Porträt der Woche

»Eine kleine, neue Welt«

Anton Tsirin ist Jugendreferent, Schauspieler und plant einen Kibbuz in Brandenburg

von Christine Schmitt  23.10.2022 11:28 Uhr

»Ich wollte immer überall sein«: Anton Tsirin (28) ist Schauspieler und Jugendreferent in Essen. Foto: Gustav Glas

Anton Tsirin ist Jugendreferent, Schauspieler und plant einen Kibbuz in Brandenburg

von Christine Schmitt  23.10.2022 11:28 Uhr

Die drei glücklichsten Momente in meinem Leben waren bisher, die Schule nach dem Abi­tur zu verlassen, die Hochzeit mit meiner Frau und die Geburt unseres mittlerweile knapp vier Monate alten Sohnes. Nun hoffe ich auf ein weiteres tolles Erlebnis, nämlich die Zusage für eine Immobilie, in der Freunde und ich einen »echten« Kibbuz gründen wollen.

Dabei denken wir an ein Entwicklungszentrum für sozial engagierte Menschen und Institutionen, die in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Kunst und Kultur tätig sind, um gemeinsam vor Ort gesellschaftsrelevante Projekte und Initiativen auf die Beine zu stellen. Wir möchten einen Ort der Begegnung schaffen, an dem ethische, humane Werte gepflegt werden, frei von Vorurteilen und Diskriminierung und aktiv für Demokratie und Menschenrechte. Kurz gefasst: Wir gründen eine kleine neue Welt.

grundstück Die Idee hatten wir schon lange im Kopf, und eines Tages schaute ich mir im Netz Immobilienangebote an, die infrage kommen könnten. Dabei stieß ich auf das 20 Hektar große Grundstück, das etwa 40 Kilometer von Berlin entfernt liegt. Es handelt sich dabei um ein ehemaliges Seniorenzentrum des Deutschen Roten Kreuzes, das seit 2005 verwaist ist.

Die 20 leer stehenden Häuser müssten wir natürlich umbauen, und dann könnten dort bis zu 800 Menschen wohnen und miteinander arbeiten. Als wir vor Ort waren, sind wir fast drei Stunden über das Gelände gegangen, denn es ist riesig. Was soll ich sagen? Ich war begeistert. Für uns wurde es zum Lebensprojekt. Wir haben sofort ein Team von Spezialisten gegründet.

Aktuell werden wir von unterschiedlichen Mäzenen, Investoren und Sponsoren unterstützt und streben eine enge Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen und dem Staat an. In den kommenden Tagen rechnen wir mit einer Antwort, ob wir das Grundstück erwerben dürfen.

angebote Eigentlich könnte ich jeden Tag glücklich aufwachen, denn ich habe meine kleine Familie, meine Ursprungsfamilie, viele Freunde und zwei Jobs. Zum einen bin ich Jugendreferent beim Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe, und dann stehe ich auch als Schauspieler auf der Bühne. Derzeit habe ich viele Angebote und komme den Anfragen kaum noch nach.

Aber der Krieg belastet mich so sehr, dass ich eher nachdenklich und melancholisch und zutiefst besorgt bin. Denn ich komme aus diesem Land, das den Krieg führt. Doch das Land, wo ich die besten Jahre meiner Kindheit verbracht habe, gibt es nicht mehr.

Morgens um sieben klingelt der Wecker – oder mein Sohn meldet sich.

Groß geworden bin ich in Moskau. Mit meiner Oma und meiner Tante lebten meine Mutter, mein Stiefvater, meine Schwestern und ich in einem Haus auf unterschiedlichen Stockwerken. Als Putin an die Macht kam, stand für meinen Stiefvater fest, dass wir das Land verlassen müssen. Als ich zehn Jahre alt war, sagten mir meine Eltern, dass wir eine Reise unternehmen werden, um uns andere Länder anzuschauen. Deshalb war es für mich keine Ausreise.

judo Ich war damals sportlich sehr engagiert, trainierte im Judo-Verein und holte sogar den Meistertitel in Moskau. Meine Eltern wollten mir nicht vermitteln, dass etwas Schwieriges auf mich zukommt. Zumal ich ein Muttersöhnchen war – na ja, dann kamen wir in ein Flüchtlingsheim in Unna, was für meine Eltern eine Katastrophe war. Hier mussten sie sich plötzlich die Küche mit anderen teilen. Für mich hingegen war es cool, da viele Kinder dort lebten und wir Fußball spielten und Inlineskates liefen.

Nach einem weiteren Flüchtlingsheim, bekamen wir eine eigene Wohnung, und ich musste zur Schule. Meine fehlenden Deutschkenntnisse waren kein Hindernis, abgesehen davon, dass ich im Unterricht geschlafen habe. Allerdings war es anstrengend, die Sprache rasch zu lernen. In der sechsten Klasse wechselte ich auf ein Aufbaugymnasium, das viele Schüler mit Migrationshintergrund besuchten.

Ich war der einzige Jude und wurde gemobbt. Aber mit der Zeit änderte sich das, und wir wurden eine Gemeinschaft. Als wir in eine andere Wohngegend zogen, musste ich das Gymnasium wechseln, und ich werde nie vergessen, wie ich in einer Jogginghose reinspazierte und alle dachten, dass ich ein Assi sei. Zu meinen Klassenkameraden konnte ich keinen Draht aufbauen.

machane Mit 16 Jahren fuhr ich mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) zum ersten Mal auf Machane. Seitdem bin ich mit der jüdischen Welt eng vernetzt. Ferner arbeitete und gründete ich mehrere Jugendzentren, war Guide im Jüdischen Museum in Essen und Präsident bei der Makkabi Deutschland Jugend. Makkabi ist für mich eine Familie. Dennoch hatte ich keine Ahnung, was ich beruflich machen sollte. Ich wollte immer überall sein.

In der Zeit, in der meine Freunde studierten, habe ich mehrere Projekte auf einmal geleitet, Initiativen organisiert, und parallel war ich fest in der Jugendarbeit angestellt.

In der Zeit, in der meine Freunde studierten, habe ich mehrere Projekte auf einmal geleitet, Initiativen organisiert, und parallel war ich fest in der Jugendarbeit angestellt. Dadurch habe ich mein Studium vernachlässigt. Angebote von der ZWST nahm ich sofort freudig an. Letztendlich stand ich ohne nichts da, und mir fiel auf, dass alle anderen mittlerweile einen Abschluss oder eine Ausbildung in der Tasche hatten – während ich noch immer nicht entscheiden konnte, was ich im Leben machen mochte. Ich hatte lediglich mehrere Studiengänge ausprobiert.

Ausbildung Schlussendlich bewarb ich mich an einer Schauspielschule in Köln – und wurde angenommen. Bei der Ausbildung lernt man viel über sich selbst. Da ich schon damals viele Anfragen bekam, stand ich auch während der Ausbildung auf der Bühne oder vor der Kamera, obwohl das nicht erwünscht war. Am Ende teilte mir die Schulleiterin mit, dass ich als Einziger im Kurs nicht bestanden hätte, weil ich so oft gefehlt hatte.

Da rief ich meine Mutter an und sagte ihr, dass ich auch ohne diesen Abschluss Arbeit finden würde. Doch sie überredete mich, dort noch einmal als Bittsteller anzuklopfen und um eine zweite Chance zu betteln. Was dann auch aufging, sodass ich meinen Abschluss machen konnte. Während meiner Zeit an der Schauspielschule initiierte ich das »Kino ohne Popcorn«. Nachdem das Publikum sich den jeweiligen Streifen angeschaut hatte, diskutierten wir über die Schauspieler, das Drehbuch und die Regie.

Danach ging ich mit dem Masa-Programm nach Tel Aviv und lernte endlich Hebräisch. Masa Israel Journey ist eine israelische Organisation, die weltweit Studienprogramme für jüdische junge Erwachsene anbietet. Und das wurde die beste Zeit meines Lebens. Ich lebte mit 40 anderen in einem Haus, und wir hatten ein geselliges Dasein. Schließlich habe ich dort meine Frau bei einem Schabbat kennengelernt, die mit einem anderen Programm in Israel war. Da sie Theaterregisseurin ist, hatten wir auch auf dieser Ebene gleich eine Verbindung. Heute stehen wir mit den Theaterstücken So nah, so fern und Displacement im Kulturprogramm des Zentralrats.

Was mich auch stolz macht: Während der Corona-Zeit haben meine Schwester, mein Schwager und ich den Verein »Kibbuz e.V. – Zentrum für Kunst, Kultur und Bildung« ins Leben gerufen. Unser Motto ist »Ein Zuhause für dein Projekt« – ein Inkubator für soziale Projekte in den Bereichen Bildung, Kunst und Kultur. In knapp zwei Jahren haben wir bereits 15 Projekte umsetzen können, einen Preis für Demokratie und Toleranz gewonnen und wurden sogar in diesem Jahr von der Bundeszentrale für politische Bildung zum Engagementpreis 2022 nominiert.

Hochzeit Meine Frau und ich haben auf Zypern geheiratet. Aufgrund des Krieges konnte ihre Familie nicht dabei sein. Deshalb haben wir daraus eine wunderschöne Zoom-Hochzeit gemacht, bei der über 80 »Gäste« anwesend waren. Ähnlich war es auch bei der Beschneidung unseres Sohnes. Heute leben wir glücklich zu dritt in unserer Wohnung in Essen.

Mittlerweile sind noch mehr engagierte Menschen mit mir im Team, und ich bin stolz darauf, was wir schon geschafft haben.

Morgens um sieben klingelt der Wecker – oder mein Sohn meldet sich. In meinem Büro beim Landesverband Westfalen-Lippe, das sich in Dortmund befindet, arbeite ich mehrmals in der Woche meistens bis 15 Uhr. Dort entwickle ich neue Projekte und versuche, die Jugendarbeit in zehn jüdischen Gemeinden nachhaltig zu verbessern. Mittlerweile sind noch mehr engagierte Menschen mit mir im Team, und ich bin stolz darauf, was wir schon geschafft haben.

alltagsgeschäfte Wieder zu Hause, erledige ich die Alltagsgeschäfte, verbringe Zeit mit meiner Familie, wir gehen zu dritt spazieren und essen gemeinsam. Im August 2021 habe ich ein Studium der Angewandten Psychologie angefangen. Neuerdings agiere ich hobbymäßig als DJ unter dem Namen Daddy Antonio.

In den nächsten Jahren möchte ich mein Studium beenden, im Bereich Projektmanagement berufstätig sein, eine jüdische Hochzeit mit meiner Frau feiern, bei der auch ihre Familie dabei sein kann, ein weiteres Kind bekommen, den »Kibbuz« bei Berlin aufbauen, von Zeit zu Zeit als Schauspieler auf der Bühne und vor der Kamera stehen und bestenfalls als Daddy Antonio Musik auflegen. Wenn das alles klappt, wäre es ein Glück.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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