Porträt der Woche

»Eine Oase geschaffen«

»Als Lehrer darf man die Seelen der Schüler nicht brechen«: Margarita Volkova-Mendzelevskaya lebt in Stuttgart. Foto: Brigitte Jähnigen

Es war 1997. Ich saß auf der Königstraße in Stuttgart auf einer Bank. Die Königstraße ist eine Fußgängerzone, die Flanier- und Einkaufsstraße in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, und es ist immer viel los. Aber ich war allein. Da sprach mich ein Mann an: »Was machst du hier?« Ich war überrascht und antwortete: »Ich wohne hier, und ich verstehe von diesem Leben gar nichts.«

Eiserner Vorhang Es war ein Bekannter, ein Deutscher, ich kannte ihn aus Moskau. Dort hatte ich zuletzt gelebt und gearbeitet. Von dort wollte ich weg, den »Eisernen Vorhang« hinter mir lassen, von vorn beginnen, wieder frei atmen. Stark wollte ich sein. Für meinen halbwüchsigen Sohn. Für meine Mutter, der ich so viel zu verdanken hatte. Und dann diese Verlassenheit in einem Land, dessen Sprache ich nicht sprach, deren Worte ich nicht lesen und verstehen konnte. Ohne Arbeit, ohne eigene Wohnung. Ohne Klavier.

Geboren wurde ich in Weißrussland. In welchem Alter mein Klavierunterricht begann? Die Antwort fällt mir immer schwerer. Um die Wahrheit zu sagen: wohl vom Moment der Zeugung an. Jeder Raum, in dem sich meine Mutter Nina Mendzelevskaya aufhielt – sie war eine berühmte Pianistin und Klavierpädagogin –, war von Musik erfüllt. Von den ersten Sekunden meiner Existenz an war ich versunken in die herrliche Welt der Klänge, denn jede Zelle von Mamas Körper lebte damit.

Ich erinnere mich, wie sie mich statt eines Weckers mit Musik weckte, und ich schlief nach ihrem obligatorischen Abendkonzert ein, das sie extra für mich gab – statt des üblichen Märchens. Mamas Repertoire war sehr groß. Ich hörte mit Tränen in den Augen zu, mit einem Kloß im Hals, und wollte um nichts in der Welt schlafen, bat um immer neue Stücke. Wenn die Musik verklang, drehte ich mich mit Bedauern zur Wand, konnte aber nicht gleich einschlafen.

Statt mir abends Märchen vorzulesen, gab meine Mutter für mich Konzerte.

Als ich später Musikliteratur las, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass ich ganz viel Klaviermusik schon seit Langem kannte, von Kindheit an. Ich erinnere mich nicht, wie ich dem Klavier die ersten Töne entlockte. Ziemlich früh fing Mama an, mir das Spiel »nach den Händen« beizubringen, denn ich war zu klein und hatte überhaupt keine Lust, in die Noten zu gucken und sie zu lernen. Zu meinem Unglück beendete meine Schwester Larissa das Konservatorium genau in dem Moment, als ich in die erste Klasse kam. Sie kehrte nach Mogiljow, in meine Geburtsstadt, zurück und begann als Lehrerin in der Fachmusikschule. Ausgerechnet zu ihr kam ich in die Abteilung des Pädagogischen Praktikums. Mama hatte wohl die Hoffnung verloren, mit mir fertigzuwerden.

LAMPENFIEBER Inzwischen bewältigte ich den Violinschlüssel mit lieber Not, den Bassschlüssel um nichts in der Welt. Aber das Leben zwang mich dazu. Ausschließlich dank Mamas Hartnäckigkeit und Willenskraft erlernte ich »nach den Händen« das Konzert von Berkowitsch. Mama hatte mich in das Programm eines ihrer Schülerkonzerte aufgenommen.

Ich erinnere mich gut an mein erstes Konzertkleidchen aus elfenbeinfarbener Seide. Und an die tierische Angst vor dem Heraustreten auf die Bühne. »Ah, die kleine Mendzelevskaya, was kann sie denn«, müssen die Zuhörer wohl gedacht haben. Ich guckte klagend zu Mama hinüber. Aber die saß streng und schön an ihrem Flügel und wartete auf meinen Part am zweiten Instrument. Um es kurz zu machen: Ich spielte alles sehr schön, das Publikum applaudierte, Mama war sehr stolz auf mich, und ich schwor mir, niemals mehr im Leben öffentlich Klavier zu spielen.

Dieses Lampenfieber ist nicht mehr von mir gewichen, bis heute nicht, wo ich auf so viele Konzerterfahrungen zurückblicken kann. Denn obwohl ich mir und Mama am Ende der dritten Klasse schwor, mit dem Klavierspielen aufzuhören, bin ich Pianistin und Klavierpädagogin geworden. Eine Mutter wie Nina Mendzelevskaya gibt niemals auf!

Die politischen Verhältnisse in der Sowjetunion griffen in das Leben aller Menschen ein. So oder so. In unserer Familie waren es vor allem auch Intrigen von »aufrechten Genossen«. So beschuldigten mich Kollegen, ich würde besondere Geheimnisse der Klavierpädagogik besitzen, die mir vererbt worden seien und die ich nicht mit den Genossen teilen wollte.

Als wir nach Deutschland kamen, lernte ich wie eine Wahnsinnige die deutsche Sprache. Das war eine harte Zeit. Ich war ja schon 40.

Doch diese »Geheimnisse« waren nichts anderes als ethische Tugenden, die ein Künstler und Pädagoge nicht verletzen sollte. Wie zum Beispiel die, der Musik zu dienen, als Lehrer die Seelen der Schüler nicht zu brechen, an ihre Flügel zu glauben, auf denen sie sich auf ein höheres Niveau schwingen können. Ich bin überzeugt, dass darin der pädagogische Erfolg besteht.

SCHWÄBISCH Doch gehen wir noch einmal einige Jahre zurück – in die ersten Jahre in Deutschland. Nachdem wir bekommen hatten, was wir am meisten brauchten – eine gute Schule für meinen Sohn Roman und eine Wohnung für Mama, mich und mein Kind –, lernte ich wie eine Wahnsinnige die deutsche Sprache: täglich 50 bis 100 Worte und am Wochenende 1000. Das war eine harte Zeit. Ich war ja schon 40.

Eine große Hilfe war für uns Volker Merz, er war damals Leiter der privat geführten, staatlich anerkannten Merzschule. Er nahm meinen Sohn auf, der furchtbar unter Heimweh litt. Und er bot mir eine Stelle als Klavierlehrerin an – unter der Bedingung, dass ich Deutsch lernte. »Nebenbei« ging ich als Gasthörerin in die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Ich wollte eine erfolgreiche Stuttgarterin werden.

Die Einzige bei uns, die überhaupt kein Heimweh hatte, war Mama. Sie freute sich an allem und war glücklich, dass wir beieinander waren. Erst ein wenig später fand ich einen weiteren Grund heraus: Mama sprach Jiddisch, und das ähnelte dem Schwäbischen. Als Mama in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) ein Konzert gab, umringten sie viele »Russen«, die als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus den GUS-Staaten in die Region gekommen waren. Wir sangen die schönsten russischen Lieder aus den vergangenen 60 Jahren – mit Tränen in den Augen.

Um Fuß zu fassen und die Existenz der kleinen Familie zu sichern, bewarb ich mich bei mehreren Musikschulen. Sie haben mich nicht einmal eingeladen, keine einzige.

Bevor wir unsere eigene Wohnung hatten, lebten wir in einem Wohnheim. Es befand sich gegenüber dem KKL, dem Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle. Mama und ich waren völlig fasziniert von den weltbekannten Künstlern und Werken, die hier auftraten und aufgeführt wurden. Wir hörten das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Hier wurden die Werke der Barockmusiker ganz anders gespielt als in der Sowjetunion. Freie Tempi und große Dynamik brachen unsere Hörgewohnheiten.

Einen Tag vor Silvester 1998 saß Mama zum letzten Mal am Klavier. Mit den Worten »Ich bin so stolz auf dich, ich habe eine so talentierte Tochter, wie bin ich glücklich« nahm sie Abschied von mir.

Um künstlerisch in der neuen Heimat Fuß zu fassen und die Existenz der kleinen Familie zu sichern, bewarb ich mich bei mehreren Musikschulen. Sie haben mich nicht einmal eingeladen, keine einzige. Das war sehr, sehr hart. Meine Gedanken kreisten nur noch um die Frage: Was muss ich anders machen? Der entscheidende Tipp kam von außen. Ich sollte und wollte eine eigene Musikschule gründen. Schnell war ich erfolgreich. Vor allem auch mit der frühmusikalischen Erziehung.

KARL-ADLER-MUSIKWETTBEWERB Gleichzeitig konnte ich beobachten, dass die Kinder der Einwanderfamilien Komplexe hatten. Ich wollte, dass sie glücklich sind, und initiierte den Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb: Talentierte Kinder konnten in der Öffentlichkeit des Gemeindesaals der IRGW vorspielen, eine professionelle Jury bewertete ihre Leistungen. Es stärkte das Selbstbewusstsein der Heranwachsenden, die oft auch schon bei »Jugend musiziert« gespielt hatten, aber nun auch an einem eigenen – jüdischen – Wettbewerb teilnehmen konnten. Sie bekamen eine eigene Plattform.

Bald konnten wir dem Wettbewerbstitel »International« hinzufügen. Die Teilnehmer kamen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Russland, Israel, der Schweiz. Sehr glücklich war ich, als es mir gelang, die Internationale Musikakademie zu gründen. Sie wurde Träger eines Jüdischen Kammerorchesters. Wir nannten es »Nigun«, hebräisch für »Melodie«.

Was sich hier über mein Engagement in Sachen Musik vielleicht so leicht liest, ist eine bis heute dauernde Mühe, auch um Sponsoren. Wie oft haben die Preisträger des Wettbewerbs erzählt, dass ihnen auch kleinere Geldspenden über die musikalische Anerkennung hinaus helfen. Einer braucht einen neuen Geigenbogen, der andere einen Zuschuss für eine Weiterbildung. Gerade die Einwandererfamilien sind nicht mit »goldenen Löffeln« in Deutschland angekommen. Zertifikate werden nicht anerkannt, eine andere Sprache zu lernen, ist schwierig, die oft mitgereisten alten Eltern brauchen Zuwendung.

Bei den meisten Entscheidungen der Politiker im Corona-Jahr nimmt die Kultur einen sehr untergeordneten Stellenwert ein.

Und doch: Es lohnt sich. Meine Unterstützer und ich haben für viele der jungen Talente eine Oase geschaffen, in der sie glücklich sind.

CORONA Eine wirkliche Katastrophe ist dieses schreckliche Corona-Jahr. Nicht nur, dass bei den meisten Entscheidungen der Politiker die Kultur einen sehr untergeordneten Stellenwert einnimmt, sondern auch, weil wir den gesamten Wettbewerb online stellen mussten. Ich bin Musikerin, aber keine Computerspezialistin. Aber ganz ausfallen lassen wollten wir den Wettbewerb auch nicht.

Also schickten die Teilnehmer ihre Beiträge ein, wir stellten sie auf YouTube, die Jury beriet sich über WhatsApp und »Zoom«. Ich war schrecklich aufgeregt, aber es hat funktioniert. Wie glücklich waren wir, als es hieß, das traditionelle Preisträgerkonzert mit dem Kammerorchester »Nigun« könne live stattfinden. So dachten wir – bis Anfang November die Theater und Konzertsäle erneut schlossen.

Ich fühle mich immer noch furchtbar. So viel Kraft und Zeit und Geld habe ich investiert, für nichts. Und zum ersten Mal seit 15 Jahren wollte die Stadt Stuttgart das Konzert finanziell unterstützen. Der Zentralrat der Juden hat uns von Beginn an geholfen.

NEULAND Wie wird es weitergehen? Ich hoffe sehr, dass wir weiter genügend Sponsoren für die Nachwuchsförderung begeistern können. Es war Neuland, was ich hier in Deutschland bearbeitet habe. So etwas hatte ich vorher noch nie gemacht. Und ich hoffe, dass die Mediziner neben dem Impfstoff auch ein Mittel gegen Corona finden.

Aufgezeichnet von Brigitte Jähnigen

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