Frankfurt/Main

Einweihung und Einschulung

Die Vorfreude ist ihnen anzusehen. »Wie cool sie aussieht«, staunen zwei Schülerinnen, die zum ersten Mal das neue Grundschulgebäude der I. E. Lichtigfeld-Schule erblicken. Es ist früher Montagvormittag, der erste Schultag nach den hessischen Sommerferien.

Im Festsaal des Ignatz-Bubis-Gemeindezentrums der Jüdischen Gemeinde Frankfurt haben sich zunächst die Dritt- und Viertklässler der von der Gemeinde getragenen, staatlich anerkannten Privatschule versammelt. Die Kinder haben Mund-Nasen-Schutz, ebenso wie die anwesenden Lehrer und Vertreter von Gemeindevorstand, Gemeinderat und Schulkommission.

Bauzeit Der Anlass ist nicht alltäglich. Denn die vier Jahrgänge der Eingangsstufe und des Grundschulzweigs der Lichtigfeld-Schule bezogen an diesem Tag einen nach zweieinhalbjähriger Bauzeit fertiggestellten Neubau in unmittelbarer Nähe des Gemeindezentrums im Frankfurter Westend.

Innerhalb von sechs Jahren stieg die Zahl der Schüler von 360 auf 560.

Am Dienstag wurden zudem die Kinder der sogenannten Eingangsstufe eins eingeschult. Die Sekundarstufe und die gymnasiale Oberstufe verbleiben unterdessen im historischen Philanthropin-Gebäude im Nordend. Der eigentlich für das Frühjahr vorgesehene Umzug der Grundschule musste wegen der Corona-Pandemie verschoben werden.

Neubau Weshalb der Neubau notwendig wurde, betonte Harry Schnabel, der im Vorstand der Frankfurter Gemeinde für die Lichtigfeld-Schule zuständig ist, in seiner Ansprache. Innerhalb von sechs Jahren sei die Anzahl der Schüler von 360 auf 560 gestiegen. »Das bedeutet, dass wir diesen Platz gebraucht haben«, sagte Schnabel.

Von der Idee, die Schule zu bauen, bis zur Einweihung seien fünf Jahre vergangen. Schnabel stellte die Vorzüge des siebenstöckigen, 5300 Quadratmeter Fläche umfassenden Neubaus heraus: »Wir beziehen ein modernes Schulgebäude mit zeitgemäßer Ausstattung.« Es gebe dort keine Kreidetafeln mehr, sondern Smartboards.

»Es soll ein Gebäude sein, in dem jüdische Identität und jüdische Kultur zu Hause sind«, sagte er. Schnabel rief die Kinder dazu auf, neugierig und wissenshungrig zu sein, aber auch Spaß zu haben.

Boker Tov Mit einem lauten »Boker tov!« begann Schulleiterin Noga Hartmann ihre Ansprache. Auch sie betonte gegenüber den Schülern die Bedeutung des Neubaus: »Ihr seid die Ersten, die dieses neue Haus betreten.« Es sei wie ein zweites Zuhause. Hartmann mahnte die Kinder, auf das Gebäude zu achten.

Der coronabedingten Verschiebung des Umzugs konnte sie auch Positives abgewinnen: »Diese Verzögerung hat dazu geführt, dass wir viel Zeit hatten, den Umzug vorzubereiten.« Das Warten habe sich gelohnt, sagte die sichtlich bewegte Schulleiterin.

Durch die Mesusa werde die Grundschule in eine jüdische Grundschule verwandelt.

Zwischen den Ansprachen waren kurze Videofilme zu sehen, die unter anderem auf die Geschichte der Lichtigfeld-Schule eingingen. Sie wurde 1966 als erste jüdische Schule in Deutschland nach der Schoa wiedergegründet.

Durch die Mesusa wird die Grundschule zu einer jüdischen Grundschule.
In einem Video erläuterte Gemeinde-rabbiner Julian-Chaim Soussan den Stellenwert der Mesusa und ihren Inhalt, das Schma Israel. Sie sei selbst wie ein Haus, in dem eine Familie von Buchstaben wohne.

Haupteingang In feierlicher Stimmung und von Musik begleitet, spazierten die Dritt- und Viertklässler nun zu dem wenige Schritte vom Gemeindezentrum entfernten Neubau.

Die Gemeinderabbiner Avichai Apel und Julian-Chaim Soussan brachten am Haupteingang des Grundschulneubaus die große Mesusa an und sprachen die Bracha. Nachdem Andrei Mares, Vorstandsmitglied der Gemeinde, Harry Schnabel und Noga Hartmann ein symbolisches blaues Band am Haupteingang zerschnitten hatten, konnten die Kinder gemeinsam mit den Lehrern ihre neuen Klassenräume betreten. Dort mussten sie ihre Masken nicht mehr tragen.

Wie an allen hessischen Schulen herrscht auch an der Lichtigfeld-Schule im gesamten Gebäude Maskenpflicht, mit Ausnahme der Klassenräume, wo das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes freiwillig ist.

Festsaal Die Zeremonie im Festsaal wurde anschließend für die Schüler der Eingangsstufe zwei und die Zweitklässler wiederholt. Apel und Soussan brachten danach Mesusot am Eingang zur Schulmensa an.

Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen betonte Julian-Chaim Soussan die Bedeutung jüdischer Schulen für die Gemeinden: »Die jüdische Bildung ist das Grundelementarteilchen des jüdischen Lebens und der jüdischen Gemeinde.« Frankfurt habe diese Wichtigkeit als eine der ersten, wenn nicht die erste jüdische Gemeinde nach dem Krieg erkannt.

Bezogen auf den Mitbegründer der Schule und ihre Entwicklung seit 1966 sagte Soussan: »Rabbiner Lichtigfeld hat noch von einem kleinen Pflänzchen gesprochen, das es zu begießen gilt. Mittlerweile ist es doch schon ein recht kräftiger Baum geworden.« Er werde mit Avichai Apel in allen Klassenräumen und weiteren Räumen, die eine Mesusa benötigen, Mesusot anbringen, kündigte Soussan außerdem an.

Lerngruppen Noga Hartmann erläuterte im Gespräch zunächst einige Details zum diesjährigen Schulbeginn. Den Neubau würden um die 350 Schüler nutzen, sagte sie. Der Unterricht finde in konstant bleibenden Lerngruppen statt. Zwischen den Gruppen müsse Abstand eingehalten werden. Der Stundenplan sei nicht gekürzt worden.

Für die I. E. Lichtigfeld-Schule ist es ein besonderes Schuljahr.

Und dann zeigte die Schulleiterin auch, wie bewegt sie ist: »Heute Nacht fand ich einfach keinen Schlaf.«

Denn für die I. E. Lichtigfeld-Schule ist es ein besonderes Schuljahr: »Dieses Schuljahr beginnen wir mit der Einweihung dieses Grundschulneubaus, und wir werden es mit dem ersten Abitur-Jahrgang beenden.« Zuletzt wurde das Abitur im Philanthropin 1939 abgenommen, bevor es von den Nationalsozialisten aberkannt wurde. »Jetzt wird es wieder stattfinden«, freut sich Hartmann.

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