Weimar

Erlebtes Wissen

Wie kann in den Jugendzentren die Erinnerung an die Schoa in Zukunft weitergegeben werden? In Workshops wurde darüber diskutiert. Foto: ZR

Wie kann man sich engagie­ren, damit sich nie wieder so etwas wie zu Zeiten des Nationalsozialismus wiederholt? Darauf antwortet die Auschwitz-Überlebende Eva Szepesi den 15 Teilnehmenden des Workshops »Empowering Memory – Von Erinnerung zur Initiative« mit leiser, aber fester Stimme: »Nicht wegschauen, nicht schweigen, immer den Mund aufmachen, wenn Unrecht geschieht!« Damit spricht sie nicht nur das Thema Antisemitismus an. »Ungerechtigkeiten und Ausgrenzung jedweder Art sind die Ursache allen Übels«, sagt die 93-Jährige. Die Frauen und Männer, die neben den Referenten mit ihr in einem Stuhlkreis sitzen, nicken. Sie haben viele Fragen an die Zeitzeugin, die als Zwölfjährige allein ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kam und als Einzige aus ihrer Familie überlebte.

Lange hat Szepesi den Mantel des Schweigens über ihre schrecklichen Erlebnisse geworfen, erst seit 1995, 50 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, hat sie angefangen, von der Vergangenheit zu erzählen. Seitdem spricht die zierliche Dame mit den hellwachen Augen bundesweit vor einem interessierten Publikum: an Schulen, auf Veranstaltungen, bei Lesungen aus ihrem Buch Ein Mädchen allein auf der Flucht.

Am meisten liegt Szepesi der Austausch mit jungen Menschen am Herzen, die bereit sind, sich zu engagieren. Die Fortbildung in Weimar – eine Veranstaltung des Zentralrats der Juden in Deutschland in Kooperation mit der Claims Conference und dem Museum für Zwangsarbeit im Nationalsozialismus –, die für die Verantwortlichen in der Jugendarbeit in jüdischen Gemeinden bundesweit abgehalten wird, besucht sie über den Zeitraum des Schabbats. In dem vollgepackten viertägigen Programm wird nach Ansätzen gesucht, um die Erinnerung an die Schoa in die jüdischen Jugendzentren weiterzutragen. Dabei werden auch neue Ansätze für die Zukunft erarbeitet. Neben zahlreichen Workshops, Vorträgen, einer Stadtführung in Weimar gab es auch eine Führung durch die Gedenkstätte Buchenwald samt Gespräch mit dem Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner vor Ort, ergänzt durch persönliche Schilderungen von Beni Gesundheit, der die bewegende Geschichte seines Vaters in Buchenwald erzählte.

Benjamin Fischer rät, das Internet konstruktiv als Medium einzubinden.

Ein besonderes Augenmerk galt ferner der digitalen Wissensvermittlung. Die Ideenwerkstatt I mit dem Titel »Social Media und Remembrance«, moderiert von Benjamin Fischer von Democ e. V., beschäftigt sich zum Beispiel mit der historischen Bildung Jugendlicher durch Games. »Es gibt den konkreten Bedarf, am Handy oder am Laptop etwas über den Holocaust zu lernen«, betont Fischer und rät, das Internet konstruktiv als Medium mit einzubinden, etwa durch digitale Spiele, in denen der Holocaust visuell vermittelt werde. Eine Möglichkeit, eine Community zu erreichen, an die man sonst nicht so leicht herankomme. Abschließend erhielten die Teilnehmer des Workshops einen QR-Code für weitere Links mit einer Übersicht der konstruktivsten Games. Der Holocaust als Videospiel? Was sagt eine Überlebende dazu? »Ich muss ein bisschen darüber nachdenken, aber ich kann mir das vorstellen«, meint Eva Szepesi. Auch Esther Rachow, die in der Abschlussrunde live aus Yad Vashem zugeschaltet ist, stellt Best-Practice-Modelle vor, von denen sich die Teilnehmenden – einem Baukastensystem gleich – aussuchen können, welche Info-Videos, Homepages und Clips zum Thema Holocaust-Education sie für die jeweilige Jugendarbeit am besten geeignet halten.

Social Media als fester Bestandteil der Jugendarbeit? »Es ist der beste Zugang zu Jugendlichen als Informationsangebot«, sagt Maria Schubert, die in ihrer Gruppe in Magdeburg überwiegend 12- bis 14-Jährige betreut. »Ich wollte unbedingt an dieser Fortbildung teilnehmen, um wieder neue Impulse für meine Arbeit mit jüdischen Kindern und Jugendlichen zu gewinnen«, sagt die Assistentin des Vorstands der Synagogengemeinde Magdeburg. »Wir haben wertvolle neue Einsichten bekommen und konnten gemeinsam Strategien austauschen und entwickeln«, sagt die studierte Dolmetscherin, die neben ihrer Arbeit für den Vorstand ehrenamtlich eine Tanzgruppe für jüdische Volkstänze betreut. Im Zentrum stehe immer der Gedanke, dass sich die Kinder und Jugendlichen selbst etwas erarbeiten.

Digitale Tools als Bestandteil zur Wissensvermittlung in der Arbeit mit jungen jüdischen Menschen, das findet – nach einigen kritischen Fragen – bei den meisten Teilnehmenden Anklang. Marina Pinis treibt hingegen die Frage um, ab welchem Alter die Wissensvermittlung über den Holocaust überhaupt angebracht sei. »In der 9. Klasse lernen sie es im Geschichtsunterricht, aber eigentlich müssten sie es schon im Alter von zwölf Jahren vermittelt bekommen«, sagt sie aus ihrer Erfahrung in der Kinder- und Jugendarbeit in Hof heraus. Das sei wichtig für die Prävention von Antisemitismus. Jugend- und Aufbauarbeit in der Erziehung, Jugendbücher zum Thema, erlebbare Geschichte: Referent Beni Gesundheit zählt auf, was alles möglich und machbar ist, wenn man nur will. Das Bewusstsein, mit dem Holocaust umzugehen, müsse zeitgemäß gestaltet werden, denn mit Friedhofsbesuchen erziehe man keine Kinder, so der engagierte Mediziner und Rabbiner.

Dass eine Fortbildung an so einem geschichtsträchtigen Ort wie dem Museum für Zwangsarbeit im National­sozialismus in Weimar stattfindet, im ehemaligen Gauforum Weimar, einem monumentalen – noch vollständig erhaltenen – Bau der Nazi-Architektur, war eine bewusste Entscheidung. »Mit unserer Fortbildung möchten wir Verantwortliche in der Jugendarbeit empowern, damit aus der Erinnerung an die Schoa eine Initiative wächst. Dabei ist es uns wichtig, nicht nur die Vergangenheit zu beleuchten, sondern gleichzeitig die Zukunft der Erinnerung zu gestalten«, sagt Mihail Groys, Referent für Erinnerungspolitik und Gedenkstättenarbeit beim Zentralrat. Vieles werde erst richtig begreifbar, wenn man das Wissen mit konkreten Orten verbinde. »Dass wir in einem natio­nalsozialistischen Prachtbau in so einem Seminar sitzen, hätten meine Eltern nie für möglich gehalten«, sagt Awi Blumenfeld von der Claims Conference. Der Historiker ist Sohn zweier Holocaust-Überlebender und Speaker des Workshops »Erinnerung und Gedenken im Judentum – Wo war Gʼtt in Auschwitz?«.

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