Porträt der Woche

Fast wie zu Hause

Nadav Goldenberg arbeitet bei einer Versicherung und will Israel positiv darstellen

von Till Schmidt  12.03.2018 20:04 Uhr

»Im Ausland ist es für uns Israelis nicht immer einfach«: Nadav Goldenberg (31) lebt in Bremen. Foto: Kay Michalak / fotoetage

Nadav Goldenberg arbeitet bei einer Versicherung und will Israel positiv darstellen

von Till Schmidt  12.03.2018 20:04 Uhr

Die Welt ist größer als Bremen. Doch hier kann ich viel lernen und relativ günstig leben. Und ich habe hier einige gute Freunde gefunden. Das Traineeprogramm, das ich in einer Transportversicherungsfirma mache, öffnet mir viele Türen für die Zukunft. Auch für eine Zukunft in Israel, wohin ich vielleicht eines Tages zurückkehren werde. Nach Bremen hat es mich ganz plötzlich verschlagen. Dabei ist es nicht die erste europäische Stadt, in der ich lebe.

Studiert habe ich an der Lauder Business School in Wien. Nach dem Armeedienst verspürte ich den Drang, nicht nur für einige Wochen ins Ausland zu gehen, wie es viele meiner Freunde gemacht haben, sondern einmal für längere Zeit herauszukommen. Urplötzlich ergab sich die Möglichkeit, in Wien BWL zu studieren.

akzent Wien ist die größte Stadt, in der ich bisher gelebt habe. Daran denke ich gerne zurück: Die Partys, die faszinierende Geschichte, die vielen Kulturangebote – all das kann man als Student natürlich sehr gut genießen. In Wien habe ich auch meine erste große Liebe kennengelernt. Wer genau hinhört, merkt vielleicht meinen leichten Wiener Akzent, vor allem bei den lang gezogenen Vokalen. Viele Freunde aus meiner Studienzeit leben noch dort.

Vor 31 Jahren wurde ich in Haifa geboren. Meine Jugend habe ich in Binjamina verbracht, einer kleinen Stadt im Nordwesten Israels, die zwischen Haifa und Netanja liegt und bekannt ist für die Produktion von Honig und Wein. Dorthin zog ich im Alter von sieben Jahren.

Mit meinen Eltern, die in Israel geboren sind, und meinen beiden jüngeren Brüdern war ich schon früher viel und gerne unterwegs. So waren wir häufig in Marseille. Dort habe ich vor allem die Zeit auf See genossen – und viel über Schiffe und Alkohol gelernt. Auch in Binjamina bin ich gerne zum Meer gefahren und habe Zeit am Strand verbracht. An der Nordsee war ich seltsamerweise noch nie.

Grünkohl Mein Vater arbeitet in einem Reederei‐Unternehmen in Haifa, mein Traineeship mache ich nun bei einem der größten Versicherer Deutschlands – die Welt ist zwar größer als Bremen, aber manchmal eben doch klein. Meine Familie hat mich natürlich schon mehrfach hier besucht. Alle vermissen mich sehr und hoffen, dass ich eines Tages zurückkehren werde. Als sie in Bremen waren, habe ich ihnen auch Grünkohl mit Pinkel und Knipp gezeigt. Ich selbst mag die norddeutsche Küche gern. Aber, ehrlich gesagt, mit Leberkäs und der Stelze, wie die Schweinshaxe in Wien genannt wird, kann sie nicht ganz mithalten.

Die Zeit in der israelischen Armee (IDF) war für mich sehr prägend. Der Militärdienst bedeutete für mich, mit Menschen zu arbeiten, für sie da zu sein, sich selbst zu entwickeln und zur Sicherheit Israels beizutragen. Zunächst war ich als Stützpunktoffizier der Marine in Aschdod, später als Oberst in Eilat stationiert, wo ich Verantwortung für 70 Soldaten hatte. Das hat mir gut gefallen, ich habe sogar eine Zeit lang mit dem Gedanken gespielt, bei der Armee zu bleiben.

Während meines Wehrdienstes war ich auch auf einer mehrtägigen Reise in Deutschland und Polen – als wir in Armeeuniform durch Birkenau gingen, war das nicht einfach. Ganz verschiedene Gefühle kamen da hoch. Ich war sehr traurig und habe auch geweint. Vor allem hatte ich das Gefühl: Gut zu wissen, dass wir uns nun verteidigen können.

facebook Als ich nach Bremen zog, fragte ich in einer Facebook‐Gruppe von Hamburger Israelis, ob noch jemand hier sei, den ich möglicherweise kenne. Es meldete sich plötzlich Eddie, der in Bremen promoviert. Er hatte zunächst gar nicht gemerkt, dass ich es bin. Doch wir kannten uns – denn wir hatten für fünf Monate zusammen bei der IDF gedient! Ihn hier in Deutschland wiederzutreffen, war eine große Überraschung für mich. Tags darauf verabredeten wir uns in der Innenstadt. Ich war erleichtert. Als wir uns trafen, fühlte es sich wie zu Hause an.

Im Ausland ist es für uns Israelis nicht immer einfach. Wir sind so daran gewöhnt, miteinander zu sein, Hebräisch zu sprechen. Auch wenn man ganz allein reist, so wie ich damals nach der Armee für einige Monate durch Zentral‐ und Mittelamerika: Irgendwann trifft man sich zufällig, und plötzlich gibt es eine Verbindung. Das ist schon faszinierend.

Ich bin nicht religiös, die Synagoge besuche ich nur an den Hohen Feiertagen Rosch Haschana oder Jom Kippur. Doch ich kenne mich sehr gut aus – was mit meinem Volk passiert ist und wie Israel entstanden ist. Dazu gehören auch eigene Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland und in Österreich. Nach dem Sport wurde ich einmal in der Umkleidekabine von einem alten Mann, der wusste, dass ich Israeli bin, angepöbelt: Ich solle »einfach abhauen«. Außerdem wurde ich im Irish Pub einmal von einer Frau, mit der ich mich zuvor ganz nett unterhielt, gefragt, ob ich »jüdischer Zionist« sei. Das seien jene, die »die Welt erobern wollen«, erklärte sie auf meine Nachfrage. Ich habe das Gespräch dann rasch beendet.

gargamel Ich mache gerne auch mal Witze über mein Jüdischsein. Wir Israelis sind ja bekannt für unseren schwarzen Humor. Doch Erfahrungen wie die im Irish Pub ärgern mich sehr – das ist schlicht Antisemitismus. Da ich nicht mit Kippa auf die Straße gehe, kann erst einmal niemand wissen, dass ich Jude bin. Außerdem sehe ich ja überhaupt nicht aus, wie sich Antisemiten Juden in ihrer Fantasie vorstellen – also ungefähr so wie Gargamel von den Schlümpfen!

In Bremen gibt es immer wieder antiisraelische Demonstrationen. Im vergangenen Sommer wollten Anhänger des iranischen Regimes in der Bremer Innenstadt abstimmen lassen, ob Israel »illegal« ist. Am Ende durften die Islamisten ihre »Abstimmung« gar nicht durchführen, eine Kundgebung aber schon.

Dagegen gab es jedoch eine Protestkundgebung von der Jüdischen Gemeinde, der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft und anderen Engagierten. Zusammen mit meiner Freundin war ich auch mit dabei. Es ist falsch und gefährlich, Israel zum größten Übel in der Welt abzustempeln und dem Land seine Existenzberechtigung abzusprechen. Zur schlimmen Lage in Syrien, die maßgeblich vom Iran mit zu verantworten ist, haben die Bremer Islamisten damals geschwiegen. Das ist aus meiner Sicht dumm.

familie Schon während der Armeezeit begann ich, Deutsch zu lernen. Inzwischen spreche ich es so gut wie fließend. Mein Interesse, diese Sprache zu können, kommt auch daher, dass es dem Jiddischen sehr ähnlich ist. Schon einer meiner Großväter hat Deutsch gesprochen. Er kam aus Czernowitz, das ab 1775 zur Habsburger Monarchie gehörte und nach dem Ersten Weltkrieg dann Teil Rumäniens wurde.

Die meisten Czernowitzer Juden sprachen Deutsch, teilweise auch Jiddisch als Umgangssprache. Mein Großvater kam 1948 im Alter von zwölf Jahren mit der Kinder‐ und Jugend‐Aliyah nach Israel. Während des Zweiten Weltkriegs lebte er in einem Jugendheim in der Ukraine – viel mehr weiß ich leider nicht über ihn.

Seine Frau, meine Oma väterlicherseits, kam 1948 mit dem Schiff »Pan York« als Teil der Alija Bet nach Israel. Sie emigrierte aus Sofia wegen des Antisemitismus und aus zionistischer Überzeugung. Sie erzählte einmal, dass der Antisemitismus erst mit den Deutschen und den Russen ins Land gekommen sei, die während des Zweiten Weltkriegs Bulgarien besetzt hatten.

Als ich 16 war, fuhr ich zusammen mit meiner Mutter, meinem Onkel und meinem Großvater mütterlicherseits nach Litauen, um in Šiauliai sein früheres Zuhause zu besuchen. Nachdem er einige Zeit in Mühldorf, einem Außenkommando des Konzen­trationslagers Dachau, inhaftiert gewe­sen war, emigrierte er nach Palästina, wo er sich in der Nähe von Tel Aviv niederließ. Sein Vater, der in der Schoa ermordet wurde, hatte in Litauen eine Fabrik besessen, in der Leder verarbeitet wurde. Über meine Großmutter weiß ich nur, dass sie ebenfalls aus Litauen kam, aus Plunge. Auch sie emigrierte nach Palästina, wo sie meinen Großvater kennenlernte. 


billigflieger Zum Glück kommt man seit einigen Monaten mit einem neuen Billigflieger von Bremen nach Eilat. So kann ich öfters dorthin reisen, um meine Familie und Freunde zu besuchen. Neulich habe ich im Flieger nach Bremen Roni wiedergetroffen. Ich hatte sie vor einiger Zeit in der Synagoge kennengelernt. In Bremen betreibt sie ein Café mit israelischen Spezialitäten.

Abgesehen davon, dass ich diese Flugverbindungen selbst nutze, finde ich es toll, dass sie mehr Menschen die Möglichkeit geben, meine Heimat ein bisschen näher kennenzulernen. Je mehr Leute nach Israel reisen, desto besser. Denn nur durch zwischenmenschliche Begegnungen können Vorurteile abgebaut werden.

Aufgezeichnet von Till Schmidt

House of One

Drei-Religionen-Haus startet mit Bauvorbereitungen

Im April 2020 soll in Berlin der Grundstein für das weltweit viel beachtete Projekt gelegt werden

 16.01.2019

Porträt der Woche

Die Networkerin

Die Münchnerin Nelly Kranz war bei der Zahal-Pressestelle und leitet jetzt ihr eigenes Start-up

von Katrin Diehl  13.01.2019

Mordechai Gebirtig

Vater des jiddischen Volkslieds

Der Journalist Uwe von Seltmann legt mit »Es brennt« eine literarische Biografie des Dichters vor

von Anett Böttger  13.01.2019