Dresden

Erinnern in Zeiten von Pegida

Der Kölner Künstler Gunter Demnig bei einer Stolperstein-Verlegung Foto: Stolpersteine Dresden

Josef Altbach und Szymon Zwecher wohnten in der Dresdner Altstadt. Zwei Namen von 227 Verfolgten und Ermordeten des Naziregimes, an die Stolpersteine in Dresden erinnern. In der vergangenen Woche kamen 25 Messingtafeln mit den Lebensdaten von weiteren NS-Opfern hinzu.

Sie erinnern nun unter anderem an den Techniker und Erfinder Emanuel Goldberg, an Willi Nathan Estreicher, der 1942 im KZ Buchenwald ermordet wurde, und an seine Frau Else. Sie war keine Jüdin, musste aber ins Gefängnis, weil sie sich nicht von ihrem Mann scheiden lassen wollte.

Weitere Stolpersteine wurden für Berta Kirschbaum und ihre Tochter Ruth verlegt. Vermutlich waren beide psychisch krank und fielen sowohl dem Rassenwahn der Nationalsozialisten als auch der Euthanasie zum Opfer. Ruth wurde nur sieben Jahre alt.

Erinnerung
»Es scheint immer wichtiger zu werden, nicht zu vergessen«, sagte der Vorsitzende des Vereins »Stolpersteine für Dresden«, Claus Dethleff, anlässlich der Feierstunde zur Stolpersteinverlegung vor Gästen und Angehörigen der Verfolgten und Ermordeten. Für den Dresdner sind die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig mehr als eine Erinnerung an die NS-Opfer. Er sieht sie als aktuelles politisches Statement gegen rechte und nationalistische Tendenzen wie Pegida und die AfD.

»Für ein ›Wehret den Anfängen‹ ist es vielleicht schon zu spät«, befürchtet der Vereinsvorsitzende. Zwar beschwerten sich die Sachsen über ihren schlechten Ruf. »Doch man tut auch alles für diesen Ruf. Pegida marschiert immer noch montags durch Dresden und brüllt rassistische Parolen.« Auch auf ihn und seinen Verein habe es bereits Angriffe gegeben, so Dethleff. »Wir sind schon bespuckt worden.«

Rote Armee Gegründet wurde der Verein »Stolpersteine für Dresden« 2008 von Menschen wie Ronny Geißler, der mit der Gedenkkultur in Dresden nicht mehr einverstanden war. Damals seien Mahnmale, die an den Zweiten Weltkrieg und die Befreiung der Stadt durch die Rote Armee erinnerten, aus dem Stadtzentrum verschwunden, so Geißler. Parallel dazu wurde Dresden zum Ziel der Neonazibewegung.

Sie nimmt den 13. Februar 1945, den Tag der Zerstörung Dresdens, zum Anlass, in der Stadt aufzumarschieren. Für Ronny Geißler hat sich inzwischen jedoch die Perspektive verändert. »Heute steht für mich die Versöhnung im Mittelpunkt«, sagt er. »Von den Angehörigen der Opfer kommt so viel Positives zurück, dass ich das Gefühl habe, etwas wirklich Sinnvolles zu tun.«

Der Verein wird dann aktiv, wenn er von Verwandten ehemaliger Dresdner Juden oder anderer NS-Opfer darum gebeten wird. Bei der Recherche nach Adressen und Lebensdaten wird er von der Jüdischen Gemeinde zu Dresden unterstützt. Die Archivsammlung »Juden in Dresden« ist bei der Jüdischen Gemeinde untergebracht. Weitere wichtige Quellen sind alte Adressverzeichnisse und das »Buch der Erinnerung«. Es verzeichnet die Namen von fast 2000 verschollenen oder ermordeten Dresdener Juden.

Hatikva Die Jüdische Gemeinde stehe der Arbeit von »Stolpersteine für Dresden« positiv gegenüber, berichtet der Vereinsvorstand. Sowohl Rabbiner Alexander Nachama als auch die Gemeindevorsitzende Nora Goldenbogen traten bereits bei Veranstaltungen des Vereins auf.

Eng sei auch die Zusammenarbeit mit Hatikva, der Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Kultur und Geschichte Sachsen, und mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden. Zur Stadt habe der Verein ebenfalls einen guten Draht, sagt Dethleff. Auch bei der jüngsten Stolperstein-Verlegung unterstützte das Straßen- und Tiefbauamt Gunter Demnig.

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026