Frankfurt/Main

»Es gibt keine Grabsteine«

Gemeinsam: Eva Weiß und Dietrich Weber werden eine der Gedenkkerzen entzünden. Foto: Rafael Herlich

Das hohe Alter bringt es mit sich, dass Gegenwärtiges in den Hintergrund und Vergangenes in den Vordergrund rückt. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Zeitzeugen der NS‐Diktatur erst jetzt beginnen, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Und auch, dass in diesem Jahr am 27. Januar – dem internationalen Holocaust‐Gedenktag – die Emotionen wieder besonders stark sein werden.

Dieser Tag wird auch in der Henry‐und‐ Emma‐Budge‐Stiftung in Frankfurt am Main in einem besonderen Rahmen begangen. Auf »Initiative der jüdischen Bewohner«, wie Heinz Rauber, Direktor der Budge‐Stiftung weiß, wurde in dem konfessionsübergreifenden Alters‐ und Pflegeheim im Jahr 2006 der Arbeitskreis »Erinnern und Gedenken« gegründet.

Diesem gehören neben mehreren Heimbewohnern Rauber selbst sowie Michael Dietrich, seit 25 Jahren Mitarbeiter des Sozialdienstes der Budge‐Stiftung, Rabbiner Andrew Steiman, Pfarrerin Gisa Reuschenberg und Diakon Franz Reuter an.

Der Arbeitskreis richtet nun anstatt der früheren hausinternen Veranstaltungen jährlich drei größere Gedenkveranstaltungen aus: neben der zum Holocaust‐Gedenktag auch jeweils im Frühjahr zum Jom Haschoa und am 9. November zur Pogromnacht.

Seit vergangenem Jahr hat die Budge‐Stiftung zudem, auf Initiative des Arbeitskreises, einen besonderen Ort des Erinnerns: Am 9. November 2011 wurde die neu errichtete Gedenkstätte zur Erinnerung an die 23 von den Nazis ermordeten Bewohner, die in den 30er‐Jahren im ursprünglichen Budge‐Heim gewohnt hatten, eröffnet. »23 Namen von sechs Millionen Namen. Mögen ihre Seelen eingebunden sein in den Bund des Lebens«, lautet die Inschrift der Basaltstelen, die vor dem Eingang der Stiftung zu finden sind.

solidarität Finanziert wurde das Denkmal durch Spenden: Viele Heimbewohner haben sich statt Geburtstagsgeschenken Geld für das Denkmal gewünscht. Und zwar Juden wie Nichtjuden. »Das hat eine Solidarität geschaffen, die es vorher im Alltag so nicht gab«, sagt Rauber.

Dass die 23 Namen bekannt sind, ist einem Zufall zu verdanken: Vor fünf Jahren wurden im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte die bis dato als nicht auffindbar geltenden Wohnnachweise für das Budge‐Heim entdeckt.

Bei den im Budge‐Heim stattfindenden Gedenkveranstaltungen, die mittlerweile bis zu rund 200 Gäste zählen, gedenken die Teilnehmer natürlich nicht nur der 23 ermordeten Heimbewohner, sondern vor allem auch ihrer eigenen Verwandten, Freunde und Bekannten, die in der Schoa ums Leben gekommen sind.

»Für unsere jüdischen Bewohner ist das zugleich der Nachweis, dass es großen Respekt vor ihrer Geschichte gibt, dass sie nicht vergessen wird«, spricht Rauber ein Spannungsfeld der Stiftung an. Denn in seinem Haus leben Juden und Nichtjuden zusammen, ist es rein theoretisch möglich, dass sich Opfer und Täter näher kommen, als sie es sich für ihren Lebensabend eigentlich gewünscht hätten.

»Von jüdischer Seite ist es eine ganz bewusste Entscheidung, in ein paritätisches Haus zu gehen«, weiß allerdings Michael Dietrich, Mitarbeiter des Sozialdienstes. Zudem, so ergänzt Rauber, »fragen Kinder, deren Eltern im ›Dritten Reich‹ eine Täterrolle hatten, gar nicht erst nach einem Platz in unserem Heim an«.

Partnerschaft Bei den Gedenkveranstaltungen indes, so haben Rauber und Dietrich beobachtet, vermag man kaum zu unterscheiden, wer Jude und wer Nichtjude ist. »Da öffnen sich bei allen die Schleusen.« Und zwar nicht nur für Tränen, sondern auch grundsätzlich: »Ich werde nach solchen Veranstaltungen oft von jüdischen Bewohnern überrascht, die sich plötzlich öffnen und mir Geschichten erzählen, die ich bis dato nicht kannte.«

Wie etwa die der gebürtigen Rumänin Eva Weiß, die mehrere Lager überlebt hat. »Es gibt keine Grabsteine«, sagt die alte Dame. Deshalb sei ihr die neue Gedenkstätte des Budge‐Heims auch so wichtig. Erst seit zwei Jahren erzählt sie ihre Geschichte und nimmt auch am Zeitzeugen‐Programm der Stiftung teil. Ihr ist es unter anderem zu verdanken, dass sich die Partnerschaft mit der unweit der Stiftung angesiedelten Friedrich‐Ebert‐Schule intensiviert hat.

Die Schüler kommen, um sich die Erinnerungen der Zeitzeugen erzählen zu lassen. Und an den Gedenktagen gemeinsam mit ihnen zu trauern. »Wir zünden am Holocaust‐Gedenktag in Erinnerung an die sechs Millionen Ermordeten sechs Kerzen an. Die letzte Kerze, die für eine Million ermordete Kinder steht, lassen wir einen Schüler entzünden«, schildert Rauber einen sehr bewegenden Moment. »Es haben sich schon Schüler anschließend zum freiwilligen sozialen Jahr bei uns gemeldet und dies tatsächlich auch hier absolviert«, sagt Rauber. So wird die Erinnerung in einer weiteren Generation lebendig gehalten.

programm Die öffentliche Gedenkstunde im Rosl‐und‐Paul‐Arnsberg‐Saal der Budge‐Stiftung beginnt am Freitag, 27. Januar, um 11 Uhr. Nach einem gemeinsamen Gebet von Rabbiner Andrew Steiman, Pfarrerin Gisa Reuschenberg und Diakon Franz Reuter hält Hessens frühere Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Ruth Wagner, einen Vortrag. Anschließend trägt Petra Scheschonka vom Mediacampus Franfurt Gedichte vor, und zum Abschluss sprechen die Überlebenden Heinz Hesdörffer und Imre Moskovic das Kaddisch. In diesem Jahr werden zudem erstmalig die Namen der 23 ehemaligen Budge‐Bewohner vorgelesen.

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