Tag der jüdischen Kultur

Es begann in Straßburg

Wo gibt es das beste Hummus? Wie viele andere wird auch diese Frage beim Europäischen Tag der jüdischen Kultur beantwortet. Foto: Barbara Neveu

Als vor 23 Jahren Vertreter der B’nai-B’rith-Loge Straßburg und Tourismusverantwortliche der Stadt zusammensaßen, konnten sie nicht ahnen, dass aus ihrer Idee nur drei Jahre später der alljährlich am ersten September-Sonntag begangene Europäische Tag der jüdischen Kultur werden würde.

Das Treffen war ursprünglich eine Reaktion auf den häufig geäußerten Wunsch von Urlaubern, mehr über die jüdische Geschichte in der Rheinregion zu erfahren. Hunderttausende haben seither in rund 30 europäischen Ländern am Tag der jüdischen Kultur Vorträge, Konzerte und Comedy-Programme gehört, Synagogen besichtigt und historische Bauwerke besucht, koscheres Essen probiert und Diskussionen geführt. Seit 2001 steht der Tag jedes Jahr unter einem anderen Motto. Der jüdische Kalender, die jüdische Küche, Musik, Feste, Humor, Diaspora waren unter anderem bereits das Leitmotiv.

querschnitt Zum 20-jährigen Bestehen ist es allerdings das Jubiläum selbst. In mittlerweile 26 Ländern werden jüdische und nichtjüdische Organisationen in diesem Jahr einen bunten Querschnitt aus den bisherigen Themen bieten. Die Veranstaltungen finden allerdings nicht ausschließlich am 1. September statt. In London wurden sie beispielsweise auf den letzten Tag der britischen Sommerferien am 8. September gelegt, in Deutschland sogar auf die ersten drei September-Sonntage verteilt.

Am 8. September wird der Tag in München begangen, wo im Jüdischen Museum unter anderem ein Kinderworkshop »Koscher oder vegetarisch? Religiöse oder andere Speisegesetze?« geboten wird. Im Kulturzentrum der Gemeinde ist Tag der Offenen Tür, mit einem Bücherflohmarkt und Infoständen, Vorträgen und einem Konzert.

Eine Woche später, am 15. September, findet der Kulturtag in Augsburg statt, mit Besichtigungen des Jüdischen Museums und der Synagoge, einem Vortrag über die Nachkriegsgemeinden der Stadt, einem abwechslungsreichen Kulturprogramm und einer Führung durch die Ausstellung Über die Grenzen. Kinder auf der Flucht 1939/2015.

Die meisten Veranstaltungen hierzulande werden dennoch am 1. September angeboten: Zum Thema »Jüdisches Baden-Baden« wird es um 13 Uhr eine Stadtführung mit Rabbiner Naftoli Surovtsev geben, anschließend findet im Gemeindezentrum ein Konzert mit dem Chor und der Tanzgruppe der Gemeinde statt.

Die Stadt Buchen im Odenwald präsentiert die »Bücherei des Judentums«.

In Bad Mergentheim lebten seit dem Mittelalter Juden, 1762 erhielt Baruch Simon von der dortigen Deutschordensregierung trotz Proteste des Stadtpfarrers die Erlaubnis, im Hinterhof seines Hauses eine Synagoge zu bauen. 1912 lebten mit 5,7 Prozent der Einwohner überdurchschnittlich viele Juden in Mergentheim. Nachdem sie von den Nazis geschändet worden war, verfiel die Synagoge. Im Deutschordensmuseum, wo zahlreiche jüdische Gegenstände und Dokumente aufbewahrt werden, wird eine Führung zum Thema »Die Geschichte der Mergentheimer Juden« angeboten.

landjuden Im Rabbinatsmuseum Braunsbach ist die Ausstellung Geschichte der Landjuden zu sehen, außerdem gibt es eine Führung über die neun Stationen des »Jüdischen Kulturwegs« der Stadt. Dazu gehören unter anderem ein Haus, an dem in hebräischen Buchstaben der Name seines Erbauers steht, die ehemalige Synagoge, die frühere »Judengasse«, das ehemalige jüdische Armenhaus, das Kriegerdenkmal des Ersten Weltkriegs.

In der Stadt Buchen im Odenwald präsentiert sich die »Bücherei des Judentums«, die 1998 von der gleichnamigen Stiftung initiiert wurde. Interessierte können an Führungen durch die Bibliothek teilnehmen oder Lesungen jüdischer Geschichten und Erzählungen lauschen.

Im Jüdischen Museum Emmendingen findet der Tag unter dem Titel »Gefilte Fisch oder Couscous – Aschkenasim und Sfaradim« statt. Unter anderem wird Rabbiner Yaakov Yosef Yudkowsky einen Vortrag über Gesetze und Bräuche aus rabbinischer Sicht halten. Bertha Pappenheim ist in Esslingen am Neckar Thema, Nina Koelsch-Bunzen wird ihre Rolle als Vorkämpferin für Frauenrechte und eine moderne Sozialarbeit würdigen.

Ein Konzert mit dem Pianisten, Komponisten und Dirigenten Itay Dvori wird in der Israelitischen Gemeinde Freiburg zu erleben sein. Die Mikwe als Fotomotiv gibt es im Jüdischen Museum Gailingen zu sehen, wo am 1. September die Ausstellung Ganz rein! Jüdische Ritualbäder des Fotografen Peter Seidel eröffnet wird.

Fortschritt In Heidelberg wird Rabbiner Jona Pawelczyk-Kissin eine Einführung in den Gottesdienst der dortigen Synagoge geben. »Die Krumbacher Juden und der Fortschritt« lautet der Titel eines Vortrags, der im Mittelschwäbischen Heimatmuseum von Krumbach angeboten wird. Die Juden des Ortes hatten nämlich sehr eigene Vorstellungen davon, wie sie ihr Judentum leben wollten, fortschrittlich sollte es sein, dem Geist der Zeit entsprechen, schrieben sie 1842 in einem Brief an die »Allgemeine Zeitung des Judentums«.

An zahlreichen Orten werden darüber hinaus Führungen über jüdische Friedhöfe angeboten, unter anderem in Bad Schönborn, Bopfingen, Braunsbach, Breisach, Bretten, Bruchsal, Crailsheim, Efringen-Kirchen, Eppingen, Göppingen-Jebenhausen, Hechingen, Hohberg-Diesburg, Kusterdingen-Wankheim, Laupheim, Mannheim, Obersulm-Affaltrach und Rottenburg am Neckar.

In Kopenhagen wird an eine weitgehend unbekannte Flüchtlingsgeschichte erinnert.

Der Tag der jüdischen Kultur könnte aber auch ein guter Anlass sein, eine vielleicht schon lange geplante Reise in eine der großen europäischen Städte anzugehen. In Kopenhagen wird am 1. September beispielsweise an einen Teil der Geschichte erinnert, der sogar den meisten Dänen weitgehend unbekannt ist. In der Synagoge an der Krystalgade 12 lautet das Thema »Innovation«. Dazu gehört auch die Zuwanderung von mehr als 3000 polnischen Juden nach Dänemark vor genau 50 Jahren und ihr laut B’nai B’rith Danmark »innovativer Einfluss auf die dänische jüdische Community«.

Hintergrund war der Sechstagekrieg 1967, der nicht nur von jüdischen Polen als indirekte Niederlage der Sowjetunion bejubelt worden war, und die Kampfansage Wladyslaw Gomulkas, der 1968 in einer Radioansprache Juden »die fünfte Kolonne« nannte, die gemeinsam mit den westlichen Kapitalisten Polen schaden wolle. Juden wurden drangsaliert, wer ausreisen wollte, musste seine Wohnung teuer renovieren lassen und außerdem ein Bekenntnis unterschreiben, Zionist zu sein.

Dänemark wollte die Juden aus Polen aufnehmen, die Regierung befürchtete allerdings, dass diejenigen, die noch auf ihre Ausreise warteten, noch mehr als üblich schikaniert werden könnten, wenn in Polen durch Medienberichte bekannt würde, dass viele Juden nicht nach Israel, sondern nach Dänemark auswanderten. Man bat die Medien des Landes daher, nur sehr zurückhaltend über ankommende Flüchtlinge zu berichten, und wird ihre Geschichte nun am Kulturtag erzählen.

Befreiung »La libération n’a pas été la même pour tous«, die Befreiung war nicht für alle gleich, lautet das Motto des Tages in Brüssel. Am 2. September 1944 hatten die Alliierten Belgien erreicht. Nur drei Prozent der aus Belgien deportierten Juden kehrten zurück. Sie erkannten ihr Land nicht mehr. Ab 14 Uhr werden die Namen der jüdischen Opfer verlesen, aber auch die »noms des Justes de Belgique«, der Gerechten von Belgien, die ihren jüdischen Nachbarn halfen, vor dem Naziterror unterzutauchen.

In der Schweiz werden in acht Städten und kleineren Ortschaften Veranstaltungen angeboten. Im »Jüdischen Museum der Schweiz« in Basel wird es ein »Bring In« geben, jüdische Gegenstände können ins Museum gebracht werden, wo ihre Besitzer mehr über sie erfahren können. Anschließend wird es bei einem »Hummus Tasting« kulinarisch, und das nicht nur theoretisch: Die Besucher werden Geschichtliches über die trendige Speise erfahren und anschließend den besten Hummus der Stadt küren.

In Zürich ist unter anderem ein musikalischer Vortrag anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten Jacques Offenbach vorgesehen: »Wie Jankele zu Jacques wurde«. Ein ganz aktuelles Thema steht am 8. September in London auf dem Programm. Lyn Julius, irakischstämmige jüdische Journalistin und Mitbegründerin der britischen Organisation »Harif«, die Juden aus Nordafrika und dem Nahen Osten vertritt, beschäftigt sich mit der Frage: Nach dem Exodus von rund 99 Prozent der Juden aus den arabischen Ländern, wem gehört nun ihr kulturelles Erbe, den Ausgewanderten oder den Ländern, die sie verließen?

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