Porträt der Woche

»Es ist ein Wunder!«

Luba Schneider freut sich darüber, dass sie schwanger ist

von Steffen Reichert  28.09.2010 09:18 Uhr

Verbrachte ihre Kindheit auf einem sowjetischen Kasernengelände in Mecklenburg: Luba Schneider Foto: Douglas Abuelo

Luba Schneider freut sich darüber, dass sie schwanger ist

von Steffen Reichert  28.09.2010 09:18 Uhr

Mein Mann wollte es zuerst gar nicht glauben. Aber dann hat er gelächelt, mich umarmt und geküsst. Es stimmt, ich bin schwanger! Und auch, wenn wir noch nicht wissen, ob wir Mitte Februar ein Mädchen oder einen Jungen bekommen – wir freuen uns unheimlich. Wir haben ja unsere Drei‐Zimmer‐Wohnung in Magdeburg damals so ausgesucht, dass wir einen der Räume als Kinderzimmer nutzen können. Und was ich nie gedacht hätte: Plötzlich fang ich an, in der Zeitung auf Beiträge über Kinder zu achten. Es ist ein Wunder: Hier in Deutschland, wo mein Leben begann, kommt nun neues hinzu.

Meine ersten Bilder von diesem Deutschland sind unscharf. Ich sehe eine Kaserne in Ludwigslust und viele Trabis. Meine Erinnerungen schmecken nach Bratwürstchen und Butterstollen. Und dann ist da noch meine deutsche Freundin Manuela, mit der ich mich irgendwie verständigt habe. Sie auf Deutsch, ich auf Russisch, wir beide mit Händen und Füßen.

Das ist nicht viel Konkretes, wird mancher sagen. Aber damals, im Jahr 1981, als mein Vater als Berufssoldat aus unserer Heimat in Moldawien in die DDR versetzt wurde, war ich gerade zwei. Und als wir sechs Jahre später in die Sowjetunion zurückkehrten, da war ich acht – entsprechend dürftig sind meine Erinnerungen.

DDR Wir hatten eine Wohnung auf dem Kasernengelände in Mecklenburg, so wie das üblich war. Mein Bruder Alex wurde in der DDR geboren, und ich ging auf eine russische Schule. Meine Mutter arbeitete bei der Armee als Bibliothekarin. Dass sie Jüdin ist, wusste man, aber es war nie ein Thema.

Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich ein zweites Mal in diese Gegend kommen würde. Denn mein Zuhause hieß Ungheny, eine moldawische Kleinstadt an der Grenze zu Rumänien. Dort ging ich dann richtig zur Schule, da hatte ich Freunde. Es war zu Beginn der 90er‐Jahre, als wir in der Klasse plötzlich feststellten und erstmals darüber redeten, dass sechs von uns Juden sind. Wir begannen uns dafür zu interessieren, jeder auf seine Weise. Die Gespräche mit meiner Mutter und die Kontakte zur Gemeinde setzten etwas in mir frei, von dem ich heute sage, dass es meine jüdische Identität begründet hat.

In einer Zeit voller Ungewissheit bewarb ich mich für das Programm »NAALE 16: Jugend kommt nach Israel«. Wir wurden hart geprüft: Englisch, Mathe, Psychologie. Ich bestand alle Prüfungen und durfte als eine von vielleicht 30 Stipendiaten aus der ehemaligen Sowjetunion für zwei Jahre nach Israel fahren, um das Abitur zu machen und Hebräisch zu lernen.

PATRIOTISmus Die Ankunft in Israel war mit einem Schock verbunden. Beim Verlassen des Flugzeuges schlug mir die extreme Hitze entgegen. Und das Leben im Internat war hart: strenge zeitliche Vorgaben, Ausgang mit Betreuern nach Anmeldung, festgelegte Nachtruhe. Und doch hat dieses Land eine Faszination bei mir ausgelöst, die in Patriotismus mündete. Die Menschen dort sind so offen, so stolz auf dieses Stück Erde.

Ich begann damals, mich für Politik zu interessieren und Zeitung zu lesen. Als dann im gleichen Jahr Yitzhak Rabin ermordet wurde, stand für mich sehr bald fest: Ich würde für immer in Israel bleiben wollen. Für meine Eltern bedeutete das natürlich eine absolute Katastrophe. Sie hatten bereits die Übersiedlung nach Deutschland beantragt und lediglich auf meine Rückkehr gewartet. Nun sagte ich: Ich bleibe in Israel. Und noch schlimmer: Ich gehe zur Armee. Denn das war ja die logische Folge.

Ich hatte in jener Zeit die israelische Staatsbürgerschaft angenommen und unterlag damit der für Frauen geltenden Wehrpflicht von einem Jahr und neun Monaten. Ich wollte zur kämpfenden Truppe. Ich wollte etwas tun.

Am Anfang stand die Grundausbildung: Marschieren, Taktik, Schießtraining an der Uzi. Wir durften die Waffe nie aus der Hand geben, mussten sie nachts am Bettgestell doppelt anschließen und unsere Matratze darauf legen. Obwohl ich im Gegensatz zu manchen anderen Frauen an dieser Ausbildung nicht zerbrochen, sondern eher stark geworden bin, durfte ich nicht zur kämpfenden Truppe. Das war eine Riesenenttäuschung für mich – und doch begriff ich, dass alles seinen Sinn hat. So diente ich die verbleibende Zeit als Sekretärin an einem Militärgericht und arbeitete den Rechtsanwälten zu.

Explosion Den Traum vom Frieden im Nahen Osten träume ich jeden Tag. Es macht mich traurig zu erleben, dass sich Menschen so gewaltsam begegnen. Als ich nach der Armeezeit in einem Hotel jobbte, erlebte ich, wie im Nachbargebäude eine Bombe explodierte. Diese Bilder von den Toten und Verletzten, dem Blut, die panischen Reaktionen, aber auch die bestürzten Blicke meiner arabischen Kollegen kann ich nicht vergessen.

Insofern habe ich heute auch Angst um meinen Bruder, der Stabsgefreiter bei der Bundeswehr ist. Wenn ich mir nur vorstelle, dass er nach Afghanistan kommen könnte … Noch in diesem Jahr muss er sich entscheiden, ob er seinen Dienst verlängern möchte. Mal sehen. Nun ja, wir sind eben eine Familie, in der die Armee eine große Rolle spielt.

Mein Bruder kam 1998 mit meinen Eltern nach Magdeburg. Ich war damals noch in Israel. Unsere Mutter, die inzwischen wieder als Bibliothekarin arbeitet, sagte zu mir am Telefon: »Komm doch hierher, studiere, und dann kannst du ja wieder zurück nach Israel gehen.« Ich war sehr unsicher, auch weil mir Deutschland damals im Vergleich zu Israel so ruhig und leise vorkam. 2002 bin ich dann tatsächlich gekommen – und geblieben. Inzwischen habe ich an der Fachhochschule ein Studium als Übersetzerin für Russisch und Englisch absolviert. Mit Deutsch als Muttersprache – das war schon komisch für mich.

Ehe Hier in Magdeburg habe ich auch meinen heutigen Mann Mirko, einen Fitnesstrainer, kennengelernt. Es war Zufall, wie das Leben eben so spielt. »Stimmt es, dass du Jüdin bist?«, fragte er mich bei unserer ersten Begegnung. »Ja«, sagte ich. »Cool«, antwortete er. Da hat es gefunkt. Vergangenes Jahr haben wir geheiratet. Nun heiße ich nicht mehr Malyshevskij, sondern Schneider. Unsere Gäste, Freunde und Verwandte, kamen aus aller Welt.

Dieses Internationale ist sehr wichtig für mich, ich habe das ja selbst erlebt. Ein Jahr war ich in Amerika, ich bin durch Indien gereist. Und überall, wo ich hinkomme, spüre ich so etwas wie eine Verpflichtung: Ich muss eine Synagoge besuchen. Ich selbst bin inzwischen in 17 Länder gereist. Ich will das Leben fühlen, sage ich immer. Ich brauche diese Gegensätze. Mal Hip‐Hop, mal Klassik, mal Thriller, mal Lyrik. Aber Leben ist auch, eine Ehe zu führen. Mit unserem Kind wird nochmals alles anders.

Viermal die Woche pendle ich mit dem Zug in das eine Stunde entfernte Dessau, wo ich für dieses Jahr eine Stelle bei der Gemeinde gefunden habe. Ich bin für die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zuständig, organisiere den Schabbat für sie, gebe Sprachunterricht, verreise mit ihnen. Zugleich bin ich aber auch fürs Dolmetschen verantwortlich – ich spreche ja vier Sprachen.

Die größte Entscheidung für mich steht in wenigen Wochen an. Ich könnte dann, nach acht Jahren in der Bundesrepublik, die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Im Gegenzug müsste ich aber wohl die israelische aufgeben. Beide zeitgleich haben zu wollen, ist problematisch. Ich habe lange überlegt, ob ich das mache. Es ist ja alles Teil dieser langen Reise. Ich denke aber, ich werde es tun. Ich glaube, ich bin jetzt angekommen.

Aufgezeichnet von Steffen Reichert

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