Porträt der Woche

»Freizeit ist das Schlimmste«

Elena Struhm war jahrzehntelang Forscherin. Jetzt leidet sie unter dem Nichtstun

von Matilda Jordanova-Duda  23.04.2013 07:31 Uhr

Kam vor 20 Jahren von St. Petersburg nach Köln: Elena Struhm Foto: Dörthe Boxberg

Elena Struhm war jahrzehntelang Forscherin. Jetzt leidet sie unter dem Nichtstun

von Matilda Jordanova-Duda  23.04.2013 07:31 Uhr

Im Mai werde ich meinen 90. Geburtstag feiern. Mein Sohn, die Schwiegertochter und der Enkel haben sich angekündigt. Sie leben in den Niederlanden. Als mein Sohn vor 20 Jahren eine Stelle als Biophysiker in Rotterdam bekam, sind mein Mann und ich nach Köln gezogen. Hier konnten wir in seiner Nähe sein. Ich war damals schon 69 Jahre alt, und es hatte keinen Sinn, Arbeit zu suchen.

Nun bin ich seit mehreren Jahren Witwe und keinem verpflichtet. Ich kann mir eine Suppe kochen, muss aber nicht. Ich lebe allein und habe nichts zu tun. Das bedrückt mich am meisten. Ich habe meinen Lebtag gearbeitet und mich nebenbei um die Familie, um meinen Mann, um die Kinder, ums Enkelkind gekümmert. Als ich berufstätig war, träumte ich davon, Freizeit zu haben, mich ein bisschen zu erholen. Heute sage ich: Es gibt nichts Schlimmeres als Freizeit! Jede Arbeit ist besser als Nichtstun.

Ich habe eine Menge Zeit und versuche, sie mit Nichtigkeiten zu füllen: Ich gehe in die Philharmonie und in Museen, zu einem Konzert in die Synagoge oder zu einem Vortrag des Klubs »Wissenschaft und Technik«. In dem Klub sind Leute, meist schon ältere, die wie ich früher in der Forschung gearbeitet haben und nun Vorträge über die aktuellen Entwicklungen auf ihrem Gebiet halten. Sie treffen sich etwa einmal im Monat, man kann hingehen und zuhören. Die Termine werden im Gemeindeblatt veröffentlicht.

Gestern habe ich mir in der Synagoge Bücher ausgeliehen. Ich gehe hin, doch ich bin nicht religiös. Die ersten Jahre fühlten wir uns verpflichtet, den Gottesdienst zu besuchen, weil wir ja als Juden nach Deutschland gekommen sind und es wenige Gemeindemitglieder gab. Doch als es dann immer mehr wurden, hörten wir auf. Die Kulturveranstaltungen besuche ich aber nach wie vor.

Halbleiter Ich bin promovierte Physikerin und Mathematikerin und habe früher am Institut für Halbleiter an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet. Als ich damit anfing, wusste man bei uns in der Sowjetunion noch wenig darüber. Ich habe an der Synthese von Halbleitern gearbeitet und ihre elektrischen Fähigkeiten erforscht. Ich bin also einigermaßen meinem Vater gefolgt, der auch Physiker war, aber Grundlagenforschung betrieb. Mir schmeichelt es, dass seine Arbeiten heute wieder entdeckt werden. Wissenschaftler haben jetzt seine Theorie über die Tachyonen ausgegraben. Das sind Elementarteilchen, die sich schneller als das Licht bewegen.

Ich war noch sehr jung, als mein Vater 1936 verhaftet wurde. Ihm und weiteren Mitgliedern der Kiewer Akademie der Wissenschaften wurden völlig aus der Luft gegriffene Sachen zur Last gelegt. Ich weiß nicht, wann man ihn erschossen hat: Später habe ich verschiedene offizielle Auskünfte bekommen. Ich sollte mich in aller Form von meinem Vater distanzieren. Ein Offizier gab mir ein Blatt Papier, einen Kugelschreiber und sperrte mich in seinem Büro ein, damit ich mich schriftlich lossage. Nach einigen Stunden übergab ich ihm ein leeres Blatt und rechnete fest damit, dass man mich auch verhaften würde. Aber er befahl nur, mich auf die Straße hinauszuwerfen.

Meine Mutter schickte man ins Exil in den Norden, in ein Städtchen, das 300 Kilometer vom nächsten großen Ort und der Eisenbahnlinie entfernt war. Mama arbeitete dort als Ärztin, denn Ärzte braucht man überall und in einem solchen Loch ganz besonders. Sie schickte mich heimlich zurück nach Kiew zu meiner Großmutter, doch die starb einen Monat später, und so blieb ich ganz allein zurück. Ich war damals knapp 14.

Aber es gibt auch gute Menschen auf dieser Welt. Meine Eltern hatten ein Zimmer in einer Kommunalka. Es lebten zehn Familien in einer Art Zwangs‐WG zusammen mit gemeinsamer Küche und Bad. Eine Nachbarin lud mich jahrelang regelmäßig zum Essen ein. Alle in der Wohnung wussten davon, und keiner hat mich verraten. Deshalb ist es falsch zu behaupten, alle seien Mitläufer und Verräter gewesen. Es gab auch anständige Menschen.

schoa Als der Krieg begann, sagten einige Juden: »Die Deutschen sind gebildete Leute, man braucht sie nicht zu fürchten.« Nun ja, diejenigen endeten dann in Babij Jar. Mir gelang es, mit anderen Frauen auf einen Güterzug Richtung Osten zu steigen, und so landete ich in Kasan. Ich konnte mich an der Uni für das Fach Chemie einschreiben und durfte im Labor eines Krankenhauses arbeiten. Ich sage wieder: Es gibt sie, die guten Menschen.

Im Labor sind ein gutes Auge und eine feste Hand das A und O. Man muss mit einer Schlaufe aus Platin sehr genau einen bestimmten Mikroorganismus aus der Nährlösung herausfischen. Da sind mehrere Pünktchen, manche ganz nah beieinander. Und man muss schnell sein, damit die Probe nicht durch den Luftkontakt verunreinigt wird. Heute fällt es mir schwer, beim Nähen den Faden ins Nadelöhr einzufädeln, aber als 18‐Jährige hatte ich diese Arbeit blitzschnell erlernt.

1944 wurde unser Krankenhaus in ein Feldlazarett umgewandelt, und wir fuhren mit der Roten Armee Richtung Westen. Diese Reise war eine der glücklichsten Perioden in meinem Leben. Wir hatten wenig zu tun, aber dank der Soldatenration konnten wir uns satt essen. Seit 1941, dem Kriegsbeginn, war ich ständig hungrig gewesen. Später einmal habe ich Knut Hamsuns Roman Hunger gelesen und mich dabei über seine Beschreibung amüsiert. Hunger ist nicht, wenn man seit dem Frühstück nichts gegessen hat. Hunger ist, wenn man monatelang kaum etwas im Magen hat.

volksfeind Nach dem Krieg kam ich nach Leningrad und habe dort mein Studium abgeschlossen. Man hat mich, wie es in der Sowjetunion üblich war, einem Institut zugeteilt. Dort arbeiteten wir an Akkus. 1951 wurde ich von einem Tag auf den anderen entlassen. Es war die Zeit der Verfolgung jüdischer Intellektueller: Man hatte sich daran erinnert, dass ich die Tochter eines Volksfeinds war.

Zwei Jahre lang habe ich Klinken geputzt. Ich war bereit, als Chemielehrerin nach Sibirien zu gehen, aber selbst dorthin wollte man mich nicht schicken. Nun, Gott sei Dank, starb 1953 unser »geliebter« Stalin. Da rief mich meine ehemalige Chefin zu sich: Der berühmte Physiker Abram Ioffe suche Mitarbeiter für ein Halbleiter‐Forschungslabor. Ich fragte, was Halbleiter seien. Sie sagte, das wüsste sie auch nicht, sehr wohl aber, wer Ioffe ist, und der biete mir Arbeit an, verstanden? Ich hatte verstanden und stürzte mich auf das Thema Halbleiter. Ich denke, mit Erfolg.

Heute lebe ich in einem AWO‐Seniorenhaus, in dem es einige Wohnungen für Migranten gibt. Es ist kein betreutes Wohnen, aber man kann Dienstleister nutzen, die alte Leute wie mich unterstützen. So kommt einmal pro Woche eine Putzfrau, und wenn nötig, würde man mich zum Arzt fahren. Das nehme ich aber nicht oft in Anspruch. Ich fahre selbst zum Arzt, zumal ich nach meiner Ankunft Deutsch gelernt habe. Mein Mann hat darauf bestanden, und ich bin ihm dafür dankbar, dass wir in die Volkshochschule zum Sprachkurs gegangen sind. Die anderen Teilnehmer waren meist viel jünger, wir mussten uns anstrengen, mit ihnen Schritt zu halten. Im Ergebnis lernten wir Deutsch besser als viele unserer Landsleute.

Deutsch hat das Englisch, das ich früher beruflich nutzte, leider aus meinem Kopf verdrängt. Aber ich lese nur auf Russisch und gucke russisches Fernsehen. Mein Sohn meint, das wäre falsch, trotzdem sehe ich mir selten deutsche Sendungen an. Einen Internetanschluss habe ich nicht, weil ich auf einem Auge fast blind bin. Aber ich denke, es geht auch ohne Internet.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

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