Porträt der Woche

Filmfrau mit acht Leben

Anna Katchko arbeitet als Produzentin und fühlt sich überall auf der Welt zu Hause

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  06.02.2017 19:34 Uhr

»Ich bin eine osteuropäische Jüdin mit mehr als einer Kultur«: Anna Katchko (38) lebt in Berlin. Foto: Uwe Steinert

Anna Katchko arbeitet als Produzentin und fühlt sich überall auf der Welt zu Hause

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  06.02.2017 19:34 Uhr

Zwischen meinen fünf Sprachen switche ich mühelos hin und her, das ist für mich ganz normal: Mit meiner Familie spreche ich Russisch, in Frankreich habe ich Medienwissenschaften studiert, in New York, Moskau und Israel habe ich gelebt. Mein Beruf als Filmproduzentin bringt es mit sich, dass ich viel unterwegs bin. Ich arbeite überall auf der Welt.

Kürzlich war ich zum Beispiel in Almaty in Kasachstan. Das Land habe ich vor acht Jahren entdeckt, und ich liebe es dort: die Menschen, die schneebedeckten Berge, die Steppe. Sie geben mir ein Gefühl von Freiheit. Freiheit ist mir wichtig. Ich habe das Glück, nur das zu machen, was mir gefällt. Ich lasse mich von niemandem einschränken.

umwege In Almaty habe ich ein Filmfestival gegründet. Junge Talente zu fördern, sehe ich als eine meiner Aufgaben an. Sie sollen durch ihre filmische Arbeit ein bisschen die Welt verändern. Auch wenn ich selbst noch jung bin, fühle ich mich manchmal, als hätte ich schon viele Leben gelebt. Denn an acht Orten hatte ich bisher eine Wohnung: Das sind meine acht verschiedenen Leben, die ich in mir trage. Sie machen mein Dasein reicher.

Dabei hätte mein Leben womöglich genauso gut an einem einzigen Ort verlaufen können. In Düsseldorf etwa, wohin ich 1991 als Zwölfjährige mit meiner Familie kam, als jüdische Kontingentflüchtlinge aus der früheren Sowjetunion. Dass ich mich an vielen Orten zu Hause fühle, liegt wohl in meiner Natur.

Berlin ist so ein Ort. Allerdings brauchte es viele Umwege und Anläufe, um hier anzukommen. Dabei hat mich die Stadt seit unserer Auswanderung magisch angezogen. Dass es so lange gedauert hat, fügt sich gewissermaßen in meine acht Leben ein.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Moskau. In Düsseldorf habe ich das Abitur abgelegt. Danach wollte ich dann eigentlich nach Berlin ziehen. Das war mein erster Berlin‐Anlauf. Doch studiert habe ich schließlich in Paris, fünf Jahre lang. Denn neben dem deutschen Abitur hatte ich das französische Baccalauréat in der Tasche. Dann eben nach dem Studium, dachte ich damals. Doch von Paris aus führte mich mein Weg nach New York. Dort habe ich ebenfalls fünf Jahre gearbeitet, erst als politische Fernsehjournalistin, dann als TV‐Produzentin. Also verschob ich Berlin aufs Neue. So ging es weiter, denn beruflich verschlug es mich anschließend nach Russland, Kasachstan und Schweden. Berlin musste warten.

garten Man kann sagen, ich habe mich erst in Richtung Westen bewegt – Deutschland, Frankreich, USA –, dann wieder gen Osten. Doch irgendwann habe ich mir gesagt: »Ich muss nach Berlin.« Das war so eine Idee in meinem Kopf, die ich 20 Jahre lang mit mir herumgetragen habe.

Von ganz Deutschland kam für mich nur diese Stadt infrage. Sie ist perfekt für Leute wie mich, die sich keiner Kultur allein zugehörig fühlen. Es ist die internationalste Stadt der Welt, mehr noch als New York. Das ist natürlich ein Image, aber an ihm ist etwas dran. Für mich ist Berlin ein Eldorado: Keiner gehört hierher, alle gehören hierher.

Da ich nirgendwo hingehöre, hätte ich auch nicht nach Charlottenburg oder Kreuzberg ziehen können, sondern nur nach Tiergarten. So wohne ich seit drei Jahren buchstäblich »im Garten«. Ich kann in Sportsachen vor die Tür gehen oder mit meinem Kind durch den Park spazieren. Dabei verdanke ich diese Wohnung einem Zufall.

zufall Mein ganzes Leben ist gewissermaßen ein großer Zufall: auf Kasachstan, Schweden, Russland, Frankreich, Israel und Deutschland verteilt. Ich glaube an Zufälle. Das bringt mein Beruf mit sich, der ja sehr spirituell ist: Alles ist emotional und hat mit Energie zu tun. Ob gute oder schlechte Energie, ist enorm wichtig. Denn man arbeitet an einem Film zwei, drei Jahre lang mit den gleichen Menschen, in dieser Zeit werden sie zur Familie. Ich habe Freunde, die ich seit 20 Jahren kenne.

Mit Anfang 20 habe ich mir oft die Frage nach Identität gestellt. Wo gehöre ich hin? Welche meiner vielen Sprachen ist meine Muttersprache? Dann habe ich festgestellt: Ich bin wirklich überall zu Hause. Das ist ein so schönes Gefühl. Es gibt Städte, die ich sehr liebe und in denen ich gerne bin, New York, Paris, Moskau.

Mir sind diese Städte auch deshalb so vertraut, weil ich Menschen dort kenne, die etwas bewegen. Ich tauche vor Ort ins Leben ein. Wenn ich fortgehe, habe ich kein Heimweh. Es ist dann wie ein Treffen mit einem guten Freund. Das gibt mir Kraft.

abwechslung Fernsehshows zu produzieren, vor und hinter der Kamera zu stehen, habe ich irgendwann als zu einengend empfunden. Daher begann ich, bei Filmen mitzumachen. Einfach so, umsonst. Ich habe alles gemacht, von Location Scout über Casting bis Kostüme. Ich wollte einfach alles lernen. Abends, nach der Arbeit, habe ich an der New Yorker Filmakademie studiert. 2005 entschied ich mich schließlich, nur noch Filme zu produzieren.

Ein Produzent ist derjenige, der eine Idee hat. Dafür brauche ich eine ganze Crew, vom Drehbuchautor bis zum Regisseur. Und ich brauche Geld. Als Produzentin mache ich alles, das ist das Schöne. Die Systeme, wie man Filme finanziert, unterscheiden sich weltweit. Man hat viel mit Geschäftsleuten, Politikern, Kulturministerien, Sponsoren und Öffentlichkeitsarbeit zu tun.

Das ist die eine Seite. Die andere ist die kreative Arbeit mit den Künstlern: Ich bin immer dabei. Regisseurin oder Drehbuchautorin wollte ich nie werden, dennoch bin ich bei den meisten Projekten an beidem stark beteiligt. Diese kreative Arbeit empfinde ich als sehr produktiv. Ich brauche die Abwechslung.

berlinale‐Bär Das spiegelt sich auch in meinen Filmen wider: Bis jetzt habe ich ganz verschiedene Filme gemacht: von Arthouse über Komödien bis hin zu Actionfilmen. Bei der Berlinale 2013 etwa lief mein Film Harmony Lessons im Wettbewerb. Mit ihm haben wir einen Bären für die beste Kamera gewonnen. Auch bei den Filmfestspielen in Venedig haben wir einen Preis für einen nepalesischen Film gewonnen. Wenn man dort gewonnen hat, werden die Filme auch auf anderen Festivals gezeigt, Türen öffnen sich. Das ist eine wunderbare Erfahrung.

Im Moment produziere ich einen Film von einem ukrainischen Regisseur. Als Produzent initiiert man sehr viele Ideen, aber man wartet auch auf Talente, die einen begeistern. Genau das ist mit diesem Regisseur passiert. Nun arbeiten wir zusammen. Wenn Filme fertig sind, ist es für mich leichter als für den Autor oder Regisseur. So arbeite ich derzeit parallel in mehreren Ländern: Ukraine, China, Kasachstan und Italien. Dort drehe ich eine romantische Komödie, an der ich mitschreibe – etwas ganz anderes also.

Ich bin eine Kämpferin. Durch die Filme kann ich etwas ausdrücken; sie vermitteln, was mit der Welt passiert. Natürlich sind Filme politisch. Harmony Lessons etwa ist ein sehr sozialkritischer Film – in Kasachstan wurde er verboten.

Ja, Filmemachen ist mein Broterwerb: Ich kann mich entfalten und schöne Projekte verwirklichen, eben auch eine romantische Komödie in Italien. Dennoch sehe ich meinen Beruf als Mission. Auch deshalb gehe ich jedes Jahr nach Russland und Kasachstan und unterrichte dort. Wenn ich nur 100 Leuten etwas vermitteln kann, habe ich schon etwas bewirkt.

spur Judentum ist immer ein Teil von mir gewesen. Ich bin eine osteuropäische Jüdin. Mein Kind möchte ich so erziehen, dass es diese Geschichte und Kultur mitnimmt. Ich komme aus einer typischen Moskauer jüdischen Familie – Akademiker, sehr russisch. Eine Familie von Musikern, Ingenieuren und Architekten.

Nach Düsseldorf kam ich in einem Alter, in dem ich sehr aufgeschlossen war. Wir wurden Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, zwischen 1991 und 1997 habe ich mich nur mit Judentum beschäftigt: Ich ging in die Synagoge, hielt Kaschrut, wurde Madricha, lernte Hebräisch, studierte die Schriften und fuhr jedes Jahr nach Israel. Auch das war eines meiner acht Leben, ein wichtiges. Jetzt nehme ich diese Spur wieder auf.

Ich habe immer gedacht, für eine berufliche Begegnung mit Israel müsse ich noch wachsen. Im vergangenen Sommer war ich nach vielen Jahren wieder dort – als Jurymitglied des Jerusalemer Filmfestivals. Ich habe den Abstand gebraucht, um dort wieder Fuß zu fassen, nun aber als Filmproduzentin. So knüpfte ich nach meinen Düsseldorfer Jahren daran an, nur diesmal gefüllt mit neuen Erfahrungen – und meinen anderen sieben Leben. Auch in Israel gibt es viele Geschichten, die ich erzählen möchte. Darum geht es in meinem Beruf: ums Geschichtenerzählen.

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