Berlin

»Eine lebendige Entwicklung«

Klaus Lederer über jüdische Kultur, Herausforderungen und Umgang mit BDS

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  30.10.2017 14:24 Uhr

»Antisemitismus muss man widersprechen«: Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) Foto: Uwe Steinert

Klaus Lederer über jüdische Kultur, Herausforderungen und Umgang mit BDS

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  30.10.2017 14:24 Uhr

Herr Lederer, Sie haben die Schirmherrschaft für die 30. Jüdischen Kulturtage übernommen. Warum gerade diese Veranstaltung?
Unser Ressort vereint ja Verschiedenstes, nicht nur klassische Kulturthemen, sondern auch Kirchen, Religion und Europa – dazu gehören auch die Beziehungen zwischen dem Land Berlin und der Jüdischen Gemeinde. Die europäische Idee hat hier in Berlin ihre besondere und spezifische Wirkmächtigkeit nach der Niederlage der Nazis gewonnen – aus der Erfahrung eines von Nationalismus zerfressenen Europas. Berlin ist die Stadt, in der der Holocaust geplant und ins Werk gesetzt wurde. Dass die Jüdischen Kulturtage, gefördert vom Land Berlin, stattfinden, hat etwas damit zu tun, dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin jegliche Unterstützung bekommen sollte, um in die Lage versetzt zu werden, Teile dessen, was dem Vernichtungswahn der Nazis zum Opfer fiel, zu reetablieren, wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rufen und jüdische Kultur in dieser Stadt sichtbarer und stärker zu machen. Das unterstütze ich unbedingt und bin deshalb sehr gern Schirmherr.

2016 sagten Sie im Interview mit dieser Zeitung, es dürfe bezüglich jüdischen Lebens in der Hauptstadt »nicht bei Bekenntnissen bleiben«, sondern es müsse »aktiv gefördert werden«. Wie fördern Sie wen?
Zu ganz praktischen Sachen kurz vorweg: Der Sanierungsstau bei Kulturinfrastruktur beläuft sich in Berlin auf insgesamt eine Milliarde Euro. Mit dem nächsten Doppelhaushalt sind wir hoffentlich in der Lage, diesen Sanierungsstau anzugehen, wenigstens anzufangen. Dazu gehören auch jüdische Einrichtungen. Wir unterstützen nicht nur die Jüdische Gemeinde, deren Einrichtungen saniert werden müssen, sondern auch andere Akteure wie etwa Chabad Lubawitsch in der Errichtung eines kulturellen Gemeindezentrums, sind in Kommunikation auch mit Kahal Adass Jisroel, fördern aber eben auch das Centrum Judaicum, das so etwas ist wie das kulturelle Gedächtnis des jüdischen Lebens in Berlin.

Wer sind aus Ihrer Sicht die Hauptakteure?
Es gibt ja nicht die eine homogene jüdische Kultur in Berlin, kein benennbares, lokalisierbares Zentrum. Zum Glück! Wir haben eine ganz lebendige Entwicklung der jüdischen Community in Berlin – nicht nur über die in den 80er‐Jahren existierenden jüdischen Gemeinden, sondern auch in den frühen 90er‐Jahren durch die zugewanderten Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und in jüngerer Zeit durch Juden aus allen möglichen Teilen der Welt, besonders aus Israel. Überall in der Stadt findet jüdische Kultur statt, wenn man genau hinschaut – von Jazz bis Theater, Performance und Bildende Kunst. Wir haben auch die durch zivilgesellschaftliches Engagement jüdischer und nichtjüdischer Akteure entwickelte Wiederentdeckung jüdischer Kultur auf neue Art und Weise – wie etwa mit dem Louis Lewandowski Festival.

Umfasst Kulturförderung auch die Unterstützung einer jüdischen Sekundarschule?
Das Land Berlin unterstützt private Schulträger per se nicht mit Investitionsmitteln. Wir sehen aber schon die Verantwortung von Berlin, die jüdische Gemeinde bei der Schaffung von Bildungseinrichtungen zu unterstützen. Das liegt zwar nicht in meiner Ressortzuständigkeit. Aber darum kümmere ich mich auch und suche zusammen mit der Schulsenatorin eine Lösung.

Der Wunsch nach einer jüdischen Sekundarschule resultiert auch aus den Erfahrungen mit Antisemitismus an öffentlichen Schulen.
Was das Thema Antisemitismus angeht, habe ich eine ganz klare Position, die ich auch nicht verstecke. Das wird auch künftig so sein. Ich nehme allerdings mit großer Sorge zur Kenntnis, dass wir seit einigen Jahren deutlich aggressivere öffentliche Erscheinungsformen von Antisemitismus erleben. Das fordert von uns Demokraten, von der Zivilgesellschaft allgemein, ein deutlicheres Gegenhalten.

Antisemitismus zeigt sich immer häufiger in Form von Israelhass. Zuletzt wurde beim Pop‐Kultur‐Festival deutlich, wie aggressiv etwa die BDS‐Bewegung agiert. Wie wollen Sie künftig mit BDS‐Kampagnen umgehen?
Ich habe keine Ahnung, was da noch auf uns zukommt. Ich kann nur sagen, was wir seinerzeit getan haben: sehr klar und deutlich von Anfang an Position bezogen. Das Music Board als eine landeseigene Gesellschaft wird diese Form von Erpressung nicht hinnehmen. Es bleibt ja nicht beim Boykottaufruf, sondern es gibt darüber hinaus eine rege Tätigkeit, Künstler, die zur Beteiligung eingeladen sind, von der Teilnahme abzuhalten.

Wie kann man auf Künstler, die sich zu BDS bekennen, einwirken?

Zu Aktivitäten eines BDS‐Netzwerks beziehen wir öffentlich ganz klar Position. Wir müssen deutlich machen, dass wir nicht bereit sind, in öffentlichen Räumen oder finanziert durch öffentliche Mittel Aktionsraum zu schaffen, in dem antisemitische Mobilisierung stattfindet. Ansonsten gilt: Künstlern kann ich schwerlich in den Kopf gucken. Was die Leute denken, ist schwer zu sagen, ich will umgekehrt nicht mit demselben Instrumentenkasten durch die Welt rennen wie der BDS. Insofern bleibt immer der Punkt: Leute dürfen eine Sicht haben, auch eine, die von meiner abweicht. Wenn diese Sicht jedoch antisemitischen Denkmustern den Boden bereitet, dann muss man dem widersprechen und sich damit auseinandersetzen. Was wir nicht können und auch nicht machen werden, ist ein allgemeiner Gesinnungscheck, bevor Künstler in Berliner Einrichtungen auftreten. Das wäre im Übrigen auch nicht im Sinne demokratischer Kulturpolitik.

Was sagen Sie öffentlichen Bühnen, die bekannte BDS‐Künstler einladen?
Ich erwarte, dass sie nicht für antisemitische Propaganda benutzt werden. Wenn das passiert, bleibt es nicht ohne Konsequenzen. Antisemitismus muss man widersprechen. Widersprechen allein reicht jedoch nicht. Ich muss mich auch mit den ideengeschichtlichen Wurzeln auseinandersetzen, die quer durch alle Milieus – leider auch in linken – verankert sind.

Was heißt das für Sie?

Ich habe recht schnell festgestellt – und das ist ein Auseinandersetzungsprozess, den jeder für sich selbst durchlaufen muss –, dass man es sich mit einer relativ schlichten Gegenüberstellung von Gut und Böse nicht nur erheblich zu leicht macht, sondern dann in der Tat auch antisemitischem Denken den Boden bereitet. Denn Israel ist nicht irgendein Staat im Nahen Osten, sondern es hat einen historischen Grund, dass es Israel gibt. Und die Ursachen des Nahostkonfliktes sind wahrlich komplexer.

Was hat bei Ihnen dazu geführt, dass Sie sich intensiver damit befasst haben?
Diese schlichte Sicht und die Realität sind miteinander in Konflikt geraten. Das hatte mit familiären Erfahrungen zu tun – mein Opa hat in Neustadt‐Glewe die Geschichte eines KZ‐Außenlagers aufgearbeitet. Darüber bin ich in unmittelbaren persönlichen Kontakt gekommen zu Menschen in Israel, die mir Israel aus ihrer Perspektive näherbrachten. Das alles führte dazu, dass ich häufiger in die Region gefahren bin, mir vor Ort ein Bild gemacht habe. Das hat diesen Prozess sicher mitbefördert: einerseits aus purem Interesse, andererseits, weil ich glaube, dass wir in Deutschland vor dem Hintergrund der historischen Verantwortung gerade auch heute eine besondere Verantwortung haben: Man muss wissen, wie man sich äußert und wo man widersprechen muss.

Auch BDS bedient sich einfacher Schwarz‐Weiß‐Schemata. Ist das wieder im Aufwind?
Ich denke, es gibt in sehr vielen Köpfen eine Klarheit darüber, dass die Probleme der Welt selten schwarz‐weiß zu sehen sind. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen, die sich durch die Schnelligkeit gesellschaftlicher Transformationsprozesse überfordert oder vielleicht auch in ihrer Identität angekratzt fühlen, schneller zu leichten, zum Teil auch abenteuerlichen Erklärungsmustern greifen.

Wie steuern Sie kulturpolitisch dagegen?
Es reicht nicht mehr, sich permanent symbolisch zu distanzieren, sondern es braucht vor allem entsprechende – ganz konkrete und praktische – Formate der politischen Bildung, eine Erinnerungskultur, die sich nicht im Ritualhaften erschöpft, moderne Formen des Lernens in den Museen und Gedenkstätten, eine andere Form der Schulbildung, die gesellschaftliche Vielfalt insgesamt zum Thema macht. Die Herausforderungen sind weitaus umgreifender.

Mit dem Berliner Kultursenator sprach Katharina Schmidt‐Hirschfelder.

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