Porträt der Woche

Endlich zu Hause

»Der Kreis meines Lebens hat sich endlich geschlossen«: Lissi Kuhn (91) lebt in Berlin. Foto: Uwe Steinert

Als mich der israelische Psychologe Siegfried Hirsch durch Kfar Tikva führte, wusste ich, dass ich bleiben würde. Hier in der Nähe von Haifa leben geistig und körperlich Behinderte mit ihren Betreuern in einer dörflichen Gemeinschaft zusammen. So weit es ihre Behinderung zulässt, arbeiten sie in der Küche, der Wäscherei, der Gärtnerei oder anderen Einrichtungen.

Ich war damals gerade 50 Jahre alt und war einige Zeit zuvor von einem Ehemann geschieden worden, mit dem mich nie eine liebevolle Partnerschaft verbunden hatte. Mein Sohn war schon aus dem Haus und studierte in Wien das, was ich einst in Mainz studiert hatte: Psychologie. Im »Dorf der Hoffnung« sollte ich eine Aufgabe finden, für die das Wort Mizwa fast zu bescheiden klang.

familie Ich bin in einem nichtjüdischen Umfeld, in sogenannten gutbürgerlichen Verhältnissen, aufgewachsen. Meine Mutter war einst die persönliche Sekretärin von Carl Benz, der testamentarisch verfügt hatte, dass sie zeitlebens von jedem neuen Mercedes‐Modell einen Wagen bekommen würde. Mein Vater war selbstständig im Holzhandel mit einem eigenen Sägewerk tätig. Geboren wurde ich in dem kleinen Ort Echbeck im Bodenseekreis. Später verlegte mein Vater seine kaufmännischen Aktivitäten in die Pfalz, und ich besuchte die Schule in Neustadt an der Weinstraße.

Meine Eltern waren als Humanisten absolute Nazigegner, was sie nach außen natürlich nicht zeigen konnten. Mir war es möglich, im letzten Jahr des Krieges ein »Notabitur« abzulegen. Zunächst hatten die Universitäten noch nicht wieder geöffnet, aber viele Professoren hatten sich in die Pfalz zurückgezogen, weil die französische Besatzungsmacht angeblich liberaler war als die anderen Alliierten. Einige hatten in Neustadt schon bald einen improvisierten Lehrbetrieb in einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Haus aufgenommen.

Damals gab es noch nicht viele Mädchen, die Psychologie studierten – ich war eines von ihnen. Mich interessierte die Psyche des Menschen in seiner ganzen Vielfalt und eben auch in seinen Niederungen. Daraus ergaben sich Fragen, die sich nach den schrecklichen Erfahrungen des Nationalsozialismus jeder intelligente Mensch stellen musste. In dieser Zeit bekam ich Bücher in die Hand, die kurz zuvor noch verboten waren. So zum Beispiel die Schriften von Sigmund Freud. Später, nachdem ich mich auch mit anderen psychologischen Theorien beschäftigt hatte, hatte Freud gar nicht mehr den Stellenwert für mich wie noch am Anfang.

sinnfrage Da wurde beispielsweise Viktor Frankl, der Begründer der Existenzanalyse, für mich viel wichtiger. Er hatte vier Konzentrationslager, darunter Auschwitz, überlebt, und sein Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager war in interessierten Kreisen damals sehr populär.

Frankl stellte die allgemeine Sinnfrage des Lebens in einen zentralen Zusammenhang etwa zur Suizidprävention. Dass sich ein Psychologe unmittelbar nach der selbst erlebten Schoa positiv mit dieser Frage beschäftigte, empfand ich damals wie auch heute noch als sehr bemerkenswert. Für mich war es die erste Begegnung mit jüdischem intellektuellen Denken.

Nachdem ich geheiratet hatte, lebte ich mit Mann und Sohn in Weil am Rhein, nur wenige Kilometer von Basel entfernt. Dorthin fuhr ich regelmäßig, um mit psychisch kranken Menschen einmal in der Woche mit meinem Auto ins Grüne zu fahren. Das war für mich eine Mizwa, bevor ich dieses Wort überhaupt kannte.

lehrer In dieser Zeit beschäftigte ich mich intensiv mit der Bibel, die ich im Original lesen wollte. Ich suchte die Israelitische Gemeinde in Basel auf und trug meinen Wunsch vor, biblisches Hebräisch zu lernen. Mich unterrichtete schließlich ein Isidor Werzberger, der 1934 vor dem Antisemitismus der Nazis in die Schweiz geflohen war. Er ist der beste Lehrer gewesen, den ich mir wünschen konnte. Er war geduldig, aber eben auch jemand, mit dem man über religiöse Fragen diskutieren konnte.

Als ich mich später an Rabbiner Adler wegen eines Übertritts gewandt habe, wurden für mich die Lehrstunden bei Herrn Werzberger zum Giur‐Unterricht. Zusätzlich bin ich jeweils am Donnerstagabend zu den Schiurim von Rabbiner Adler gegangen, bei denen Baseler Juden über biblische Themen diskutierten. Ich war die einzige Nichtjüdin, was aber schon bald gar keine Rolle mehr spielte. An fast jedem Schabbat war ich irgendwo zum Essen eingeladen.

Nachdem Herr Werzberger überraschend gestorben war, reiste ich erstmalig nach Israel. Eine Freundin hatte mich eingeladen, die ein Haus in Haifa besaß. Dort kam es zu der schicksalhaften Begegnung mit Siegfried Hirsch, der mir jenes Behindertendorf zeigte, das er zehn Jahre zuvor gegründet hatte.

hütten Wer das israelische Dorf Kfar Tikva heute kennt, kann sich kaum die bescheidenen Verhältnisse vorstellen, in denen wir damals dort hausten. In viele der einfachen Hütten regnete es hinein, sodass sie eher an Sukkot als an therapeutische Einrichtungen erinnerten. Zu dieser Zeit erreichte uns ein Geldsegen – ein Glücksfall mit tragischem Hintergrund.

Einer der Bewohner war ein geistig behinderter Junge namens David, der aus den Vereinigten Staaten nach Israel gekommen war. Ich mochte diesen liebenswerten Jungen von unserer ersten Begegnung an. Auch Davids Mutter hing sehr an ihrem Sohn. Alle zwei Wochen kam sie eingeflogen und verbrachte ein Wochenende mit ihm in einem Hotel in Haifa. Davids Vater war ein schwerreicher Mann, in dessen Vorstellung von einer Musterfamilie kein behinderter Sohn passte. So war David nach Kfar Tikva abgeschoben worden. Die positive Seite der Medaille war, dass Davids Vater uns das Geld gab, mit dem wir neue Gebäude errichten konnten.

Wenn ich »wir« sage, so ist das wörtlich zu verstehen. Tatsächlich sollte hierfür jeder aus unserem kleinen Team in einem Crashkurs die Grundlagen eines Bauhandwerks erlernen. Ich ging also für drei Monate nach Deutschland und lernte bei einem Bauunternehmer das Mauern. Dann kehrte ich nach Israel zurück und errichtete mit meinen Kollegen eigenhändig neue Gebäude für uns und unsere behinderten Mitbewohner.

sohn In den fast 20 Jahren, in denen ich in Israel lebte und arbeitete, bewegte ich mich sowohl in Kfar Tikva als auch im privaten Freundeskreis ausschließlich unter Juden. Vor allem verstanden wir uns als Israelis, also als Bewohner des jüdischen Staates. Vielleicht wäre ich für immer in Israel geblieben, wenn nicht mein Sohn lebensgefährlich erkrankt wäre. Ich brach meine Zelte ab und kehrte nach Deutschland zurück, um ihn zu pflegen. Nachdem er im Alter von nur 37 Jahren gestorben war, blieb ich und setzte hier das fort, was ich in Kfar Tikva begonnen hatte, nämlich die Pflege und psychologische Betreuung behinderter Menschen.

In jener Zeit besuchte ich den Unterricht von Rabbiner Josef Scheuer. Noch heute wird in manchen Synagogen, wie etwa in der am Fraenkelufer in Berlin, sein Siddur verwendet, der in der Baseler Zeit entstanden war. Leider blieb Rabbi Scheuer nicht sehr lange, da seine Frau Heimweh nach Jerusalem bekam. Nachdem er uns Richtung Israel verlassen hatte, nahm ich weiter am jüdischen Gemeindeleben in Basel teil, obwohl ich formal noch immer nicht konvertiert war.

Als ich die Mitte des achten Lebensjahrzehnts erreicht hatte, überredete mich ein ehemaliger Freiwilliger aus Kfar Tikva, der mit seinem Lebensgefährten in Berlin lebte, in deren Nähe zu ziehen. In der Jüdischen Allgemeinen fiel mein Blick auf die Anzeige, mit der die Gottesdienste in der Synagoge Pestalozzistraße angezeigt wurden. Mir stach der Name des Rabbiners Tovia Ben‐Chorin ins Auge. In meiner Zeit in Israel hatte ich oft zu Erew Schabbat seine wortgewaltigen Reden im Rundfunk gehört. Nun also war er in Berlin.

giur Fortan fuhr ich an jedem Freitagabend mit dem Taxi zur Synagoge, um an Kabbalat Schabbat teilzunehmen. Hier lernte ich viele freundliche Menschen kennen. Einer von ihnen ist Ben‐Chorins Nachfolger, Rabbiner Jonah Sievers, der mich ermunterte, meinen Giur endlich zu Ende zu bringen.

Und so durfte ich in meinem hohen Alter noch erleben, dass mich ein Beit Din der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in jene Gemeinschaft aufnahm, die ich seit Jahrzehnten als mein Zuhause empfinde: das Judentum. Der Kreis meines Lebens hat sich geschlossen.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase‐Hindenberg

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