Identität

Ein steter ungebetener Gast

Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Foto: Flash 90

Ich fühle mich oft zwischen zwei Extremen gefangen. Dem Wunsch vieler, den Nationalsozialismus für immer gedanklich ruhen zu lassen, und deren Fragen: »Warum könnt ihr das Ganze nicht endlich vergessen?« Und denen, die in das genaue Gegenteil verfallen und eine »Never forget«-Kultur pflegen. Eine Kultur, die Pilgerfahrten zu Konzentrationslagern veranstaltet mit der ständigen Sorge, die Gräuel könnten in Vergessenheit geraten.

Ich war etwa sechs Jahre alt, als meine Eltern mir, nachdem ich sie wochenlang genervt hatte, widerwillig erklärten, was der »Holocaust« ist. Für mich war es bis dahin ein gesichtsloses, abstraktes Erwachsenenwort, das ich irgendwann einmal aufgeschnappt hatte. Meine Eltern fütterten es mit Fakten, ich las eifrig Bücher und sah Filme. Meine Großeltern gaben dem Wort mit ihren eigenen Erlebnissen ein Gesicht.

Panik Und irgendwann wuchs dieses Wort zu einem kleinen Gespenst heran, das mich bis heute jeden Tag begleitet. Es lacht laut, wenn es mir bei grölenden Biertischrunden kalt den Rücken herunterläuft. Es lacht gehässig, wenn ich beinahe eine Panikattacke erleide, weil mein Zug irgendwo im Nirgendwo stehen bleibt und ich festsitze. Es lacht über mich, weil es mich, mehr als 70 Jahre später, erreicht hat. Es hat viele Gesichter, ist mal groß und bedrohlich, mal klein und kaum vorhanden, begleitet mich wie ein ungebetener Gast.

Und sollte ich es einmal länger nicht gesehen haben und meinen Großeltern gar erzählen, mir gehe es so gut, dass es mir fast Angst macht, nicken beide (seit 30 Jahren geschieden) auf die gleiche Art vehement und sagen: »Es ist gut, wenn man Angst hat.« Und schon sitzt das Gespenst wieder neben mir und atmet so laut, dass ich es nicht ignorieren kann.

GEbote Denn ich gehöre nun einmal einer Religion an und stamme aus einer Familie mit vielen solcher Gespenster. Ich bin Teil einer Gemeinschaft, die nicht vergisst und gleichzeitig das Vergessen hasst. Meine Familie ist säkular, trotzdem feiern wir jedes Jahr an Pessach den Auszug aus Ägypten, wir erfüllen alle Mizwot des Abends und erinnern uns an ein Ereignis, das vor mehreren Tausend Jahren passiert sein soll. Wir denken daran, wie »wir« die Gebote erhielten. Gebote, die wir kaum und nur selten befolgen. Wir halten an manchen Traditionen fest und sind glücklich und stolz, weil die Gespenster kleiner geworden sind, unkenntlich werden und auf diese Weise weniger bedrohlich wirken.

Und so ist für mich eigentlich fast jeder Tag Holocaust-Gedenktag. Wenn meine Oma mich anruft und mir wieder todtraurig erzählt, wie sie bei der Deportation ihre einzige Puppe verloren hat. Und wenn mein Opa dem Kellner im Restaurant viel zu viel Trinkgeld gibt, weil er nicht für einen geizigen Jude gehalten werden möchte. Was meine Großeltern während der Schoa erlebt haben, ist ein Teil ihrer Identität geworden. Und somit auch ein Teil meiner.

Ablehnung Trotzdem muss ich zugeben, dass ich das Gespenst gerne für immer verabschieden möchte. Wie in dem Gedicht von Arye Palgi To Forget, würde ich am liebsten eines Morgens entdecken, dass es den Holocaust gar nicht gegeben hat. Und daher auch keine Zeitzeugenberichte, keine Holocaust-Gedenktage, keine Filme und Theaterstücke, keine Holocaust-Kultur.

Mögen manche »Verrat« rufen, scheint es mir doch logisch, derartig Belastendes vergessen zu wollen. Noch besser, es gar nicht vergessen zu müssen, weil es die Ursache dafür nie gegeben hat.

Zugegeben, ohne das Gespenst wäre es schöner. Die unglaubliche Tragödie, die meine Familie und unsere Leben berührt hat, diesen Teil meiner Identität verabscheuen zu dürfen, bedeutet für mich Normalität. Sie nicht nur leidend anzunehmen, sondern auch dagegen zu rebellieren, heißt, über diese Tragödie hinauszuwachsen.

Meine Generation ist wahrscheinlich die letzte, die Holocaust-Überlebende persönlich kennengelernt haben wird. Wir haben sie erlebt, vieles von ihnen erfahren, mit ihnen gefühlt, und wir sind von ihnen geprägt worden. Ihre Erfahrungen leben in uns. Statt pauschaler Forderungen wie »Never forget« oder »Lasst es endlich gut sein«, sollten wir fragen: Wie können wir weiter erinnern? Und auch: Wie wollen wir weiter erinnern?

München

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