Interview

»Es geht uns um die Menschen«

»Das Jüdische muss für uns immer im Vordergrund stehen«: Daniel Botmann, der neue Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: Marco Limberg

Herr Botmann, vor gut einer Woche haben Sie das Amt des Geschäftsführers des Zentralrats der Juden angetreten. Haben Sie sich schon einen ersten Einblick in die Aufgabenbereiche verschaffen können?
Ich habe bereits viele Gespräche geführt und begonnen, mich mit den einzelnen Abteilungen und Bereichen des Zentralrats vertraut zu machen. Von den Mitarbeitern, die ich als sehr engagiert und kompetent erlebe, habe ich dabei wertvolle Informationen bekommen.

Gibt es bereits eine Prioritätenliste? Welche Aufgaben gehen Sie als Erstes an?
Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Da ist zunächst der Zentralrat selbst, die Jüdische Allgemeine, die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und das jüdische Zentralarchiv. Es gibt überall etwas zu tun, und dementsprechend verschaffe ich mir erst einmal einen Überblick. Gute Dinge möchte ich beibehalten und fortentwickeln. Es geht aber auch darum, zu schauen, was wir in Zukunft noch besser machen können.

Dies betrifft die Arbeit nach innen. Welche Aufgaben sehen Sie in Bezug auf die Außenwirkung?
Der Zentralrat ist die politische Vertretung der Juden in Deutschland. Er wird auch künftig seine Stimme für jüdische Belange erheben und sich in öffentliche Debatten einmischen. Mein Fokus liegt aber klar auf der Arbeit nach innen, denn am Ende sind es immer die Mitglieder unserer Gemeinden, für die wir tätig sind und an denen wir unsere Angebote ausrichten.

Sie haben einmal gesagt, dass sich der Zentralrat nicht als Selbstzweck verstehen solle. Was meinen Sie damit?

Der Zentralrat existiert nicht um seiner selbst willen, sondern ist auch ein Dienstleister für die Landesverbände, Gemeinden und deren Mitglieder. Uns geht es um die Menschen, die wir repräsentieren. Und dabei muss das Jüdische für uns im Vordergrund stehen.

Was bedeutet das?
Wir möchten die Menschen für ein modernes, vielfältiges und auf die Zukunft ausgerichtetes Judentum begeistern. Das steht schon seit einigen Jahren ganz oben auf der Agenda des Zentralrats, und das ist auch mir ein tiefes Bedürfnis. Wir müssen unser Judentum für junge Menschen, für Menschen mittleren Alters und für Ältere attraktiver gestalten.

Wir haben über Gegenwart und Zukunft gesprochen. Wie wichtig ist Ihnen die Erinnerung an die Vergangenheit?

Das Gedenken der Schoa ist und bleibt für alle Ewigkeit ein Teil unserer jüdischen Identität. Nichts ist mit dem Leid, das unserem Volk in der Schoa widerfahren ist, vergleichbar. Wir sind es unseren Vorfahren schuldig, die Erinnerung an sie wachzuhalten und jeden Antisemitismus – auch wenn er sich im Gewand des Antizionismus versteckt – schon möglichst im Keim zu ersticken. Wir dürfen uns aber von außen nicht nur auf die Schoa und den Antisemitismus reduzieren lassen. Im Vordergrund steht ganz klar die Zukunft des Judentums.

Sie haben eine jüdische Sozialisation genossen, sprechen auch Russisch. Ist dies bei der Innenwirkung hilfreich?
Geboren bin ich in Israel. Meine Eltern stammen beide aus der ehemaligen Sowjetunion. Von dort sind sie nach Israel ausgewandert und später nach Deutschland umgezogen. Seit 1999 war mein Vater Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Trier. Dadurch ist die ganze Familie – auch ich – stark in die Gemeindearbeit eingebunden gewesen. Das Leben in kleinen Gemeinden ist sehr intensiv, jeder kennt jeden, man ist bei allem dabei und hilft natürlich tatkräftig mit. Neben vielem anderen habe ich meinen Eltern zu verdanken, dass ich neben Deutsch und Englisch auch fließend Russisch und Iwrit spreche. Obwohl ich von klein auf in Deutschland aufgewachsen bin, ist mir die osteuropäische Kultur und Mentalität nicht fremd. Ich empfinde es als hilfreich, mit den Menschen in unseren Gemeinden in ihrer Sprache sprechen zu können.

Weiteres Rüstzeug haben Sie durch das Studium und die spätere berufliche Praxis erhalten?
Ich habe in Trier Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaft studiert und mich auf Wirtschaftsrecht sowie auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisiert. Später habe ich in Frankfurt und Saarbrücken in Rechtsanwaltskanzleien gearbeitet. Zudem war ich seit 2005 im Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz stellvertretender Vorsitzender. Eines der großen Projekte war die Nachverhandlung des Staatsvertrages, die wir 2011 erfolgreich mit der Verdopplung der Mittel abgeschlossen haben. All diese Erfahrungen und Kenntnisse sind hilfreich für meine Tätigkeit im Zentralrat.

Was war Ihre Motivation, sich für die Tätigkeit des Geschäftsführers des Zentralrats zur Verfügung zu stellen?
Es war eine bewusste Entscheidung. Und diese Entscheidung habe ich mir gewiss nicht leicht gemacht. Seit ich denken kann, ist meine Familie – und damit auch ich – in der jüdischen Gemeinschaft aktiv. Ob im Jugendzentrum, auf Machanot, bei den Tfilot, im christlich-jüdischen Dialog, in Ausschüssen oder auf Vorstandsebene. Die Zukunft des Judentums in Deutschland ist mir eine Herzensangelegenheit.

Was hat Ihre Familie dazu gesagt?
Meine Mutter hat natürlich im ersten Moment geschluckt und gefragt, wie oft ich noch zu Schabbes nach Hause komme. Aber ich denke, meine Eltern sind auch ein bisschen stolz. Und meine Frau freut sich auch schon auf Berlin.

Sie erwähnten die Jugendarbeit. Wird das ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sein?
Jugendarbeit ist ein ganz wichtiger Punkt. Der Zentralrat hat sich ja schon in den vergangenen Jahren stark engagiert: Vor allem die Jewrovision und der Jugendkongress sind da zu nennen, aber auch das Young-Jewish-Professionals-Programm für junge Erwachsene. Alle Veranstaltungen wurden von den jungen Leuten sehr gut angenommen. Ich bin davon überzeugt, dass die jungen jüdischen Menschen in Deutschland mehr Jüdischkeit wollen. Und hier ist es an uns allen, an den Gemeinden, den Landesverbänden, am Zentralrat, aber auch an den vielen jüdischen Organisationen in Deutschland, das Interesse und das Engagement von jungen Juden für das Judentum zu wecken und aufrechtzuerhalten.

Viele junge Israelis kommen derzeit nach Deutschland, insbesondere nach Berlin, sind aber nicht Mitglieder der Gemeinde. Wie kann man sie dafür gewinnen?
Es ist mir wichtig, zu betonen, dass jeder Einzelne für uns wertvoll ist. Es ist aus meiner Sicht egal, wie wir sie ansprechen, ob wir es auf Deutsch, Russisch oder Iwrit schaffen. Das Ziel ist, möglichst alle auf unsere Reise in ein vielfältiges und modernes Judentum mitzunehmen.

Sie sind auch Mitglied in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften?
Es ist gut, dass wir uns mit den Kirchen und den anderen Religionsgemeinschaften auf Augenhöhe austauschen. Was fremd ist, macht häufig Angst. Deshalb ist es so wichtig, sich gegenseitig besser kennen, verstehen, respektieren und tolerieren zu lernen.

Bereits in Trier waren Sie politisch aktiv. Inwieweit ist diese Erfahrung von Nutzen für Ihre Tätigkeit hier in Berlin?
Das politische Engagement war mir immer wichtig. Unabhängig davon, welcher Religion man angehört, sollte man sich als mündiger Bürger in Deutschland einmischen und seine Meinung äußern. Man sollte sich nicht nur beschweren, sondern seinen Beitrag dazu leisten, Dinge zum Positiven zu verändern.

Mit dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland sprachen Heide Sobotka und Detlef David Kauschke.

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