Pessach

Fest der Freiheit

Flug nach Israel: ukrainische Kriegsflüchtlinge am 17. März auf dem Chisinau International Airport, Moldawien Foto: Flash90

Wenn wir in diesem Jahr die Pessach-Geschichte hören, wird uns manche Passage womöglich mehr berühren als in anderen Jahren. Denn was ging der Freiheit, die die Israeliten erlangten, voraus? Gefühle der Bedrohung und Bedrängnis in Ägypten. Ein Gefühl der Ausweglosigkeit, als vor ihnen das Schilfmeer lag und hinter ihnen die Krieger des Pharaos heranrückten. Gefühle von Erschöpfung und Ermüdung bei der Wanderung durch die Wüste.

Der Auszug aus Ägypten war nicht vom Glück über die Freiheit geprägt, sondern er war eine Flucht. Die Mühsal war so groß, dass sogar trotz Unfreiheit die Fleischtöpfe in Ägypten lockten.

pandemie Stets wurde und wird die Haggada vor dem Hintergrund der aktuellen Situation gelesen. Nach zwei Jahren Pandemie, die Vereinzelung und häufig Einsamkeit mit sich brachten, ist es in diesem Jahr der Krieg in der Ukraine, der uns umtreibt – und das Fest überschattet.

Viele fühlen sich bereits durch die Pandemie erschöpft. Einige sind es auch – sie kämpfen noch immer mit den gesundheitlichen Folgen ihrer Covid-Infektion. Die Einschränkungen, die ständige Ungewissheit, die Unplanbarkeit von medizinischen Operationen, Urlauben oder Studienaufenthalten, die Existenzängste – all das war zermürbend und ist es für viele immer noch.

Neue Ängste und Ungewissheiten kommen hinzu: Wird sich der Krieg ausweiten? Was bedeutet die Aufnahme weiterer Tausender Flüchtlinge in unserem Land?

Jetzt kommen neue Ängste und Ungewissheiten hinzu: Wird sich der Krieg ausweiten? Was bedeutet die Aufnahme weiterer Tausender Flüchtlinge in unserem Land? Wird es zu noch viel größeren Fluchtbewegungen kommen, auch aus dem Globalen Süden, weil dort die Hungersnot wächst aufgrund steigender Weizenpreise oder fehlender Hilfslieferungen? Was passiert, wenn unser Land ohne Gas aus Russland auskommen muss?

bedrohung Die Zusammenhänge sind so komplex, dass sich der Einzelne überfordert fühlt. Nicht nur überfordert, sondern geradezu ohnmächtig. Ein schier unüberwindbares Meer vor sich, eine beängstigende Bedrohung hinter der Grenze. So ähnlich werden sich in diesen Wochen auch viele ukrainische Flüchtlinge fühlen. Buchstäblich fühlen sich so seit Jahren Flüchtlinge, die an einer Mittelmeerküste in ein kleines Boot steigen, weg von Krieg und Gewalt oder um ihrer Familie zu helfen. Auch diese Menschen sollten wir in diesen Tagen nicht vergessen.

Die Pessach-Geschichte zeigt eindrücklich, dass das Vertrauen der Israeliten belohnt wurde. Sie gaben nicht auf und folgten Moses durch das geteilte Meer und durch die Wüste in das Gelobte Land.

Gerade in diesen Tagen, seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar, ist jedoch das Vertrauen vieler Menschen erschüttert. Wie sollen sie dennoch Hoffnung schöpfen? Woher soll die Kraft kommen, nicht aufzugeben?

hilfe Für mich kommt sie durch all jene Tausende Menschen, die jetzt helfen. Ich sehe Bilder von wahrhaft nicht wohlhabenden Familien in Moldawien, die Flüchtlinge aufgenommen haben und ihr Essen teilen. Ich sehe Bilder von Helfern an den Grenzen zur Ukraine und in Bahnhöfen, die dort ehrenamtlich Tag und Nacht im Einsatz sind. Ich sehe in unseren Gemeinden zahlreiche Menschen, die helfen – mit Spenden, mit Essen, als Dolmetscher, mit Kinderbetreuung und, und, und. Niemand von uns ist in der Lage, ein Meer zu teilen. Doch jeder von uns kann einen kleinen Beitrag leisten, damit die Wellen weniger hoch sind.

Es ist beeindruckend und ermutigend, wie viele Bürger sich jetzt – nach zwei Jahren Pandemie – für die Flüchtlinge engagieren. Dieses Engagement über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, ist schwierig – seien wir ehrlich: unmöglich. Hier ist der Staat gefragt.

Gerade jetzt gilt es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Denn gerade jetzt gilt es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Wenn der Wohlstand sinkt (und damit ist zu rechnen), wenn es zu weiteren Belastungen kommt, dann ist der Nährboden da, auf dem Ressentiments gegen die neuen Flüchtlinge gedeihen. Es ist leicht, sich vorzustellen, welche Partei das ganz schnell für sich nutzen würde.

demokratie Daher sollten wir uns bewusst machen: Wir sind als Bürger vielleicht ohnmächtig, gegen diesen Krieg vorzugehen. Wir sind aber nicht ohnmächtig, unsere demokratische Kultur zu bewahren. So wie in der Flüchtlingshilfe aus den Jahren 2015/2016 gelernt wurde, sollten wir auch für unsere Demokratie aus den vergangenen Jahren Lehren ziehen. Eine Neuauflage von Pegida brauchen wir ebenso wenig wie Querdenker 2.0.

Ich bin mir sicher: Unsere Gesellschaft kann das leisten. In diesen Wochen können wir beobachten, welche erstaunlichen Kräfte freigesetzt werden. Und die Ukrai­ner demonstrieren uns eindrücklich, warum Freiheit und Demokratie so wichtig sind.

Pessach heißt, für die Freiheit sehr viele Mühen auf sich zu nehmen. Wir sind jetzt gefragt, den Flüchtlingen ein wenig Last von ihren Schultern zu nehmen. Ganz praktisch geht es darum, ihnen zu helfen. Doch wenn wir den Blick übers Meer zum Horizont richten, begreifen wir: Es geht um unsere Freiheit in Europa.

Ich wünsche allen Jüdinnen und Juden in Deutschland und weltweit ein gesegnetes und koscheres Pessachfest, das hoffentlich mit Vertriebenen aus der Ukraine gemeinsam gefeiert wird. Pessach Kascher we-Sameach!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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