Porträt der Woche

Frau auf Sendung

Maria Kritchevski ist Kreativdirektorin bei einer russischen Radiostation

von Gerhard Haase-Hindenberg  05.02.2023 09:19 Uhr

»Mein Vater wollte, dass ich mir hier, in einem offenen und demokratischen Land, ein besseres Leben aufbaue«: Maria Kritchevski (50) Foto: Stephan Pramme

Maria Kritchevski ist Kreativdirektorin bei einer russischen Radiostation

von Gerhard Haase-Hindenberg  05.02.2023 09:19 Uhr

Im Alter von 14 Jahren habe ich auf einer Polizeistelle in Leningrad meinen ersten Reisepass bekommen und staunte nicht schlecht. Unter Nationalität stand: Jüdin. Nie zuvor hatte ich davon in unserer Familie etwas gehört. Im Klassenbuch der Schule wurden ja auch die Nationalitäten der Schüler dokumentiert, aber irgendwie hatten meine Eltern es geschafft, dass bei mir »Russin« stand.

Später wechselte ich zu einer Schule mit Physik- und Mathe-Schwerpunkt. Da gab es fast nur jüdische Kinder, jüdische Lehrer, und der Direktor war ebenfalls jüdisch. Nun ging ich auch zur Synagoge. Allerdings nicht mit der Schule, das war verboten, aber mit Gleichgesinnten und Freunden.

feiertage Meine Eltern waren dagegen, weil es nach wie vor nicht gern gesehen war. Irgendwann aber haben sie es mir doch erlaubt, und so habe ich im Alter von 16 Jahren das jüdische Leben kennengelernt. Wir waren auch zu den Feiertagen da, durften die Synagoge aber nicht betreten. Dort waren nur ältere Menschen. Ob das offiziell so vorgegeben war, weiß ich nicht. Also haben wir vor der Synagoge gefeiert. Manche hatten Tonbandgeräte mit jüdischer Musik dabei, und wir haben getanzt.

In der Familie erfuhr ich nun eine Menge über all das, worüber zuvor nicht gesprochen worden war. Mein Vater erzählte mir zum Beispiel, dass er nach seinem Studium nicht promovieren durfte, weil er jüdisch war. Es half ihm auch nicht, dass er bei der Heirat den Namen meiner Mutter angenommen hatte, der weniger jüdisch klang. Und meine Oma berichtete, dass ihre Großeltern noch Jiddisch sprachen.

Nach dem Abitur wollte ich an der Leningrader Uni Literatur studieren. Eine ehemalige Schülerin meiner Großmutter unterrichtete damals dort und sagte zu meiner Oma: »Tun Sie das Ihrer Enkelin nicht an, sie wird sowieso nicht angenommen, selbst wenn sie die beste Aufnahmeprüfung schreibt. Es ist besser, sie geht woanders hin, wo jüdische Leute studieren können.« So bin ich zur Pädagogischen Hochschule gekommen.

touristen In dieser Zeit haben meine Eltern Freunde in Deutschland, in der Nähe von Düsseldorf, besucht. Es hat ihnen dort gut gefallen, und sie wollten, dass ich das auch sehe. So bin ich im Jahr darauf mit meinem Vater ebenfalls hingefahren. Wir kamen als Touristen und wollten zwei Wochen bleiben.

Bei unserem Gang durch Düsseldorf kamen wir an der Synagoge vorbei. Mein Vater schlug vor, dass wir sie uns ansehen. Er sprach mehrere Sprachen, darunter auch Deutsch, und kam mit den Leuten dort ins Gespräch. Von ihnen erfuhren wir, dass es die Möglichkeit gab, als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland zu kommen. Daraufhin telefonierte mein Vater tagelang mit meiner Mutter. Und schließlich entschieden sie, dass wir es versuchen sollten. Und so blieben mein Vater und ich gleich bei den Freunden in der Nähe von Düsseldorf.

Meinen späteren Mann lernte ich über
eine Jobanzeige kennen.

Da mein Abitur nicht anerkannt wurde, besuchte ich noch einmal die Oberstufe eines Gymnasiums – was ohne Deutschkenntnisse nicht einfach war. Aber mit 18 lernt man schnell. Wir sind im August gekommen, und im April darauf habe ich beim Gastspiel eines russischen Theaters schon als Dolmetscherin gearbeitet.

religion Nun war am Gymnasium Religion ein Pflichtfach, und weil jüdischer Religionsunterricht nicht angeboten wurde, fuhr ich regelmäßig in die Düsseldorfer Gemeinde und nahm dort am Unterricht teil.

Als ich dann an der Uni war, habe ich mich der jüdischen Studentengruppe angeschlossen. Wir waren viel unterwegs, haben Theateraufführungen gemacht, und nun war ich auch an den Feiertagen in der Synagoge. Leider ist mein Vater schon wenige Monate nach unserer Ankunft mit nur 43 Jahren gestorben. Meine Mutter und ich hatten zunächst vor, nach Leningrad zurückzukehren. Aber alle Freunde haben gesagt, wir sollen bleiben. Mein Vater hätte gewollt, dass ich mir hier ein besseres Leben in einem offenen und demokratischen Land aufbaue. Meine Mutter fand dann ganz schnell Arbeit in einem Ingenieurbüro. Man hat ihr trotz ihrer damals noch geringen Deutschkenntnisse diese Chance gegeben.

Auch ich fing neben meinem Studium – Germanistik und Amerikanistik – an zu jobben. Eigentlich wollte ich Journalistin werden. Aber ein kluger Mann, den ich dort kennengelernt habe, ein deutscher Journalist, sagte mir, da mein Deutsch noch fehlerhaft sei, wäre es besser, nicht Journalistik, sondern Germanistik zu studieren, weil ich da viele deutsche Autoren lesen müsse.

FAMILIE Als ich mit dem Studium fertig war, lebte ich schon in Berlin, war verheiratet und hatte einen Sohn. Es ist eine lustige Geschichte, wie ich meinen Mann, der sehr viel mehr Ahnung vom Judentum hatte als ich, kennenlernte. Ich hatte am Düsseldorfer Bahnhof eine Zeitung gekauft und darin eine Anzeige entdeckt: In Berlin entstand ein russischsprachiger Fernsehsender, und man suchte Moderatoren oder Redakteure. Daraufhin habe ich mich beworben, und recht bald antwortete mir ein Mann, dass er ohnehin nach Düsseldorf unterwegs sei und mich gern kennenlernen würde.

Wir haben uns getroffen – und er wurde später mein Mann, was wir damals natürlich noch nicht wussten. Den Sender hat es am Ende nie gegeben, er hat damals nur in deren Träumen und in der Planung existiert. Aber in der Anzeige schien es so, als ob der Sendestart kurz bevorstünde.

Inzwischen sind meine beiden Söhne 18 und 24 Jahre alt. Anders als ich sind sie jüdisch aufgewachsen.

Ich habe dann bei einer russischsprachigen Zeitung gearbeitet, habe auch Pressearbeit gemacht in Berlin, und schließlich wurde in der Zeitungsredaktion überlegt, einen russischsprachigen Radiosender aufzubauen. Wir haben recherchiert und gesehen, dass man nicht so einfach an eine Frequenz kommt. Man muss sich bewerben und warten, bis eine ausgeschrieben wird. Ich habe sowohl am Konzept gearbeitet als auch an dessen Präsentation. Nach einiger Zeit hat es geklappt, und wir konnten unseren Sendebetrieb starten.

ukraine-krieg Seitdem bin ich Kreativdirektorin und für den ganzen Inhalt verantwortlich. Bis zum russischen Angriff auf die Ukraine waren wir ein reiner Unterhaltungssender, mit dem Jingle »Radio der guten Laune«. Aber weil viele unter den russischen Künstlern Putins Politik befürworten, ist es mit der guten Laune erst einmal vorbei. Und so auch mit unseren witzigen Formaten. Also mussten wir unsere Playlist genau durchschauen und ausmisten. Wir spielen jetzt viel ukrainische Musik. All das gehört zu meinen Aufgaben.

Inzwischen sind meine beiden Söhne 18 und 24 Jahre alt. Anders als ich sind sie jüdisch aufgewachsen. Ich habe es fast immer hinbekommen, am Freitag Challa zu backen und die Kerzen zu zünden. Kurz vor der Barmizwa meines jüngeren Sohnes hatten wir davon erfahren, dass es bei Yad Vashem eine besondere Initiative gibt: Man kann eine Bar- oder Batmizwa im Namen von Jungen und Mädchen machen, die im Holocaust umgekommen sind, kurz vor ihrem zwölften oder 13. Geburtstag.

Also haben wir uns mit Yad Va­shem in Verbindung gesetzt, und sie haben für uns einen Jungen namens Grigori gefunden, der aus der Ukraine stammte und mit zwölf ermordet worden war. So haben wir auch in seinem Namen die Barmizwa gemacht. Von Yad Vashem haben wir auch erfahren, wer damals die Dokumente über ihn eingereicht hatte. So haben wir schließlich einen Neffen von diesem verstorbenen Jungen gefunden, der in Deutschland lebt.

synagoge Er ist inzwischen natürlich auch schon ein älterer Mann. Wir haben ihn eingeladen, und er ist nach Berlin gekommen. Am Tag der Barmizwa meines Sohnes hatten wir uns vor der Synagoge verabredet, und als ich dann kam, fielen wir uns in die Arme und hielten einander fest. Dieser Moment hat mich unglaublich berührt. Und noch etwas anderes auch.

Mein Sohn hatte unter seinen Mitschülern am Gymnasium eine Mischung aus vielen Nationalitäten. Einige seiner Schulfreunde waren an diesem Tag schon früh zur Synagoge gekommen. Da standen die Polizisten draußen und haben all diese Kinder gesehen, darunter viele Schwarze und Muslime. Da sagte eine Polizistin zu mir: »Sie tun aber ganz schön viel für die Völkerverständigung.« Das hat mich sehr berührt.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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