wegen aus Safed in Israel in die Alster‐ und Elbe‐Stadt. Der 25‐Jährige übernimmt eine Lehrtätigkeit am Hamburger Rabbinerseminar, das nach Rabbiner Jonathan Eybeschütz »Or Jonathan« benannt ist.

Vor vier Jahren gründete Bistritzky das Rabbiner‐Kollel mit Hilfe der zeitgleich entstandenen Hamburger Stiftung »Jüdische Zukunft« und der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Die Stiftung ist Träger des Seminars und wird maßgeblich von dem russischen Reeder Garegin Tsaturov, Inhaber einer Hamburger Werft, unterstützt. Garegin erhielt während der Feier eine Auszeichnung für sein Engagement und als Vorstandsvorsitzender der Stiftung.

»Wir sind hier, um zu bleiben. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns bis zur einstigen Blüte, denn Nazi‐Deutschland hat nicht nur sechs Millionen Juden umgebracht, sondern das ganze jüdische Leben zerstört«, sagte Shlomo Bistritzky.

»Juden sind wieder sichtbar und erkennbar auf Hamburgs Straßen«, betonte Philipp Stricharz, zweiter Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Er fahre jeden Morgen an der Rothenbaumchaussee 19 vorbei, in der das Rabbinerseminar zu Hause ist, und sehe immer junge jüdische Männer in schwarzen Mänteln und mit Kippa oder schwarzem Hut über die Straße eilen. »In einer Zeit, in der viele von uns das Tragen einer Kippa vermeiden, ist das ein selbstbewusstes und gutes Zeichen«, sagte Stricharz.

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