Interview

Fünf Minuten mit ...

Herr Rubinstein, islamistischer Terror in Paris, »Juden ins Gas«-Rufe von jungen Muslimen im Sommer auf deutschen Straßen, Morddrohungen gegen Pegida-Organisatoren. Wie wichtig ist gerade jetzt der jüdisch-muslimische Dialog?
Ich glaube, die einzige Chance, die wir haben, ist das Gespräch miteinander, ist der Austausch und ist es Vertrauen zueinander zu gewinnen, denn nur dann kann man sich auch bestimmte Dinge sagen.

Sie persönlich pflegen den Dialog schon seit Längerem. Wobei Sie wohl eher mit gemäßigten Kräften sprechen. Und nicht mit den Radikalen ...
Das ist aber eher ein gesellschaftliches Phänomen: Wie kommt man generell an Radikale heran? Ich glaube auch nicht, dass das primär unsere Aufgabe ist, das ist die Aufgabe von Bildung, Schule und Politik.

Und die fordern Sie auch ein?

Die fordere ich definitiv ein. Man wird ja nicht radikal geboren, irgendwo bekommt man es ja her. Das ist natürlich auch eine Frage von Aufklärung. Wenn ich mit Muslimen spreche, beginnt die Diskussion häufig mit dem Satz: Wir waren damals nur Gastarbeiter, eigentlich sollten wir ja gar nicht bleiben, wir sind ja nur gekommen, weil man uns gerufen hat. Man spürt dabei häufig einen gewissen Minderwertigkeitskomplex.

Da ist sicherlich auch in Deutschland viel falsch gemacht worden ...
Genau, und das hallt immer noch nach. Wenn Sie immer das Gefühl haben, Sie haben nicht die gleichen Chancen wie andere, obwohl Sie hier großgeworden sind, dann neigt man möglicherweise – wenn man dazu charakterlich tendiert – eher dazu zu sagen: »Die behandeln dich aus den und den Gründen anders.« Rattenfänger gibt es auf allen Seiten.

Müssen da nicht auch innermuslimische Kräfte wirken? Frau Kaddor, mit der zusammen Sie das Buch »So fremd und doch so nah« geschrieben haben, kritisierte die Aufforderung an Muslime, auf Gewalt zu verzichten, als unverschämt.
Weil man von »den Muslimen« sprach und sie damit unter einen Generalverdacht stellte, insofern kann ich Frau Kaddor auch verstehen. Wir reagieren ja auch zu Recht darauf sensibel, wenn man von »den Juden« spricht. Selbstverständlich kann man muslimische Mitbürger und Mitbürgerinnen dazu aufrufen, ein Zeichen zu setzen, dass sie sich von Gewalt distanzieren. Bei der Reaktion von Frau Kaddor merkt man auch, wie brüchig das Ganze ist. Es sind wirklich nur Nuancen, ob man von »den Muslimen« spricht und nicht von »unseren muslimischen Mitbürgern«. Das sind manchmal nur Kleinigkeiten, bei denen Sie sich in einen Generalverdacht genommen fühlen. So sind solche Reaktionen vielleicht zu verstehen.

Wie intensiv wird denn der Dialog von jüdischer Seite geführt?
Vielerorts kann man sicherlich noch vom keinem geregelten jüdisch-muslimischen Dialog sprechen. Das liegt zum einen an den Strukturen der jüdischen Gemeinden, dort sind wir noch überwiegend mit der Integration nach innen beschäftigt. Lokal gibt es aber Ansätze, wie etwa in Bremen oder Stuttgart.

Wie sollte man das ändern?
Wir sollten aufhören, über die Notwendigkeit des Dialoges zu sprechen, sondern endlich anfangen, ihn ernsthaft zu führen. Das tun wir noch nicht. Es ist aber sicherlich kein Thema, was die jüdische Community primär interessiert. Ich nenne nur das Beispiel unseres Buches. Da schreiben ein Jude und eine Muslima zusammen ein Buch, und sie betonen auch noch: »Ja, wir haben Unterschiede, die kann man auch so benennen, aber wir haben Vertrauen, und deswegen können wir offen miteinander reden«. Das Interesse für das Buch ist in jüdischen und muslimischen Gemeinden sehr gering. Wir werden in erster Linie von Buchhandlungen oder von christlichen Organisationen eingeladen.

Warum ist diese Art von offenem Dialog, den Sie damit ja wohl ansprechen, so schwer?
Uns fehlt das Wissen und die Bereitschaft, uns unvoreingenommen miteinander zu beschäftigen. Dazu trägt sicherlich die Situation im Nahen Osten bei, die auch nach Deutschland herüberschwappt. Ich glaube einfach, dass unsere Gemeindemitglieder aufgrund ihrer Zuwanderungsgeschichte ganz andere Probleme und Themen haben als den interreligiösen Dialog. Und das ist legitim und verständlich.

Hat sich damit der jüdisch-muslimische Dialog erledigt?
Ich glaube, dass die Organisationen, die Gemeinden, die von der Größe und den Menschen her in der Lage wären, den Dialog zu führen, sich noch stärker engagieren sollten. Er sollte institutionalisiert werden. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde es auf Bundesebene nicht nur eine Islamkonferenz, sondern eine Dialogkonferenz geben, oder sogar einen Dialogbeauftragten beim Zentralrat der Juden in Deutschland. Das wäre sicherlich auch ein gutes Signal, auch für die jüdische Seite. Schweigen ist keine Lösung, befürchte ich.

Mit dem Dialogbeauftragten des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein sprach Heide Sobotka.

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