Interview

»Eine Art Identitätskrise«

Herr Kiesel, die alteingesessenen Gemeindemitglieder fühlen sich angesichts der Integration der Zuwanderer häufig zurückgesetzt. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Ja, Reaktionsmuster der Alteingesessenen sind zu erkennen. Für sie bedeutet die Fülle an Angeboten für die Zuwanderer einen dramatischen Umbruch in ihrem bisherigen Konzept von jüdischem Leben in Deutschland. Vor allem den Älteren kommen Gewohnheit und Selbstverständnis abhanden. Sie suchen deshalb Vertrautes und Personen, mit denen sie sich auf das zurückbesinnen können, was sie vor 1989 kannten.

Lässt sich diese Rückzugsbewegung aufbrechen, indem man die Alteingesessenen aktiv am Integrationsprozess beteiligt?
Auf jeden Fall. Wenn die Integration nicht als Schicksalsschlag empfunden wird, den man ohnmächtig hinnehmen muss, sondern man den Alteingesessenen die Chance gibt, diesen Prozess selbst zu gestalten und zu begleiten, Teil der Veränderung zu sein, dürften diese resignativen Momente abnehmen.

Ist die Religion ein besonderes Bindeglied?
Es gibt mehrere Bindeglieder. Zunächst müssen die Alteingesessenen lernen zu akzeptieren, dass eine jüdische Gemeinschaft kein homogener Block ist. Auch vor 1989 war sie das nicht. Auch davor gab es Spannungen, unterschiedliche ethnische Gruppen, kultureller und nationaler Herkunft. Die Verwerfungen heute sind größer, weil wir ein Sprachproblem haben, andere Sozialisationserfahrungen und die religiösen Komponenten die Gruppen unterschiedlich geprägt haben.

Wie kann man sie zusammenbringen?
Wir müssen erkennen, dass wir »ein bunter Haufen« sind, aber drei Dinge halten uns zusammen. Zum Einen – woher wir auch kommen – haben wir als Juden ähnliche Erfahrungen der Diskriminierung, der Ausgrenzung und des Überlebens gemacht. Zum Zweiten haben wir einen gemeinsamen religiösen Hintergrund – auch wenn er bei Zuwanderern möglicherweise verschüttet ist. Drittens haben wir gemeinsam die Möglichkeit, zu definieren, was heute jüdisches Leben in Deutschland in dieser Vielfalt bedeutet. Pluralität heißt auch immer Auseinandersetzung. Dieses Integrationserlebnis ist für die Alteingesessenen eine Form von Identitätskrise, die aus Frustration manchmal mit Rückzug beantwortet wird. Doch der jüdische soziale Kontext lässt sich nicht einfach abschütteln. Wir müssen also Orte der sozialen Vergewisserung schaffen.

Es ist also noch nicht zu spät?
Es ist nicht zu spät, sondern eine Chance des Versuchens und Erprobens einer Option, die wir vorher nicht hatten. Die jüdische Gemeinschaft vollzieht einen gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozess nach und muss diesen genauso erlernen. Ich halte sehr viel davon, diese Prozesse als Krisensituation zu erkennen und zu folgern, dass ihre Akteure und Protagonisten dafür professionelle Unterstützung brauchen.

Und wie soll diese aussehen?
Wir brauchen psycho- und kultursensible, sozialpädagogische »Integrationsnavigatoren«, die in der Lage sind, diese verschiedenen Gruppen zusammenzuführen. Es müssen neue Optionen entwickelt und Kränkungen angesprochen werden. Dabei sind die beiden großen jüdischen Institutionen Zentralrat und Zentralwohlfahrtsstelle gefordert. Wenn wir hier ansetzen, haben wir die Chance, das Auseinanderdriften zu verhindern.

Mit dem Sozialwissenschaftler an der Fachhochschule Erfurt sprach Heide Sobotka.

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