Aktion Sühnezeichen

Enkelin auf Zeit

Joanna Trosinska: Die 27-jährige Polin ist eine der Freiwilligen. Foto: Mike Minehan

Frau Roll geht es heute nicht gut. Niedergeschlagen sitzt sie in ih‐
rem Wohnzimmer, ihre Augen werden feucht, die Hände zittern. Mit schwacher Stimme diktiert sie eine Einkaufsliste: »Pflaumen brauchen wir und etwas Suppengrün.« Geduldig schreibt Joanna Trosinska mit, legt der älteren Dame beruhigend eine Hand auf den Arm, wenn sie stockt und lächelt. Joanna ist eine Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF). Einmal die Woche betreut die junge Polin drei Senioren der Jüdischen Gemeinde, geht für sie einkaufen und redet vor allem mit ihnen.

»Das bedeutet so viel für uns, was die jungen Menschen da machen«, sagt Frau Roll. »Wir sind ja zwei alte, kranke Menschen, die nicht mehr gut laufen können.« Joanna sei die Beste der Freiwilligen, die sie bislang gehabt hätten: »Sie ist immer pünktlich, sehr diszipliniert und wenn sie kommt, kommt die Sonne.« Auch für die Sozialabteilung der Gemeinde, die für die Kooperation mit der ASF zuständig ist, hat Frau Roll nur Lob: »Die kümmern sich so toll – und wir brauchen die Hilfe wirklich.«

Kooperation Seit 1994 schickt die ASF Freiwillige in die Gemeinde, sechs bis acht pro Jahr. Über die Zeit haben so etwa 70 junge Menschen die Sozialabteilung unterstützt. »Die Erfahrungen mit dieser Kooperation sind sehr gut«, bilanziert Thomas Heldt, der bei der ASF unter anderem für das Deutschland‐Programm verantwortlich ist. Die Arbeit in der Gemeinde ist dabei nur ein Teil des gesamten Programms. »Die Freiwilligen besuchen die älteren Menschen einen Tag die Woche, die übrige Zeit arbeiten sie etwa in Büros von Bildungsorganisationen, kulturellen oder sozialen Einrichtungen, aber auch für Gedenkstätten wie Sachsenhausen«, erklärt Heldt.

Joannas Projekt ist der »Jugendkeller«, eine Einrichtung im Berliner Bezirk Lichtenrade. Vier Tage die Woche hilft sie hier bei der offenen Jugendarbeit, bei der die Jugendlichen Hausaufgabenhilfe und Freizeitangebote bekommen, sowie gemeinsam kochen. »Dabei kann ich praktisch anwenden, was ich während meines Studiums gelernt habe«, beschreibt Joanna, die Sonderpädagogik und Psychologie studiert hat und kurz vor ihrem Abschluss steht. Vor ihrer Diplomarbeit wollte sie noch mal ein Jahr ins Ausland gehen, ein Freund erzählte ihr von den Freiwilligendiensten von ASF. Das Jugendkeller‐Projekt habe den Ausschlag für ihre Bewerbung gegeben, so die 27‐Jährige, doch auch die Arbeit in der Jüdischen Gemeinde sei für sie sehr wertvoll. »Die älteren Menschen haben mir sehr viel Wissen und Rat gegeben«, so Joanna, deren ASF‐Jahr sich dem Ende zuneigt.

Hilfe »Es ist wirklich schade, dass Joanna nicht bleiben kann« meint Sofia Rettig, die zweite ältere Dame, die Joanna besucht. Die 85‐Jährige lebt in einem Seniorenheim direkt am Kurfürstendamm. »Sie geht mit mir einkaufen, hilft mir bei meinem Papierkram und wir unterhalten uns viel«, so Frau Rettig. Vor allem in einem Bereich weiß die ehemalige Apothekerin immer Rat: »Und hat mit ihren Ratschlägen eigentlich auch immer recht«, lacht Joanna.

Frau Rettig ist für die Kooperation der Gemeinde mit der ASF sehr dankbar: »Meine Rente geht ja fast vollständig für die Miete hier drauf.« Doch sie hat auch Kritik: So würde sie sich wünschen, dass die Gemeinde Synagogenbesuche für die älteren Mitglieder organisieren würde. »Mein verstorbener Mann war Kantor, ich war lange bei der WIZO«, erzählt sie. »Wir haben der Gemeinde also viele Jahre etwas gegeben, nun sollten wir auch etwas zu‐
rückbekommen.« Regelmäßige Synagogenbesuche gehörten für sie zum jüdischen Leben, doch ohne Hilfe sei sie dazu nicht mehr in der Lage. »Das sollte organisiert werden, denn das fehlt mir sehr.« Für die ASF‐Freiwilligen und speziell für Joanna hat Frau Rettig allerdings nur Lob: »Sie macht das mit sehr viel Herz und ist fast wie eine Enkelin für mich.«

Kontakte Die ASF schlägt der Jüdischen Gemeinde die Freiwilligen vor, Renate Wolff von der Sozialabteilung trifft dann eine Auswahl. »Die älteren Leute sind sehr begeistert«, bilanziert sie die Erfahrungen der vergangenen Jahre. Teilweise bestünden die Kontakte weit über den Freiwilligendienst hinaus, Briefe und Besuche auch nach dem ASF‐Jahr seien keine Seltenheit. Sie meint: »Die Arbeit für die Jüdische Ge‐meinde ist ein Gewinn für die jungen Men‐schen, da sie einen längeren Zeitraum mit den Älteren zusammen sind.« Thomas Heldt von der ASF sieht noch einen weiteren Vorteil: »Viele Freiwillige haben so zum ersten Mal Kontakt mit dem Judentum: Sie lernen etwas über die Religion, das Essen, die Kultur.« Zudem hätten viele der Senioren interessante und teilweise auch sehr schwere Geschichten, die sie an die Freiwilligen weitergeben könnten – und das manchmal in ihrer Muttersprache: »Einige unserer Freiwilligen kommen aus den Heimatländern der älteren Leute.«

So auch Samuel Don, der dritte der Senioren von Joanna: Er kommt aus der Nähe von Warschau, Joannas Heimatstadt. Die beiden reden Polnisch miteinander und haben ein sehr lockeres Verhältnis. »Mach dir zu essen, was du willst«, ruft er ihr zu. »Du bist hier ja eh fast zu Hause.« Er habe ihr Kochen beigebracht, nun müsse sie selbst an den Herd, grinst er mit einem Augenzwinkern. Obwohl Herr Don sagt, dass er sich über jeden jungen Menschen freue, den ihm die Gemeinde schicke, merkt man, dass er an Joanna hängt. »Ich würde sie gerne in Polen besuchen, wenn es die Gesundheit zulässt«, hofft er. Und auch für Joanna ist der Kontakt sehr wichtig. »Wir verstehen uns sehr gut, diskutieren auch mal und wenn ich in Berlin bleiben kann, werde ich ihn in jedem Fall weiter besuchen.«

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