München

Eine späte Würdigung

Foto: Marina Maisel

Oft sind es nur persönliche Befindlichkeiten, nicht mehr als Petitessen, die den Blick auf das Wesentliche versperren. Die Umbenennung der Von‐Braunmühl‐Straße in Max‐Isserlin‐Straße in der vergangenen Woche ist ein Beispiel dafür.

Einige Anwohner hatten im Vorfeld des Namenswechsels, der in den zuständigen kommunalpolitischen Gremien Ende Dezember einstimmig beschlossen wurde, ihren Unmut darüber geäußert, dass mit einem neuen Straßennamen auch neues Briefpapier gedruckt, Änderungen in den Ausweisen und diversen anderen Papieren vorgenommen werden müssten. Ist das zu viel verlangt?

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erinnerte bei einer kleinen Gedenkfeier anlässlich des Namenswechsels daran, dass die Benennung einer Straße nach einer bestimmten Person eine Auszeichnung darstellt. »Sie ist zu Recht nur solchen Menschen vorbehalten, die im Laufe ihres Lebens besonders große Leistungen vollbracht haben und deren Vorbild die Nachwelt in besonderer Weise inspiriert hat«, sagte sie.

entscheidungsgremien Zweifel irgendwelcher Art, dass der neue Namensgeber der Straße, Max Isserlin, dieser Vorgabe nicht entsprechen könnte, wurden nicht einmal ansatzweise laut, ganz im Gegenteil. Eine geeignetere Persönlichkeit als den einstigen jüdischen Chefarzt der »Heckscher Nervenheil‐ und Forschungsanstalt« gebe es nicht, waren sich alle Entscheidungsgremien und Teilnehmer der Feier einig.

Max Isserlin floh nach dem Entzug seiner Approbation 1938 nach England.

Max Isserlin, der nach dem Entzug seiner Approbation 1938 nach England floh und 1941 starb, hatte in den 20er‐Jahren gemeinsam mit seinem Mäzen Carl August Heckscher die kinder‐ und jugendpsychiatrische Klinik errichtet, die heute eine der größten derartigen Einrichtungen ist. Im Frühjahr eröffnet in Haar eine Außenstelle für schwer‐ und mehrfachbehinderte Kinder.

Aus England, wo Max Isserlin bis zu seinem Tod lebte, reiste sein Enkel Raphael an. Auch er sieht in den Straßenschildern, die jetzt den Namen seines Großvaters tragen, eine sichtbare Würdigung seiner Verdienste.

IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch (M.) mit Gabriele Müller (3.v.l.) und Raphael Isserlin (5.v.r.)Foto: Marina Maisel

Die Relationen ließ Charlotte Knobloch aber nicht aus den Augen. »Vor dem Hintergrund der Entrechtung und Verfolgung, die Max Isserlins letzte Jahre bestimmten«, betonte sie, »kann auch die Benennung dieser Straße nach ihm nur ein kleines Zeichen der großen Anerkennung sein, die er sich mit seiner Lebensleistung verdient hatte – und die ihm vor seinem Tod auf böswillige und verbrecherische Weise vorenthalten wurde.«

Ein ausgesprochen schmerzhafter Aspekt, der durch die systematische Aufarbeitung der NS‐Vergangenheit durch das Isar‐Amper‐Klinikum ans Tageslicht kam und die Namensumbenennung nahezu zwangsläufig in Gang setzte, blieb bei der Feier nicht ausgespart. Anton von Braunmühl, der bisherige Namensgeber, war in der NS‐Zeit Psychiater an der damaligen Heil‐ und Pflegeanstalt und hoch angesehen – und das nicht nur zu jener Zeit.

»Alle haben sich getäuscht«, musste Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) bei der Umbenennung feststellen. Sie sprach damit eine Entscheidung an, die im Jahr 1976 gefällt wurde und ein Beleg dafür ist, wer bei der geschichtlichen Aufarbeitung der Vergangenheit durchs Raster fiel. Anton von Braunmühl wurde damals vom Bezirk und der Stadt als Namensgeber einer Straße für würdig befunden.

todesurteil Wer auf diese Weise geehrt wurde, erklärte die Bürgermeisterin folgendermaßen: »Anton von Braunmühl war kein Ehrenmann. Er hat bei vielen Tötungen weggesehen, und auf zahlreichen Krankenakten findet sich seine Unterschrift – das war das Todesurteil.« Er sei nicht nur Mitwisser, sondern auch Mittäter des menschenverachtenden Psychia­trieprogramms gewesen, das in der Anstalt umgesetzt wurde, sagte Bürgermeisterin Müller.

Auf diese dunkle Seite der Geschichte ging auch Rainer Schneider ein, der stellvertretende Bezirkstagspräsident. Er versprach, dass der Bezirk nie wieder wegsehen werde, wie es in der Nazizeit der Fall war. »Es geht nicht nur darum, ein Schild abzuhängen, wir müssen unsere Taten und Geschichte auch dokumentieren und aufarbeiten«, erklärte er.

Der bisherige Namensgeber war Mittäter des NS‐Psychiatrieprogramms.

Raphael Isserlin bedankte sich insbesondere bei der Gemeinde Haar für die »mutige Entscheidung«, seinen Großvater auf diese Weise zu würdigen. Dem Dank an die Adresse der Gemeinde Haar und des Bezirks Oberbayern schloss sich auch IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch an. Sie hält eine derartige Würdigung angesichts neu entflammten Judenhasses in ganz Europa für besonders wichtig.

Diesem Antisemitismus, so die IKG‐Präsidentin, müsse man sich auch mit dem Gedenken an Menschen wie Max Isserlin entgegenstellen. »Es zeigt«, erklärte Knobloch, »dass wir die Erinnerung an die Vergangenheit ernst nehmen, um gemeinsam eine bessere Zukunft zu gestalten.« Der Weg dorthin, meinte sie, sei zweifellos noch lang, aber die Max‐Isserlin‐Straße sei ein sehr guter Ausgangspunkt.

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