Schwabach

Fränkisches Pilotprojekt

Museumsleiterin Daniela F. Eisenstein zeigt das Hasenfresko in der Indoor-Laubhütte. Foto: Ralph Bauer

Das Jüdische Museum Franken hat neben Fürth und Schnaittach nun einen dritten Standort. Am Dienstagabend wurde die Dependance in Schwabach eröffnet. Obgleich sie flächenmäßig mit 80 Quadratmetern wesentlich kleiner ist als die Zentrale in Fürth, birgt sie doch ein kunsthistorisches Juwel: eine spätbarocke Laubhütte. »Das ist ein europaweit einzigartiges Kulturdenkmal«, sagt Museumsleiterin Daniela F. Eisenstein stolz.

Laubhütten in Häusern seien im 18. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches gewesen. Sehr wohl aber die von Moses Löw Koppel in Auftrag gegebenen Wandfresken mit einem Detail der Hasenjagd. Rund 370.000 Euro hat das neue Museum gekostet, woran sich die Stadt Schwabach, die Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern, der Kulturfonds Bayern und die Bayerische Landesstiftung beteiligt haben. Über Spenden kamen rund 100.000 Euro zusammen, davon laut Eisenstein eine fünfstellige Summe einer Privatperson, die anonym bleiben möchte.

exponate Durch die rund 30 Exponate auf drei Etagen begleitet den Besucher ein Audioguide, im ersten und zweiten Stock informiert ein Film über die Geschichte der in der NS-Zeit ausgelöschten jüdischen Gemeinde Schwabach sowie die Bedeutung und die Symbole der Sukka. Diese ließ sich während Sukkot öffnen, die Kassettendecken wurden herausgenommen, ebenso die Dachziegel.

Gemäß der Schrift wurde das Dach dann nur mit Laubzweigen gedeckt. Während der siebentägigen Feier aß die Familie in der Laubhütte und empfing dort auch Freunde. Die Ausschmückungen waren im Gegensatz zu der Schwabacher Hütte meist nur provisorisch.

Aus Kostengründen wurde bisher nicht die gesamte Wand nach übermalten Fresken untersucht. Eisenstein erwartet hier noch die eine oder andere Überraschung: »Ich weiß, dass da noch etwas darunter liegt. Vielleicht kann man dem ja einmal zu einem späteren Zeitpunkt nachgehen.«

Audioguide Den besonderen Reiz der neuen Dependance macht neben der Laubhütte das Gesamtensemble in der Synagogengasse aus. Die Synagoge selbst, das Rabbinerhaus und das Lehrhaus sind so in kaum einer anderen deutschen Stadt erhalten. Mittels eines Audioguides für Smartphones kann sich der Besucher gut eine Stunde lang auf den Spuren der jüdischen Kultur durch die Stadt führen lassen.

Deren jüdische Geschichte begann durch eine geplante Ansiedelung nach dem 30-jährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Schnell machte sich Schwabach einen Namen durch seine Talmudschule und wurde Sitz des Land- und Rabbinatsdistriktes. Hier wirkten auch der Ururgroßvater von Karl Marx, Rabbiner Joschua Heschel Lemberger, und der orthodoxe Rabbiner Abraham Wechsler.

Displaced Persons Mit der Vertreibung des letzten Rabbiners Salomon Mannes, der später nach London flüchtete, endete 1938 die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Schwabach. Die Synagoge erwarb ein Brauereibesitzer, der den unteren Bereich als Lager nutzte und den oberen vermietete. Darin erinnert in der Ausstellung ein Steingut-Bierkrug aus den 50er-Jahren. Etwa in dieser Zeit wurde die Synagoge für jüdische Displaced Persons als Gebetsraum genutzt. Doch nach 1948 gab es keine Juden mehr in der Stadt.

Die kleine Dependance soll nach Vorstellung Eisensteins in puncto multimedialer Inhalte ein Vorbild für die Zentrale werden: »Schwabach ist für uns eine Art Pilotprojekt.« Da man Besucher aller Altersgruppen erreichen wolle, wird es sowohl die Erläuterungen zu den Exponaten im Haus als auch den Spaziergang durch die Synagogengasse auch in schriftlicher Form geben.

Porträt der Woche

»Ich bin für andere da«

Shterna Wolff leitet das Jugendzentrum in Hannover und arbeitet rund um die Uhr

von Christine Schmitt  28.01.2023

27. Januar

»Verantwortung annehmen«

Charlotte Knobloch über ihre Gedenkrede im Bundestag 2021, Erinnerungsarbeit an Schulen und Vertrauen in die junge Generation

von Stefanie Witterauf  26.01.2023

Gedenken

Von Routine keine Spur

Insgesamt 100.000 Stolpersteine wird Gunter Demnig in diesem Frühjahr verlegt haben

von Carina Dobra  26.01.2023

Berlin

Ein kurzes Leben

Marianne Cohn rettete 200 jüdische Kinder

von Christine Schmitt  26.01.2023

Margot Friedländer

»Hier bin ich geboren, hier werde ich sterben«

Die Holocaust-Überlebende und Ehrenbürgerin Berlins wurde am Montag ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  26.01.2023

Jubiläum

Mehr als Einwanderung

Auch nach 90 Jahren ist die Jugend-Aliyah noch aktiv. Ein deutscher Verein unterstützt das Hilfswerk

von Joshua Schultheis  26.01.2023

Soziale Medien

Sprache der Jugendlichen

Wie TikTok an die Schoa erinnern möchte

von Ralf Balke  26.01.2023

»We Remember«

Zuhören und fragen

Berliner Schülerinnen und Schüler im Gespräch mit Zeitzeugen

von Katrin Richter  26.01.2023

Song Contest

Luftsprünge vor Glück

Die Jewrovision startet im Mai – und die jungen Tänzer und Sänger sind schon voller Vorfreude

von Christine Schmitt  26.01.2023