Jubiläum

Eine Institution

Yfaat Weiss, Professorin an der Hebräischen Universität Jerusalem, bei ihrem Gastvortrag Foto: Noam Zadoff

Im Sommer beging die Abteilung für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität ihr 15-jähriges Bestehen. Viel Zeit zum Feiern nimmt sich Lehrstuhlinhaber Michael Brenner indes nicht, er steckt mitten in den Vorbereitungen für die erste Tagung der European Association of Israel Studies in München, die vom 10. bis 12. September stattfindet und an der mehr als 100 Wissenschaftler teilnehmen werden.

Die Entscheidung, den damals 33-jährigen Historiker Brenner für den Aufbau des neuen Lehrstuhls der neueren jüdischen Geschichte nach München zu holen, erwies sich schnell als Glücksfall. Er brachte namhafte Forscher aus aller Welt in die Stadt; den ersten Gastvortrag hielt 1997 sein Doktorvater Yosef Hayim Yerushalmi. Die Übersicht über Konferenzen, Vorträge und Publikationen, aber auch über Magister- und Doktorarbeiten, füllt 135 Seiten einer bebilderten Dokumentation. Seit 2000 unterstützt der »Freundeskreis des Lehrstuhls« viele der Aktivitäten, so auch die Allianz-Gastprofessur, die 2013 der Historiker Saul Friedländer innehaben wird.

Verhältnis Wie viel Grundsätzliches sich in der Geschichtsforschung ändern musste, dass solch eine Erfolgsgeschichte wie die des Lehrstuhls und seiner Entwicklung möglich ist, machte Dieter Langewiesche aus Tübingen mit seinem Blick zurück ins 19. und frühe 20. Jahrhundert deutlich. Ein Verhältnis von allgemeiner zu jüdischer Geschichte konnte es kaum geben, solange bloß nationalgeschichtliche Betrachtungen existierten, sagte er. Hätten diese doch stets ein Problem mit Minderheiten gehabt.

Dann hatten gleich zwei Frauen nacheinander das Wort. Zunächst Eva Haverkamp, seit 2009 Professorin für Mittelalterliche Jüdische Geschichte in München. Ihre Themenliste verdeutlichte, dass keine Epoche zu weit zurückliegt, um zeitgemäße Antworten auf der Suche nach dem jüdischen Beitrag zum Wirtschaftsleben im Mittelalter oder dem Leben jüdischer Frauen zu finden.

Spuren Mirjam Zadoff, seit 2006 Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl, zog in ihrem Vortrag Bilanz über die Aktivitäten ihrer Arbeitsstätte. In 15 Jahren kamen weit über 600 Gastdozenten: »Und mit den historischen ›Helden‹ und ›Heldinnen‹ ihrer Forschung brachten diese Vortragende in ihrem Gepäck eine ungleich viel größere Gemeinde von Denkern, Dichtern, Politikern, Wissenschaftlern und anderen mit sich – Frauen und Männer, Jüdinnen und Juden, die ihre Spuren in Deutschland und Europa hinterlassen haben, in den USA und Israel, in Marokko, Nigeria, dem Kaukasus, in China und anderswo.«

Der legendäre Religionswissenschaftler Gershom Scholem gab 1981 in Ostberlin der Schriftstellerin Barbara Honigmann den Rat: »Wandere aus in ein Land der Torakenntnis!« Für München würde diese Empfehlung in heutiger Zeit nicht mehr gelten, längst gebe es »Tora« in München, so Zadoff.

Wenn man das großzügig auslegt, gehört nicht nur die größte hebräische und darunter an Kabbalistischem reichste Handschriftensammlung Deutschlands dazu, wie sie schon Scholem während seiner Studienzeit vorfand, sondern auch die Sammlung in der historischen Bibliothek. In den vergangenen 15 Jahren kamen über 9.000 Monografien und 57 wissenschaftliche Periodika zu jüdischer Geschichte, Religion und Kultur zusammen.

kontrovers Bevor es zum entspannten Gedankenaustausch im Garten des Historischen Kollegs kam, mit Gästen wie dem Soziologen-Ehepaar Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, Jürgen Habermas, Jens Malte Fischer und Ernst-Peter Wieckenberg, hielt Yfaat Weiss, Professorin an der Hebräischen Universität Jerusalem, noch einen Vortrag über einen ebenso interessanten wie kontroversen Sachverhalt.

Von 1997 bis 1999 hatte Weiss als Wissenschaftliche Assistentin am Aufbau des Lehrstuhls mitgearbeitet. Im Dezember wird ihr in Bremen der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken verliehen, unter anderem für ihre vorurteilslose Betrachtung israelischer Geschichte. Ihre Arbeit Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung ist der jüngste Beweis dafür. Die Historikerin ist der Ansicht, dass Haifa erst 1948 eine gänzlich hebräische Stadt wurde. Die Studie ist 2007 bereits in Israel erschienen, in Kürze wird sie auch in Deutschland im Verlag Hamburger Edition veröffentlicht.

Im Mikrokosmos eines Stadtbezirks spiegelten sich alle Konflikte wider, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit hätten nahe beieinander gelegen. Wadi Salib beschreibt ein Ruinenareal mitten in Haifa, das bis 1948 ein intaktes arabisches Viertel gewesen sei. In der israelischen Erinnerung sei es eigentlich nur präsent wegen der Proteste jüdisch-marokkanischer Bewohner 1959, die ihre elenden Lebensbedingungen nicht mehr länger hinnehmen wollten.

Ergebnis war eine zweite Räumung, nun der europäischen und marokkanischen Juden, allesamt Flüchtlinge, die man in den verlassenen Wohnungen inmitten des zurückgelassenen Mobiliars einquartiert hatte. Yfaat Weiss untersuchte akribisch, wie im Zuge der Kämpfe 1948 die arabischen Einwohner die Stadt mehr oder weniger überstürzt verließen – und was in dem Areal zwischen Ostbahnhof und Technion unterhalb des Hadar HaCarmel im folgenden Jahrzehnt geschah.

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