Interview

Fünf Minuten mit …

Ido Porat über Berliner Schokoladenpudding als Einwanderungsgrund und unrealistische Versprechen

von Philipp Peyman Engel  13.10.2014 15:11 Uhr

Ido Porat Foto: Stephan Pramme

Ido Porat über Berliner Schokoladenpudding als Einwanderungsgrund und unrealistische Versprechen

von Philipp Peyman Engel  13.10.2014 15:11 Uhr

Herr Porat, wie viel kostet in Berlin ein Becher Schokoladenpudding?
Kommt darauf an, wo man ihn kauft. Im Discounter unter 20 Cent, wie ich seit vergangener Woche weiß.

Und in Israel?
In der Regel rund dreimal so viel – wie fast alle Lebensmittel in Israel.

Ein junger Israeli hat wegen dieser Preisunterschiede seine Landsleute aufgerufen, wie er nach Berlin zu emigrieren. Als Symbol für das billige Leben in der Hauptstadt postete er auf Facebook seinen Kassenbon, auf dem unter anderem Schokopudding für 19 Cent pro Becher steht. Was halten Sie von dieser Aktion?
Ich bin kein Freund dieses Aufrufs. Der abgebildete Einkaufszettel suggeriert, dass Migration ein Zuckerschlecken ist. Als langjähriger Israeli in Berlin sehe ich das differenzierter. Hier zu leben ist großartig, das stimmt. Aber ich kenne auch die Nachteile. Es ist nie einfach, sein Land zu verlassen.

»Gemeinsam werden wir Hunderttausenden von Israelis helfen, den hohen Lebenshaltungskosten in Israel zu entfliehen«, heißt es in dem Facebook-Post.
Der Urheber des Aufrufs tut so, als seien Israelis wie ich Flüchtlinge – das ist absurd. Es stimmt zwar, dass das Leben in Israel nicht einfach ist. Die Mieten und Preise für Lebensmittel etwa sind dort in Relation zu den Gehältern viel zu hoch. Aber Berlin zieht doch Menschen aus aller Welt an. Wir leben in einer globalisierten Welt. Von Flucht kann keine Rede sein.

Der Aufruf hat in Deutschland und Israel für viel Furore gesorgt. Überrascht Sie das mediale und politische Echo?
Nicht wirklich. Die Aktion provoziert und überspitzt – das sind gute Voraussetzungen, um ins Gespräch zu kommen. Kein Wunder, dass der Post schon von über einer Million Menschen gelesen wurde. Und er trifft ja auch den Nerv vieler junger Israelis. Nach den Sozialprotesten vor drei Jahren hat sich an den hohen Lebenshaltungskosten in Israel nicht viel geändert. Die Preise sind immer noch viel zu hoch. Etliche junge Leute kommen trotz Job und Unterstützung von den Eltern nur schwer über die Runden. Berlin erscheint vielen deshalb als attraktive Alternative.

Was macht für die rund 20.000 Israelis neben den vergleichsweise niedrigen Preisen den Reiz der Stadt aus?
Berlin ist einfach toll – modern, aufgeschlossen und im besten Sinne multikulturell. Die Lebensqualität ist hier außerdem ziemlich hoch – ganz gleich, ob man Student, Angestellter oder freier Künstler ist. Ich persönlich habe das Gefühl, mich in Berlin sehr gut verwirklichen zu können.

Spielt die Vergangenheit Deutschlands in den Überlegungen von Israelis, die nach Berlin ziehen wollen, eine Rolle?

Nach meiner Erfahrung schon. Viele haben eine starke Bindung zu dem Land, weil ihre Großeltern aus Berlin stammen. Wichtig ist ihnen auch, dass das Land der Täter mittlerweile wieder tolerant geworden ist und sich so intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt.

Bei einigen israelischen Politikern und Journalisten stieß die Aktion auf wenig Verständnis. Wegen billigeren Schokoladenpuddings könne man doch nicht den zionistischen Traum beerdigen, lautet der Vorwurf.
Dabei ist die Entscheidung von vielen Israelis eine Entscheidung für Berlin und nicht gegen den jüdischen Staat. Die einen kommen nach Berlin, weil ihnen Jerusalem oder Tel Aviv zu klein geworden sind. Die anderen, weil sie sich das Leben dort schlicht nicht mehr leisten können. So oder so: Viele können sich durchaus vorstellen, in den nächsten Jahren wieder nach Israel zurückzukehren.

Mit dem israelischen Berliner und Vorsitzenden der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair Deutschland sprach Philipp Peyman Engel.

Jüdischer Nationalfonds

»Viele Spenden aus dem Ausland«

Der ehemalige Berliner Gesandte Johannes Guagnin pflanzt zu Tu Bischwat in Israel neue Bäume

von Helmut Kuhn  05.02.2023

Porträt der Woche

Frau auf Sendung

Maria Kritchevski ist Kreativdirektorin bei einer russischen Radiostation

von Gerhard Haase-Hindenberg  05.02.2023

Berlin

Männer und Streetfood

Mit drei Kollegen betreibt Shay Dashevsky ein veganes Start-up

von Alicia Rust  03.02.2023

ZWST

»Malen ist eine Bejahung des Lebens«

Überlebende des Holocaust und Kinder von Überlebenden stellen Gemälde im Rathaus Römer in Frankfurt aus

 02.02.2023

ARK

»Ein wichtiger Schritt«

Liberale Rabbinerinnen und Rabbiner äußern sich zum Ausschluss von Walter Homolka aus der Allgemeinen Rabbinerkonferenz

von Ayala Goldmann  02.02.2023

Gemeinden

Musik, Lesungen, Theater

Wie der Zentralrat mit seinem Kulturprogramm Künstlerinnen und Künstler unterstützt

von Christine Schmitt  02.02.2023

München

Erinnern als Waffe

Israelitische Kultusgemeinde und FC Bayern München luden zu einer Veranstaltung über Gedenkkultur und Engagement gegen Judenhass im Fußball

von Stefanie Witterauf  02.02.2023

Dialog

Alle an einem Tisch

Religionsvertreter haben sich im Leo-Baeck-Haus mit dem »Second Gentleman« getroffen

von Katrin Richter  01.02.2023

Köln

Die Stadt unter der Stadt

Ein Gang durch die Baustelle des Jüdischen Museums MiQua

von Clara Engelien  01.02.2023