Jahrestag

»Ein wichtiger Lernort«

Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender beim Rundgang durch die neue Dauerausstellung mit Vize-Direktor Matthias Haß Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Der Gästebucheintrag bringt es bereits auf den Punkt. »Es darf nicht vergessen werden, was hier vor 80 Jahren geschah, als ein Staatsapparat, deutsche Verwaltungsbeamte, den Völkermord an den Jüdinnen und Juden Europas planten«, schreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich seines Besuches in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz am Dienstagmorgen, den er gemeinsam mit seiner Frau Elke Büdenbender unternahm. »Der historische Ort ist ein wichtiger Lern- und Ausstellungsort, nicht zuletzt für die Angehörigen des öffentlichen Dienstes heute.«

Denn am 20. Januar 1942 hatten sich 15 hochrangige Vertreter verschiedener Reichsministerien sowie der SS und der NSDAP, darunter Reinhard Heydrich und Adolf Eichmann, zu einem »Arbeitsgespräch mit anschließendem Frühstück« in den Räumlichkeiten eingefunden, was als Wannsee-Konferenz in die Geschichte eingegangen ist. Einziger Tagungspunkt dieser rund 90 Minuten andauernden Zusammenkunft sollten organisatorische Fragen rund um die sogenannte »Endlösung« der Judenfrage sein – ein Euphemismus für den Massenmord, der zu diesem Zeitpunkt bereits voll im Gange war.

BEGRIFFLICHKEITEN Um Begrifflichkeiten, die im Protokoll der Wannsee-Konferenz zu finden waren, ging es ebenfalls in der Gesprächsrunde mit jungen Beamtinnen und Beamten des Auswärtigen Amtes sowie des Innen- und Justizministeriums, die sich in einem Seminar für Angehörige des öffentlichen Dienstes mit der Geschichte der Wannsee-Konferenz sowie der nationalsozialistischen Judenverfolgung intensiv auseinandergesetzt hatten. Denn obwohl sich in dem Dokument alles um den millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden dreht, ist darin allenfalls von »Evakuierungen« oder »Säubern« die Rede.

Der Bundespräsident sprach mit jungen Beamtinnen und Beamten.

Dabei wussten die Organisatoren der Vernichtung sehr genau, warum man sich getroffen hatte, vermieden aber explizite Begriffe oder Hinweise. »Nicht ohne Grund war die Sprache so kühl«, erklärt sich Steinmeier die Diktion des Protokolls. »Auf diese Weise ließen sich mögliche Widerstände verringern.«

Zudem diente die verharmlosende und bewusst bürokratische Wortwahl in gewisser Weise dem Selbstschutz. »Man konnte mit dem Eindruck aus der Besprechung weggehen, von den Tötungsmaßnahmen nichts gewusst zu haben.« Wer wollte, mochte in der Wannsee-Konferenz eine Zusammenkunft sehen, in der es nur um die Abstimmung der Kompetenzen einzelner Ressorts oder verwaltungstechnischer Abläufe ging.

»Auch mich verstört deshalb die Sprache«, betont Elke Büdenbender. »Aber ebenfalls die Tatsache, dass so viele mitgemacht hatten.« Damit brachte sie einen weiteren Aspekt in die Diskussion ein, und zwar das Sprechen – oder vielmehr das Schweigen – zwischen den einzelnen Generationen über das Geschehene und diejenigen, die daran aktiv beteiligt waren.

VERWALTUNG Warum die jungen Beamtinnen und Beamten sich gemeinsam mit dem Bundespräsidenten über Fragen der historischen und individuellen Verantwortung austauschten, hat also einen ganz konkreten Grund: Vorgängerinstitutionen der heutigen Bundesministerien waren bei der Wannsee-Konferenz vertreten, beispielsweise das Reichsjustizministerium durch Roland Freisler, den späteren Präsidenten des berüchtigten Volksgerichtshofs, oder das Auswärtige Amt durch Unterstaatssekretär Martin Luther.

Deshalb wollte Steinmeier auch wissen, wie die Verwaltungssprache der Dokumente auf heutige Angehörige der Ministerien wirkt und welche Motive sie hatten, sich der Aufarbeitung der Geschichte auch ihrer Häuser zu stellen.

Auch die Art und Weise, wie das Wissen um das am idyllischen Wannsee verhandelte Mordprogramm der Superlative vermittelt werden kann, stand im Interesse des Bundespräsidenten. Und so erfolgte vor der Gesprächsrunde zuerst der Rundgang durch die im Jahr 2019 von Grund auf neugestaltete Dauerausstellung mit dem unspektakulär klingenden Titel Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden.

AUSSTELLUNG Begleitet wurden sie dabei von Matthias Haß, dem stellvertretenden Direktor der Gedenk- und Bildungsstätte. »Wir wollen alle erreichen«, skizziert er die Idee dahinter. Damit meint der Politikwissenschaftler nicht nur den barrierefreien Zugang zu den Inhalten, sondern ebenfalls das besonders auf seine Allgemeinverständlichkeit ausgerichtete Konzept.

»Das Protokoll der Besprechung in der Villa am Wannsee belegt zum einen, wie präzedenzlos das Verbrechen von seinen Dimensionen her war«, sagt Deborah Hartmann. »Zum anderen zeigt es, dass der komplette deutsche Verwaltungsapparat an der Judenvernichtung beteiligt war.« Genau daher ist und bleibt es für die Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte ein Dokument von ganz zentraler Bedeutung, um das Wissen über die Schoa weiterzugeben. »Zugleich erzählt dieser Ort, wie antisemitische Vorstellungen in die Tat umgesetzt werden konnten, also zum Massenmord wurden.«

Ohne die Beteiligung der Gesellschaft wären die Verbrechen nicht möglich gewesen.

Dabei dürfe man aber didaktisch nicht den Fehler begehen und den Eindruck vermitteln, dass es nur diese 15 Männer waren, die darüber das Sagen hatten und somit letztendlich die Verantwortung tragen würden. »Ohne eine Beteiligung der gesamten Gesellschaft wären die Verbrechen nicht möglich gewesen, weshalb ebenfalls die Frage nach dem Handeln und den Entscheidungen des Einzelnen verstärkt in den Mittelpunkt rücken.« Mit einer rein historisierenden Perspektive würde das alles nur schwer funktionieren.

auseinandersetzung Deswegen geht es Hartmann ebenfalls darum, sich auf einer anderen Ebene mit dem Thema auseinanderzusetzen, beispielsweise zu zeigen, dass Entscheidungen im Kleinen große Folgen haben können.

»In unserer Ausstellung zeigen wir beispielsweise ein Denunziationsschreiben«, so die österreichisch-israelische Politikwissenschaftlerin. »Eine Person verrät ihre Nachbarn, weil sie Juden versteckt haben, an die Behörden.« Daraufhin setzt der deutsche Staatsapparat, von dem auch Steinmeier sprach, sich in Bewegung, verhaftet die Juden und ein ganzes Netzwerk an Helfern. »Ein kleines Stück Papier kann also bereits verheerende Auswirkungen haben.«

Berlin

Erste Schule wird nach Margot Friedländer benannt

Ein Gymnasium in Berlin-Spandau wird künftig den Namen der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer tragen

 12.01.2026

Soziale Medien

Zeit zum Ausloggen

Australien hat es vorgemacht und ein Gesetz verabschiedet, wonach Jugendliche unter 16 Jahren kein eigenes Konto mehr auf Plattformen wie Instagram oder TikTok haben dürfen. Wir haben uns bei jüdischen Teenagern und Eltern umgehört, wie sie darüber denken

von Katrin Richter, Christine Schmitt  11.01.2026

Initiative

Gedenken im Alltäglichen

Im vergangenen Jahr wurden Erinnerungszeichen für rund 50 von den Nazis ermordete Münchnerinnen und Münchner der Öffentlichkeit übergeben

von Esther Martel  11.01.2026

Porträt der Woche

Frau mit kreativem Gen

Nelli Davydenko ist Pädagogin und tanzt gern zu eigenen Choreografien

von Chris Meyer  11.01.2026

Brandenburg

Potsdam soll jüdische Kita bekommen

Zum jüdischen Leben gehören auch jüdische Schulen und Kitas. Eine Kindertagesstätte wird derzeit in Potsdam geplant

 09.01.2026

Leipzig

Kinder greifen koscheres Café an

Sie bewarfen offenbar Mitarbeiter mit Plastikflaschen, beschimpften sie und versuchten, in den Schankraum einzudringen: Die Polizei ermittelt gegen mehrere Kinder und Jugendliche in Leipzig

 08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Schulen legen Namen von Antisemiten und Eugenikerinnen ab

Hedwig Dohm oder Dag Hammarskjöld sind Namen, die Schulen heute gerne tragen. Andere Schulen sind nach Menschen benannt, deren Wirken heute kritischer gesehen wird als in der Vergangenheit

von Pat Christ  08.01.2026

Gegenwart

Jetzt erst recht!

Das Festjahr für jüdisches Leben in Deutschland war ein großer Erfolg. Es wird Zeit, dass nun auch auf europäischer Ebene das reiche jüdische Erbe gewürdigt wird

von Andrei Kovacs, Abraham Lehrer  08.01.2026