Dresdner Kulturwoche

Eine Tochter rechnet ab

Bozena Keff beschreibt den Konflikt zwischen Mutter und Tochter vor dem Hintergrund der Schoa. Foto: Andrzej Georgijew

Lebhaft diskutiert das Publikum über die Lesung von Bozena Keffs Ein Stück über Mutter und Vaterland. Es ist Halbzeit bei der Jüdischen Musik- und Theaterwoche Dresden. Das Buch der polnischen Autorin hat es in sich: Es ist eine persönliche und bitterböse Abrechnung der Tochter einer Schoa-Überlebenden mit ihrer Mutter und mit ihrem Vaterland Polen. Das Thema passte perfekt zum diesjährigen Schwerpunkt »Nachbarn im Osten« des jüdischen Kulturfestivals. Die Autorin selbst war erkrankt, doch Michael Zgodzaj, der Keffs Stück ins Deutsche übersetzt hat, gelang es, dem Publikum den brisanten Text näherzubringen.

Bozena Keff, 1948 in Warschau geboren, hat in ihrer Heimat einen Namen als Dichterin, Literaturwissenschaftlerin, Filmkritikerin, Publizistin und Universitätsdozentin. Als sie 2008 in Polen Ein Stück über Mutter und Vaterland veröffentlichte, platzte sie damit mitten in die Diskussion über ein Tabuthema: Antisemitismus in Polen.

Debatte
Ausgelöst hatte die Debatte vor allem der Wissenschaftler Jan Tomasz Gross mit seinen Büchern über Verbrechen an Juden, die durch Polen verübt wurden. In ihrem Stück zitiert und ironisiert Keff antisemitische Klischees ihres Heimatlandes »bis es wehtut«, wie Michael Zgodzaj sagt.

Wie schmerzhaft die Auseinandersetzung der Polen als Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands mit eigenen Verbrechen gegen jüdische Nachbarn immer noch ist, machte die Diskussion in Dresden deutlich. Jadwiga Schöne von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Sachsen nannte Polen ein »sehr tolerantes Land« und wollte den Vorwurf des Antisemitismus nicht stehen lassen.

Dass Opfer von Gewalt und Krieg aber nicht immer automatisch die besseren Menschen sind, macht Keffs Buch vor allem anhand der Auseinandersetzung der Erzählerin mit ihrer Mutter deutlich. Die Mutter, die vor den Nazis gerade noch fliehen konnte, aber ihre Familie durch den Holocaust verlor, quält die Tochter mit ihren Klagen in Endlosschleife und ihrem Anspruch auf permanente Aufmerksamkeit. Der Tochter kommt die Mutter wie ein Vampir vor, der sie aussaugt und ihr kein eigenes Leben lässt: »Ich habe nichts, was wirklich mir gehört.«

Blasphemie Keff wagt die doppelte Blasphemie: Zum einen greift sie den Egoismus der Schoa-Überlebenden an, die ihr Trauma an die nächste Generation weitergeben und sie mit dieser Bürde allein lassen. Keff knüpft damit an Art Spiegelmans Maus-Comic an, der ebenfalls das schwierige Verhältnis der Überlebenden und ihrer Nachkommen in den Fokus rückt. Zusätzlich demontiert Keff das traditionelle Bild der liebenden, fürsorglichen Mutter, das vor allem in der polnischen Gesellschaft nach wie vor gepflegt wird. In ihrem Stück ist die Mutter ein sadistisches Ungeheuer. Ein Opfer, das die Tochter zu seinem Opfer macht.

Keine leichte Kost, die Bozena Keff in ihr Stück mit mythologischen Anklängen und einem Chor wie in der griechischen Tragödie gepackt hat. Was der polnische Theaterregisseur Jan Klata aus Keffs autotherapeutischem Stück gemacht hat, war im Rahmen der Jüdischen Musik- und Theaterwoche Dresden als Deutschlandpremiere mit dem Teatr Polski Wroclaw zwei Tage später im Kleinen Haus des Staatsschauspiels ebenfalls zu sehen.

Seder

Es ist unsere Freiheit

Zu Pessach setzen wir unser Vertrauen in die Kraft des Guten

von Charlotte Knobloch  31.03.2026

Pessach

Der leere Stuhl

Für viele bedeutet der Seder, auf geliebte Menschen zu verzichten. Hier erzählen vier Frauen und Männer, wer an Pessach fehlt – und was ihnen Hoffnung gibt

von Nicole Dreyfus  31.03.2026

Programm

Führung, Erinnerung und Vorträge: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. April bis zum 16. April

 30.03.2026

»Koscher-Licious«

Mazze, Challe, Wodka

Viele Besucher und noch mehr gute Laune gab es beim Streetfoodfestival auf dem Pears-Campus von Chabad in Berlin. Bereits zum fünften Mal probierten sich Gäste durch das Angebot

von Alicia Rust  29.03.2026

Meinung

Das Gedenken schützen

Ein linksextremes Bündnis plant zum Jahrestag der Befreiung Buchenwalds eine antisemitische Kundgebung. Thüringens Juden wehren sich gegen die Provokation

von Reinhard Schramm, Marek Sierka  29.03.2026

Porträt der Woche

Für alt und jung

Judit Marach hat in einem Seniorenheim gearbeitet – heute ist sie Schulsekretärin

von Gerhard Haase-Hindenberg  29.03.2026

Frankfurt

Wieder zusammen

Fast neun Jahrzehnte nach dem Novemberpogrom 1938 wird der Silberschmuck einer Torarolle erstmals als Einheit präsentiert

von Eugen El  29.03.2026

Ilja Richter

Zu Hause zwischen den Stühlen

Der Schauspieler stellte sein neues Buch vor und verzauberte das Publikum mit Gesang, Rezitationen – und sogar als Bauchredner

von Nora Niemann  29.03.2026

Oldenburg

»Es ist gesund, wenn nicht alles von nur einem Rabbiner abhängt«

Seit einem Jahr amtieren Netanel Olhoeft und Levi Israel Ufferfilge in der Gemeinde. Nun wurden sie auch offiziell eingeführt. Wie funktioniert die rabbinische »Doppelspitze«?

von Mascha Malburg  28.03.2026