Weihnukka und Jolka-Fest

Einfach mal abschalten

Wie Gemeindemitglieder die letzten Tage des Jahres 2015 verbringen

 22.12.2015 12:04 Uhr

Weihnachtsbaum mit Davidstern? Jeder hat andere Pläne für das Jahresende. Foto: dpa

Wie Gemeindemitglieder die letzten Tage des Jahres 2015 verbringen

 22.12.2015 12:04 Uhr

Ausruhen, verreisen, Geburtstage feiern. Die Pläne von Gemeindemitgliedern zur Weihnachtszeit sind vielfältig. Es sind Feiertage – und sie haben nichts damit zu tun. Für Benjamin Kochan, den jungen Rabbiner in Thüringen, ist es endlich so weit: Mit seiner Frau und den beiden Kindern hat er in Erfurt eine Wohnung gefunden.

»Natürlich feiere ich kein Weihnachten«, sagt er. Dennoch sind diese Tage mit einem aufregenden Fest verbunden. Denn seine Frau hat am 25. Dezember Geburtstag. Also kommen auch seine Eltern aus Leipzig zu Besuch. Sehr wahrscheinlich wird er ihnen vom stimmungsvollen Chanukkaball in Erfurt erzählen. »Der war mir auch deshalb wichtig, weil ich meine Gemeindemitglieder noch längst nicht alle kenne«, sagt Kochan, der erst seit Oktober bei der Landesgemeinde Thüringen angestellt ist. »Eine bessere Gelegenheit gibt es kaum«, weiß er.

»Einige von ihnen werden auch Weihnachten feiern« – so gut kennt der Rabbiner die Gepflogenheiten einiger Gemeindemitglieder schon. Die meisten kommen aus der Sowjetunion und sind es gewohnt. »Irgendwie finde ich das dennoch komisch«, sagt Kochan und zuckt leicht mit den Schultern. Vielleicht mögen seine einstigen Landsleute die Stimmung, den Weihnachtsmarkt, die vielen Lieder, die ständig in Einkaufszentren gespielt werden, oder aber die geschmückten Häuser und Wohnungen. »Die wenigsten Menschen denken bei Weihnachten jedoch an eine religiöse Feier«, ist der orthodoxe Rabbiner überzeugt.

widersprüche Das stimmt für Ursula Ulbricht aus Erfurt nicht. Sie lebt mit ihrer protestantischen Mutter zusammen. Ihr jüdischer Vater ist gestorben. »Aber ich kann mich erinnern, dass wir während meiner Kindheit immer einen Weihnachtsbaum im Zimmer stehen hatten, und auch die Kerzen am Chanukkaleuchter haben wir angezündet. Für mich war das überhaupt kein Widerspruch.« Einen Weihnachtsbaum hingegen werden sie und ihre Mutter nicht haben. Die beiden legen keinen großen Wert darauf. »Viel wichtiger ist, dass meine Mutter wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Ich hoffe sehr, ich habe sie noch ein paar Jährchen.«

Auch Wolfgang Nossen, der einstige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, hat mit Weihnachten nicht viel zu tun. »Aber wir nähern uns beim Essen an. Wahrscheinlich gibt es Ente«, sagt er. Früher war er manchmal in Schulen unterwegs, und die Kinder haben ihn gefragt, wie Juden eigentlich Weihnachten feiern. Er habe »typisch jüdisch geantwortet«, sagt der 84-Jährige – nämlich mit einer Gegenfrage. Er wollte wissen, woran die Kinder denken, wenn es um Weihnachten geht. An Ferien und Geschenke, haben sie geantwortet. Dass der Geburtstag von Jesus gefeiert wird, wusste kaum jemand von ihnen, berichtet Nossen.

»Ich betrachte jeden freien Tag, der in meinem Terminkalender entsteht, als Gottesgeschenk. Und wenn das sogar ein paar Tage am Stück sind und ›gesetzliche Feiertage‹ heißt, dann bin ich als gesetzestreuer Mensch verpflichtet, dem Gesetz zu folgen«, antwortet Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Er folge dem Gesetz »mit Vergnügen im Kreis meiner lieben Familie: Frau, Kinder und Enkelkinder«.

FAmilienfest Der 25. Dezember war für Karin Buron immer schon ein besonderer Tag. Aber nicht wegen Weihnachten, das in der Familie nicht gefeiert wird, sondern weil es der Geburtstag ihres Vaters war. Früher, so berichtet die Leiterin der Zweigstelle Sachsen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, kam an diesem Datum die ganze Familie zusammen. »Es gab in unserem Leben keinen 25. Dezember, an dem wir uns nicht gesehen oder gesprochen hätten.« In den vergangenen Jahren allerdings musste das Treffen verschoben werden, manche Familienmitglieder müssen bis zum 24. Dezember arbeiten, und die Enkel in Bayern haben Schulferien.

Die Tradition wurde zumindest fernmündlich aufrechterhalten: Vor allem mit ihrem Bruder, einem Überlebenden von Auschwitz, sprach Karin Buron am 25. Dezember immer lange am Telefon. Inzwischen ist ihr Bruder verstorben. Dennoch bleibt die Weihnachtszeit eine Zeit des Austauschs. Kurz vor dem Jahreswechsel erwartet sie den Besuch ihrer Tochter mit Familie, und auch ihre Schwester wird mit der Verwandtschaft nach Dresden kommen. »Ich freue mich wie jedes Jahr auf eine ruhige, entspannte Zeit und ausgeglichene freie Tage«, sagt Karin Buron.

Endlich Zeit zum Verschnaufen: Hinter Inessa Lukach liegt ein Jahr mit vielen Veranstaltungen und Hilfsangeboten, die sie für die Holocaust-Überlebenden der Jüdischen Gemeinde zu Dresden organisiert hat. Erst vor wenigen Tagen luden sie und ihr Team im Rahmen des Treffpunkts »Amcha« die Senioren zu einer großen Geburtstagsfeier ein. Zweimal pro Jahr richtet die Interessengemeinschaft für Holocaust-Überlebende diese Feste aus. Über die Weihnachtstage ist die Jüdische Gemeinde Dresden geschlossen, und Inessa Lukach freut sich auf freie Tage, in denen sie sich ausruhen und sich ihrer Familie widmen will.

Silvesterfeier Tanya Smolianitski aus Duisburg hat die Feiertage schon durchgeplant. »Ich habe noch so viele Papiere hier liegen, dass ich mich an meinen Schreibtisch setzen und sie abarbeiten werde«, erzählt sie lachend. »Als Jüdin respektiere ich das Fest, aber ich kann das feierliche Gefühl an diesen Tagen nicht teilen.« Anders war es, als Tanya Smolianitski mit ihrer Familie in der Sowjetunion lebte. Da feierten sie Silvester und Neujahr. »Das war ein Feiertag ohne religiösen oder historischen Hintergrund. Deshalb haben ihn auch viele Juden gefeiert.«

Die Familie traf sich, es wurde sehr spät gegessen, um Mitternacht gab es Champagner, »und man hat den Tannenbaum geschmückt«, erzählt die Duisburgerin. »Einige Menschen, die ich kenne, kaufen sich auch hier noch immer einen Tannenbaum und hängen den alten Schmuck auf, den sie noch von zu Hause haben«, sagt Smolianitski. »Das ist keine Erinnerung an die Sowjetunion, sondern vielmehr an die Eltern, glaube ich. Als wir vor 25 Jahren nach Deutschland kamen, haben wir das auch noch ein paar Jahre lang gemacht, aber inzwischen nicht mehr. Trotzdem assoziiere ich das neue Jahr immer noch mit dem Geruch frischer Tannen.«

Thüringer Wald Max Privorozki packt die Koffer. Nur 50 Meter trennen den Vorsitzenden des Landesverbands Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt von seinem Büro. Im Alltag sehr praktisch, doch in den nächsten zwei Wochen ist für ihn klar: Wenn er an den freien Weihnachtstagen zu Hause bliebe, würde er garantiert die paar Schritte hinüber ins Büro gehen. Damit er nicht in Versuchung gerät, gönnt er sich die Auszeit nach den vielen anstrengenden Veranstaltungen zu Chanukka mit dem großen Ball und den Jahresversammlungen in der jüdischen Gemeinde und im Landesverband. »Wo ich diesen Urlaub verbringe, ist noch nicht klar: Es kann Israel sein, die Vereinigten Staaten, aber auch der Harz oder der Thüringer Wald.«

Auch den jüdischen Familien in Hamburg steht eine eher ruhige Zeit bevor. Wie jedes Jahr veranstaltete das »Institut für die Geschichte der deutschen Juden« schon im Dezember seinen traditionellen »Weihnukka«-Abend, der dazu dienen soll, die christliche und jüdische Tradition zusammenzubringen.

Die Joseph-Carlebach-Schule bleibt wie alle anderen Schulen in Hamburg während der Weihnachtstage geschlossen, und so findet für die Kinder ein von Chabad Lubawitsch und der jüdischen Gemeinde gemeinsam veranstaltetes Winterferienlager statt, wo Kinder zwischen vier und 13 Jahren die Weihnachtstage verbringen. Sie machen Ausflüge und bekämpfen gemeinsam die Langeweile.

Camp Gan Israel Auch die Kinder der Familie Stricharz werden in den Weihnachtstagen am Camp Gan Israel teilnehmen, da die Familie des Stellvertretenden Vorsitzenden der Gemeinde dieses Jahr nicht wie üblich nach Israel reisen wird. Diesmal freue sie sich schon auf ruhige Tage in ihrer Heimat an der Elbe, erzählt Katharina Stircharz. »Sich mit Freunden treffen, Ausflüge machen oder ins Schwimmbad gehen, vielleicht auch ein paar DVDs gucken. Ist ja auch schön«, erzählt die Vorsitzende der Hamburger WIZO-Gruppe.

Nein, es ist nicht das Weihnachtsfest an sich, das Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, jedes Jahr aufs Neue beschäftigt: Es war die Adventszeit. Denn in der dieser Zeit schmückten die Nachbarn von Familie Röcher ihre Häuser und Grundstücke. »Von Woche zu Woche kamen immer mehr Lichter hinzu. Ich wollte eigentlich auch ein oder zwei Bäume im Garten beleuchten oder eine Lichterkette aufhängen, um solidarisch mit den Nachbarn zu sein und einen Beitrag zur Schönheit unserer Straße zu leisten. Dieser Wunsch provoziert jedoch Jahr für Jahr eine Familiendiskussion, die ich fast immer verliere«, seufzt Ruth Röcher. Aber ob mit oder ohne Licht: Zumindest hat an den Tagen um das christliche Weihnachtsfest ausnahmsweise einmal die ganze Familie, die auf drei Bundesländer verteilt ist, frei. Und so hat es sich eingebürgert, dass die Familie in diesen Tagen gemeinsam verreist.

Jüdischer Weihnachtsmann Vor Jahren hatten die Gebrüder Dziuballa das von ihnen betriebene jüdische Restaurant »Schalom« am 24. Dezember abends für Menschen geöffnet, die sich einsam und verlassen fühlten oder einfach keine Alternative zu den gängigen Weihnachtsangeboten fanden. In diesem Jahr atmen die Mitglieder des Familienbetriebs aber selbst einmal durch. »Für besonders sympathische Stammgäste mit Kindern im Vorschulalter spiele ich am Nachmittag den unerkannten jüdischen Weihnachtsmann«, erzählt Uwe Dziuballa. »Und die Kids staunen meist nicht schlecht, wie gut dieser bärtige Alte doch ihr vergangenes Jahr kennt. Danach aber ist ›Chill-out‹ angesagt, einfach mal abschalten nach einem schaffensreichen Jahr, und da dürfen ein gutes Buch und ein guter Whisky natürlich nicht fehlen.«

Mila Gershkovitsch, Versicherungsangestellte und Mutter von zwei Söhnen im Alter von sechs und zehn Jahren, schwört an Neujahr auf ein jüdisches Familientreffen. »Bei uns finden sich vier Generationen ein, stets gibt es leckere Speisen und Getränke. Jeder bringt etwas von herzhaft bis süß mit, und Gefilte Fisch machen wir selbst«, zählt die 34-Jährige auf. »Das war schon in der Ukraine so, alle freuen sich darauf, und für die Kinder gibt es natürlich kleine Überraschungen.«

Auch bei Leonid Glezerov, vor 15 Jahren von Moskau nach Chemnitz gekommen, findet man stets ein offenes Haus. Während der Feiertage und an Silvester geht er es allerdings ruhiger an: »Das Weihnachtstreiben in der Stadt finde ich fast märchenhaft, aber es hat nichts mit mir zu tun«, sagt der 71-Jährige. »An Neujahr ist das anders, einmal wegen der Jolka-Fest-Tradition inklusive Tannenbaum, aber auch wegen der Beschneidung des berühmten kleinen jüdischen Knaben vor mehr als 2000 Jahren. Ich freue mich dann über spontane Gäste. Aber meistens telefoniere ich die halbe Nacht mit Verwandten und alten Weggefährten in der ganzen Welt.«

Zlatan Alihodzic, Olaf Glöckner, Esther Goldberg, Moritz Piehler
und Karin Vogelsberg

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