Militärrabbinat

Freude, Stolz und viel Anfang

Tucholsky-/Ecke Johannisstraße in der Mitte Berlins am vergangenen Donnerstagnachmittag: Das Akkordeon klingt, die Klarinette fiept, Gesang, Klatschen und mittendrin sie: die neue Torarolle. Der Star des Nachmittags. Sie hat sich schön gemacht, mit einem Mantel und mit Krone, mit Inhalten, die für Werte wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit stehen, für Einsatz, für Hingabe, auch für Liebe. Die Rolle, die vor wenigen Minuten gerade erst mit den letzten Buchstaben fertiggestellt wurde, wird nun auf Händen getragen.

Es ist ein Fest, das in der Mitte der Stadt eher selten zu sehen ist, das aber umso freudiger gefeiert wird. Auch Claudia B. Götz, Anne R. und Johannes Baranski sind mit dabei. Die jüdischen Soldatinnen und der Soldat sehen, wie die Torarolle an ihnen vorbeizieht – ihre Blicke verraten Freude, sogar etwas Stolz und viel Anfang.

Vor wenigen Momenten standen sie noch im Leo-Baeck-Haus und haben erlebt, wie die Torarolle beendet wurde, haben selbst den Satz gesagt, ohne den kein Buchstabe in die Torarolle kommt: »Ich beauftrage sie, für mich diesen Buchstaben zu schreiben.« Vielleicht ein Lamed, vielleicht ein Hej, vielleicht ein Bet. Rabbiner Avichai Apel führte die kleine Feder sicher über das cremeweiße Pergament. Den letzten Buchstaben setzt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. Auch er beauftragt Rabbiner Apel mit dem Schreiben, und dann ist sie fertig, die erste Torarolle des Militärrabbinats.

Verteidigungsminister Boris Pistorius vollendete die erste Tora für das Militärrabbinat.

Es ist ein Ende und ein Anfang. Denn das Einbringen der Rolle ist ein Anfang für das Militärrabbinat der Bundeswehr. Die Vorbereitungen für das Projekt, das 2019 auf dem Gemeindetag des Zentralrats beschlossen wurde, sind endgültig abgeschlossen. Jetzt kann es endlich losgehen mit der eigentlichen Arbeit, der Seelsorge, betonte die amtierende Leiterin des Militärrabbinats, Monika Heimburger, bereits im Vorfeld der Einbringung.

Fünf Militärrabbiner im Einsatz

Fünf Militärrabbiner sind derzeit im Einsatz und ziemlich beschäftigt. So sehr, dass einige von ihnen bei der Einbringung nicht dabei sein können. Sie sind in Süddeutschland bei einer Weiterbildung. Die Pläne gehen noch weiter: Im September wird es einen neuen Militärrabbiner für den Standort Köln geben, und auch Rabbinerinnen könnten zukünftig im Militärrabbinat arbeiten. Soldatinnen und Soldaten schätzen das Gespräch, wenn der Alltag und der Beruf schwer werden.

Im vertraulichen Gespräch mit den Militärseelsorgerinnen und -seelsorgern Rat, Zuspruch und die unabhängige und vertrauliche Hilfe zu finden, schmälere oft die Last, die auf den Schultern der Soldatinnen und Soldaten liege, betonte Boris Pistorius. »Zuversicht zu vermitteln, ist eine der Kernaufgaben für die Militärseelsorge. Unabhängig von der Religion«, sagte er. Die jüngsten Zahlen einer Studie zur Militärseelsorge würden belegen, wie wichtig den Soldatinnen und Soldaten die seelsorgerische Begleitung sei.

Nicht nur vor Ort, sondern auch unterwegs, wie zu Beginn des Jahres, als Rabbiner Konstantin Pal die Seelsorge bei der »Standing NATO Mine Countermeasures Group 1« übernahm und den Soldaten nebenbei auch Wissenswertes über das Judentum vermittelte. »Die Verankerung des Judentums in der Bundeswehr ist eine Selbstverständlichkeit, aber auch um Selbstverständlichkeiten muss immer wieder gekämpft werden«, betonte Zentralratspräsident Josef Schuster am vergangenen Donnerstag.

Er freue sich, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland einen Beitrag zur Entwicklung der Bundeswehr leiste. Schätzungen zufolge gibt es unter den rund 180.000 Soldaten der Bundeswehr rund 300 Juden und Jüdinnen. Reservistin und Fachärztin Claudia B. Götz und der Fluggerätemechaniker-Soldat Johannes Baranski sind zwei von ihnen. Sie sind, wie sie sagen, vor allem in der Bundeswehr, um die Werte der Demokratie und der Freiheit zu verteidigen.

»Wir teilen alle die gleichen Werte – unabhängig von der Religion«

In der Einheit ist der religiöse Hintergrund eines Soldaten kein Thema, das als Hindernis im Raum steht. »Wir teilen alle die gleichen Werte – unabhängig von der Religion. Wir sind einfach Kameraden«, sagt auch die 37-jährige Anne R., Offizier im Dienstgrad Major. Sie gehe offen damit um, dass sie Jüdin ist, und habe zu Pessach die interessierten Fragen ihrer Kolleginnen und Kollegen ganz offen beantwortet.

Auch Johannes Baranski sieht das Gespräch als Schlüssel, um Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. »Manche Leute haben Vorbehalte oder Angst, das Wort ›Jude‹ zu sagen, und da kann man ansetzen und eventuelle Fragen beantworten. Das trägt viel zur Verständigung bei.« Für ihn sei es immer wieder ein positives Gefühl, das zu erleben. Götz, die am Berliner Bundeswehrkrankenhaus arbeitet, hebt vor allem die Qualität der Ausbildung hervor und hofft auf viele interessante Begegnungen im Militärrabbinat. Spannende Momente jedenfalls gibt es bereits am vergangenen Donnerstag.

In der Einheit ist der religiöse Hintergrund eines Soldaten kein Thema.

Eine davon wird von vier lauten Klicks begleitet, dann ist die große olivgrüne Kiste fest verschlossen. In ihr liegt, eingehüllt in ihren dunkelblauen Mantel und gut gehalten von grauem Schaumstoff, die Torarolle. Zumindest für diesen Tag hat sie ihren festen Platz erreicht. Wohin ihre nächste Reise führen wird, ist noch nicht gewiss, sicher ist, sie wird gut geschützt sein. Denn die Rolle ist, wie Militärbundesrabbiner Zsolt Balla betont, »mehr als nur ein religiöses Artefakt. Sie ist ein lebendiges Dokument, das uns dazu auffordert, uns ständig zu verbessern und nach Weisheit zu streben«.

Eine Torarolle sei nur dann vollständig, wenn kein einziger Buchstabe fehle. »Ebenso sind wir in unserer Gesellschaft aufeinander angewiesen, um in vollkommener Einheit zu funktionieren.« Jeder trüge einen einzigartigen und unersetzlichen Teil bei. Denn nur als Gemeinschaft sei man stark und bleibe verteidigungsfähig, so Balla. Anne, Claudia und Johannes leben dies – auch wenn die Rolle in ihrer Reisekiste ruht.

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