Pessach

»Endlich Israel«

Die Berliner Mauer: Für die jüdischen DDR Bürger bedeutete ihr Fall die Möglichkeit, erstmals nach Israel reisen zu können. Foto: dpa

Jeder Jude, heißt es in der Haggada, soll sich an Pessach fühlen, als wäre er selbst aus Ägypten ausgezogen. Für den einen bedeutet, frei zu sein, in jeden Winkel der Welt reisen zu können, für den anderen, ohne Angst vor Repressalien seine Religion ausleben zu dürfen, für einen Dritten die Möglichkeit, einen ersehnten Beruf zu ergreifen. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt: Was bedeutet für Sie der Begriff »Freiheit«?

»Mit sieben Jahren floh ich aus Ägypten«
Für mich ist es selbstverständlich, an Pessach des Auszugs aus Ägypten zu gedenken. Ich bin am Nil geboren, direkt am Fuße der Pyramiden, habe also den Auszug aus Ägypten höchstpersönlich vollzogen! Zusammen mit mir waren es knapp eine Million jüdische Flüchtlinge, die der Unterdrückung und Verfolgung in arabischen und muslimischen Ländern entkommen konnten und heute mit ihren Nachkommen fast die Hälfte der Bevölkerung Israels ausmachen. Israel war die Rettung für mich und für Hunderttausende orientalische Juden. Leider ist die leidvolle Geschichte dieser jüdischen Flüchtlinge in Europa kaum bekannt. Es ist an der Zeit, das Wissen über dieses Thema in Deutschland endlich zu vermitteln. Damit würde man den Hintergrund des arabisch-israelischen Konflikts viel besser verstehen und Lösungsansätze ehrlicher und realistischer angehen.
Daniel Dagan, 69, Berlin

»Der Mauerfall war eine Befreiung«
Als 1989 die Mauer fiel, fühlte ich mich zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder frei. Endlich konnte ich all diejenigen Länder bereisen, die ich schon immer sehen wollte: Südafrika, Italien, Dänemark – und vor allem Israel! Nie werde ich meine erste Reise nach Tel Aviv vergessen: die Sonne, der Strand, die Menschen. Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich vom Fleck weg Alija machen. Ich werde richtig sauer, wenn ich daran denke, dass die DDR mich um so viele Lebenserfahrungen gebracht hat. Wie kann ein Staat den Anspruch haben, gerecht zu sein, und gleichzeitig seine Bürger einsperren? Freiheit ist das Allerwichtigste. Wenn man sie den Menschen nimmt, nimmt man ihnen auch die Würde.
Renate Aris, 79, Chemnitz

»In Deutschland so frei wie sonst nirgendwo«

Freiheit ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts. In meiner alten Heimat Ukraine zeigt sich das momentan besonders stark. Von einem Tag auf den anderen wurde die Krim von Putins Soldaten besetzt. Innerhalb von nur drei Wochen gehört die Halbinsel auf einmal zu Russland. Meine Verwandten in der Ostukraine haben deshalb große Angst davor, ebenfalls von Russland annektiert zu werden. Viele Ukrainer würden deswegen gern das Land verlassen, kommen allerdings nicht mehr an ihr Geld heran, weil die Banken die Einlagen vieler Bürger sperren. Angesichts dessen habe ich gelegentlich fast schon ein schlechtes Gewissen, wie privilegiert wir Deutsche sind. Beim nächsten Deutschland-Bashing sollte man bedenken, dass wir hier so frei leben wie sonst fast nirgendwo in der Welt.
Ivetta Dadecko, 26, Berlin

»Pessach endlich wieder mit der Familie«
Ich habe etwas ganz Besonderes an Pessach gefühlt, als ich meine deutsche Frau vor Jahren zum ersten Mal meiner Familie in Israel vorgestellt habe. Das war schön, ich habe mich nachher sehr frei und auch befreit gefühlt, weil ich nicht genau wusste, wie sie reagieren würde. Generell ist Freiheit zuallererst einmal ein Gefühl. Dieses wird in der Pessachgeschichte – für mich die schönste im Judentum überhaupt – eindrücklich beschrieben. Auf das Lesen der Haggada freue ich mich deshalb schon jetzt. In diesem Jahr habe ich sogar das Glück, nach Israel reisen zu können: Nach langer Zeit feiere ich Pessach endlich wieder gemeinsam mit der Familie im Kibbuz Einat.
Lior Uleviche, 34, Frankfurt am Main

»Selbstbestimmung ist Freiheit pur«
Freiheit bedeutet für mich vor allem, meinen Fähigkeiten entsprechend leben zu können. Ich promoviere an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg im Fach Zeitgenössische Jüdische Literatur. In meiner alten Heimat Ukraine wäre das vermutlich nicht möglich gewesen. Schon gar nicht mit der großartigen Unterstützung in Form eines Stipendiums, wie es mir das jüdische Studienwerk ELES ermöglicht. Das empfinde ich als wahren Segen. Ich glaube nicht, dass Menschen wirklich frei sind, wenn sie nicht in Übereinstimmung mit ihren Talenten und Wünschen leben können. Selbstbestimmung ist Freiheit pur. In Deutschland wird mir die Möglichkeit dazu – zum Glück – gegeben.
Yana Lemberska, 31, Heidelberg

»Mein Seder in Netanja«
Pessach ist der Inbegriff der Freiheit. Mit dem Auszug aus Ägypten beginnt für das jüdische Volk eine Ära der Selbstbestimmung – und was ist Freiheit anderes? »Von der Knechtschaft zur Freiheit«, so steht es auf dem Sederteller. Der Sederabend, das Gefühl des Zusammensitzens bis ein Uhr früh – das war im vergangenen Jahr für mich noch schöner als sonst. Zum ersten Mal habe ich da Pessach nämlich in Israel bei Freunden gefeiert. Die sind keineswegs sonderlich religiös, ich bin es auch nicht – und trotzdem: Es war etwas Besonderes. Weil es Israel war. Das fühlt sich anders an. Es ist schwer zu beschreiben.
Richard Volkmann, 25, München

»Familiärer Zusammenhalt«
Meine Großmutter Pezja hat zum Thema Freiheit und Pessach etwas Wunderbares gesagt: »An Pessach wurden die Juden befreit, aber nicht die Jüdinnen.« Sie hatte dabei die ganze Arbeit im Blick, die vor Pessach auf alle Hausfrauen wartet – wie den Pessachputz und das Kochen. Aber ich muss da eine Lanze für meinen Großvater Ruven brechen: Er hat mit vorauseilendem Gehorsam alle Aufgaben, die sie ihm aufgetragen hat, zu ihrer vollsten Zufriedenheit erledigt. Uns Enkel haben die beiden mit einbezogen, die Lasten wurden geteilt; jeder hatte etwas zu tun, und das Ganze hat auch noch Spaß gemacht. So wurde Last in Freiheit umgewandelt, das bleibt mir ein Leben lang als schöne Erinnerung bestehen; als beispielhaftes Bild dafür, wie Traditionen und Familienstrukturen das Bewusstsein für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden, den Zusammenhalt fördern und in jeder Hinsicht befreiend wirken können.
Rabbiner Andrew Steiman, 56, Frankfurt/ Main

»Das Geschirr meiner Oma«
In meiner Kindheit in Israel haben wir Pessach immer bei meinen Großeltern gefeiert. Die waren im Gegensatz zu uns orthodox und lebten in Bnei Brak. Pessach, das Fest der Freiheit, das waren für mich daher die wenigen Tage im Jahr, an denen ich religiösen Menschen sehr nahe war. Ich erinnere mich an das besondere Pessachgeschirr und das goldene Besteck, das es immer gab. Meine Urgroßmutter hatte es geschafft, diese Dinge während der Schoa aus der Tschechoslowakei herauszuschaffen und nach Israel zu retten. Das Geschirr ist für mich bis heute ein Symbol dafür, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Die Erinnerung daran trage ich bis heute in meinem Herzen.
Eitan Levi, 36, München

»Über Freiheit reden zu können – das ist Freiheit!«
Es ist nicht so selbstverständlich, dass wir heute hier sitzen und uns die Frage stellen können, was Freiheit bedeutet. Die Selbstverständlichkeit, über Freiheit reden zu können – das ist Freiheit!
Esther Sharell, 77, Frankfurt am Main

»Freiheit bedeutet für mich Selbstentfaltung«

Es kommt drauf an, aus welcher Perspektive Freiheit betrachtet wird. Für mich bedeutet Freiheit im Allgemeinen, mich selbst entfalten zu können – meine Vorstellungen, Wünsche und Ziele. Ich bin in Charkow in der Ukraine geboren, und meine Mutter hat mir erzählt, dass sie dort als Jüdin keine freien Entscheidungen treffen konnte – weder beim Studium noch beim Beruf. Ich schätze es sehr und bin glücklich, dass ich all diese Freiheiten in Deutschland habe. Und in meiner Arbeit als Kindergärtnerin erlebe ich einen weiteren wichtigen Freiheitsaspekt: Die Kinder sind noch frei darin, ihre Gefühle zu äußern und auf Fantasiereise zu gehen. Kein Tag ist gleich, und es ist so viel Raum für die Gestaltung des Alltags. Ich liebe meinen Beruf.
Polina Primak, 28, Frankfurt am Main

Zusammengestellt von Katrin Diehl, Philipp Peyman Engel und Rivka Kibel

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