Erinnerung

»Eine nie verheilte Wunde«

Alfred und Walter Koppel in der Maximilianstraße Foto: Volk Verlag/Karla Nolan

»Das muss man unbedingt auf Deutsch rausbringen, das müssen die Leute lesen!« Dieser nachdrückliche Appell stammte von Werner Grube, im vergangenen Jahr verstorbener Münchner Überlebender von Theresienstadt, nachdem er 2011 das Buch My Heroic Mother seines Freundes Alfred Koppel aus den USA erhielt. Nun hat der Volk Verlag München den Band auf Deutsch veröffentlicht.

Die Herausgeber Ilse Macek und Friedbert Mühldorfer präsentierten Dies ist mein letzter Brief. Eine Münchner Familie vor der Deportation im November 1941 am 30. Januar 2014 in der Rotunde des Stadtarchivs. Wie groß das Interesse an diesem bewegenden Zeugnis seiner Zeit ist, belegte das enorme Publikumsinteresse. Einige Gäste mussten stehen – eine Seltenheit bei Veranstaltungen dieser Art.

trauma Friedbert Mühldorfer skizzierte die Entstehungsgeschichte und den Inhalt des Buches. Al Koppels Spurensuche hatte erst spät begonnen, im Alter von fast 70 Jahren. Vorher war diese »traumatische Leerstelle« seines Lebens »eine nie verheilte Wunde« gewesen, wie er es selbst diagnostizierte. Fast 60 Jahre lang hatte er sich nicht an die Schachtel mit den Briefen seiner Eltern aus den Jahren 1940 und 1941 gewagt.

Die Familiengeschichte der Koppels und Al Koppels Reise in die Vergangenheit mit den Stationen Hamburg, München, Berlin und dem Ort der Ermordung seiner Mutter und vier seiner Geschwister, das Fort IX in Kaunas, ist ein beeindruckendes Zeugnis Münchner jüdischer Geschichte.

Ilse Macek, die den Text aus dem Englischen übersetzt hat, ordnete in ihrer Rede das Buch in eine spezifische Sparte der Erinnerungsliteratur ein: die Memoirenliteratur. In den Vordergrund stellte Macek die erfahrungsgeschichtliche Dimension, die – wiewohl nicht unbedingt »wirklichkeitsgetreu« – bis heute Konkretisierung und Nachvollziehbarkeit der großen geschichtlichen Vorgänge und Zusammenhänge erlaube. »Identifikation und Empathie sind es, die uns geschichtliche Ereignisse nahebringen, die im Gedächtnis haften bleiben oder für unser Handeln nachhaltig Wirkung entfalten können.«

Gegenwart Die Buchvorstellung endete mit der Lesung ausgewählter Briefe durch die Sprecherin und Schauspielerin Julia Cortis. Ihr gelang es, Carla Koppel quasi in die Gegenwart zu holen und die anwesenden Gäste ganz nahe an das damalige Geschehen heranzuführen.

Das Buch ist sehr packend und lesenswert. Es bereichert die Geschichte des Münchner Judentums um eine neue Dimension geschichtlicher Fakten und Vorgänge. ikg

Programm

Vernissagen, Workshops und eine Zeitreise ins Berlin von »Babylon Berlin«: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 17. September bis zum 30. September

 16.09.2026

Dresden

Gemeinde feiert Rückkehr mit Konzert und Ausstellungen

Rund 200 Besucher feierten die Rückkehr der jüdischen Gemeinde in ihre Synagoge, die nach rund dreieinhalb Jahren Bauzeit wiedereröffnet werden konnte

 15.09.2026

Bayern

Nach Morddrohung gegen Charlotte Knobloch – jetzt äußert sich die Polizei

Die Hintergründe

 15.09.2026

Audiowalk

Schritte durch die Vergangenheit

Das Junge Theater Köln erzählt die Geschichte des jüdischen Viertels und verbindet dazu Schauspiel und digitale Technik

von Annette Kanis  15.09.2026

München

Wadephul trifft Charlotte Knobloch nach Morddrohung

Die Präsidentin der Israelitischen Gemeinde München und Oberbayern wurde nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt Opfer einer Gewaltandrohung. Der Bundesaußenminister demonstriert Solidarität

 15.09.2026

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 15.09.2026 Aktualisiert

Rheinland-Pfalz

SchUM-Kulturtage Speyer präsentieren jüdisches Leben

Ob ein Kochkurs mit dem Landesrabbiner oder jiddische Lieder mit dem Oberkantor: Die SchUM-Kulturtage laden ab Oktober mehr als einen Monat lang dazu ein, die jüdische Kultur kennenzulernen

 14.09.2026

Kino

»Ich habe keine Heimat«

Eine Dokumentation über Albrecht Weinberg erzählt von Verfolgung, Erinnerung und der schwierigen Rückkehr in das Land der Täter

von Esther Martel  14.09.2026

Porträt der Woche

Der Barockmusiker

Moshe Haas stammt aus Israel, ist Kantor und liebt Johann Sebastian Bach

von Anja Bochtler  14.09.2026