Sport

Feuer frei in Zehlendorf

Es ist eine Szene wie aus einem Krimi: rauchige Nebelschwaden über dem Wannsee, das Rascheln von Laub mitten auf dem stockdunklen Waldgelände, spärlich beleuchtete Hallen, kaum eine Menschenseele und plötzlich – ein Schuss. Ganz nah.

Die Halle, aus der der Schuss kommt, gehört zur DEVA, der Deutschen Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen. Der »Schieß-TÜV« ist Betreiber der Anlage im Südwesten Berlins, zu der rund ein Dutzend Hallen gehören.

Vorbereitungen Seit Ende Oktober trainiert hier zweimal pro Woche TuS Makkabi Berlin. Schießsport ist der jüngste Abteilungszuwachs des jüdischen Sportvereins – zur Freude von Vorstandsmitglied Isaak Lat. »Wir haben seit Jahren immer wieder versucht, eine Schießabteilung auf die Beine zu stellen«, sagt Lat. »Doch so eine Sportart erfordert langwierige Vorbereitungen, bis alles wirklich ausgereift ist.«

Schon im August 2012 trat Makkabi dem Schützenverband Berlin-Brandenburg bei – ein großer Schritt in Richtung Ziel. Doch was fehlte, waren vor allem qualifizierte Leiter und Trainer, die die hohen Sicherheitsstandards gewährleisten konnten. Lat wollte kein Verteidigungsschießen, sondern eine »ganz normale Sportabteilung« – so wie Fußball, Schach und Tennis.

Als dann im September das Angebot von Oliver Hoffmann kam, die Schießsportabteilung für Makkabi ehrenamtlich aufzubauen, zu leiten und zu beaufsichtigen, sagte Lat sofort zu: »Oliver ist für uns ein echter Glücksgriff. Ohne ihn wäre unser Traum von einer Schützenabteilung in weite Ferne gerückt. Vor allem rechtzeitig zu den European Maccabi Games (EMG) 2015. Doch jetzt haben wir eine echte Chance.«

glücksgriff Bis zum Sommer 2015, so hofft Lat, sollen die neuen Berliner Makkabi-Schützen schon so fit sein, dass sie sich für die EMG qualifizieren können. Die Chancen dafür stehen gut, meint auch Oliver Hoffmann. Mit seiner Firma High Risk Protection bildet der Sicherheitsmann professionelle Personenschützer und Securitymitarbeiter aus und entwickelt Sicherheitsstrategien für Behörden und Unternehmen. Mit seinen jahrelangen Erfahrungen als Krav-Maga-Trainer in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist er für Makkabi zudem der ideale Trainer fürs Sportschießen.

Für das Schießtraining haben sich mittlerweile mehr als 20 Männer und Frauen angemeldet. Viel mehr Kapazität gibt die 50 Meter lange Halle auch nicht her. Zumal Sicherheit oberstes Gebot beim Training ist. Denn geschossen wird mit scharfer Munition, Großkaliber und neun Millimeter, auf Wunsch auch mit Kalaschnikows und Scharfschützengewehren. Maximal zwölf Sportler können gleichzeitig trainieren.

Einer von ihnen ist Ralf Zillmann. Für seine nächste Filmrolle hat der Schauspieler von seinem Regisseur ein Schießtraining verordnet bekommen. »Bei der Rolle muss ich so tun, als würde ich mit einer echten Waffe schießen«, erklärt der Schauspieler und lacht. Ganz anders Lior Dimant. Der 44-Jährige betreibt den Schießsport als Ausgleich zum Büroalltag. Was ihn daran reizt, ist vor allem die körperliche und mentale Herausforderung. »Schießsport hat weniger etwas mit Herumballern zu tun als mit Konzentration, Atemtechnik und Körperhaltung«, weiß Dimant.

Schutzbrille Inzwischen hat Oliver Hoffmann den schweren silberfarbenen Koffer mit den Waffen ausgepackt. Die Ausrüstung dazu samt Erste-Hilfe-Material wiegt nochmal 25 Kilo extra. Mit ruhiger Stimme weist er die Teilnehmer ein, drückt jedem Schutzbrille und Ohrschutz in die Hand. »Das Wichtigste hier ist die Sicherheit«, mahnt der Trainer und deutet in die Halle. »Habt Respekt vor der Waffe, haltet sie nur geradeaus in Richtung Zielscheibe!«

Erst auf ausdrückliche Anweisung des Trainers füllen die beiden Sportschützen Dimant und Zillmann ihre Magazine mit jeweils fünf Schuss. Dann bringen sie sich in Position: die Beine schulterbreit auseinander, leicht federnde Knie, Arme gestreckt vorm Körper. Schließlich drücken sie fünfmal hintereinander ab – peng! Die Patronenhülsen pfeifen links und rechts durch die Luft, regnen auf dem sandigen Boden nieder und prallen in zehn Metern Entfernung auf der Zielscheibe auf. Beißender Rauch erfüllt die Luft. Dann heißt es Magazine sichern, Pistolen aus der Hand legen, tief durchatmen.

Die beiden Schützen gehen nach vorne zur Zielscheibe. Die Trefferquote war zum Aufwärmen gar nicht schlecht, lobt Trainer Hoffmann. »Schießen verlangt den Sportlern maximale Disziplin und Konzentration ab«, erklärt er. »Das ist ein Sport mit viel Verantwortung.« Besonders für Neulinge seien die Sicherheitsvorkehrungen und Einweisungen vor jedem Training ein absolutes Muss, so Hoffmann. Viele der angemeldeten Makkabi-Schützen kommen jedoch wie Hoffmann aus dem Sicherheitsbereich. Andere haben schon Erfahrung im Schießsport – so wie Isaak Lat.

EMG 2015 Für den Makkabi-Vorstand ist Schießen eine »Passion aus der Jugendzeit«: In Israel war er jahrelang Sportschütze. Daran will er nun im Verein wieder anknüpfen. Wenn da nicht schon die zeitfordernde Organisation der EMG wäre, würde Lat am liebsten selbst bei den Spielen als Schütze antreten: »Aber nur, falls ich die Leistung bringe.« Außerdem trainiere er ja auch noch die Schachspieler, und die hätten absoluten Vorrang.

Und dennoch, ein bisschen liebäugelt Lat mit der Qualifikation als Makkabi-Schütze. Deshalb trainiert er jetzt konsequent einmal pro Woche bei Oliver Hoffmann am Wannsee. Aus rein sportlichem Ehrgeiz, mit ruhiger Hand und viel Verantwortung, versteht sich. Ganz ohne Krimispannung.

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026