Porträt der Woche

»Ein sicherer Job«

Profitiert von seinen Russischkenntnissen: Roman Rasin (22) im Einsatz in Halle-Neustadt Foto: Douglas Abuelo

Meine Freunde nennen mich »Tornado«, den Wirbelwind. Ich kann nicht sagen, wie ich zu diesem Spitznamen gekommen bin. Wahrscheinlich, weil ich mir im Internet immer diesen Namen selbst ausgesucht habe. Das ist ja meine große Leidenschaft. Ob bei World of Dragons oder DSA – bei diesen Rollenspielen kann ich gut chillen und den Alltagsstress hinter mir lassen. Oder beim Surfen im Internet. Einfach im Netz unterwegs zu sein, mit Freunden zu chatten, auf StudiVZ vorbeizuschauen. Das ist etwas, was mich sehr entspannt und natürlich hilft, den Kontakt zu meinen Kumpels zu pflegen, denn die Woche über bin ich ja in der Regel nicht in Halle.

Ich studiere seit zwei Jahren in Aschersleben, eine knappe Autostunde in Richtung Harz entfernt. Ich will in Sachsen‐Anhalt Polizist werden. Wenn alles klappt, ist es im September 2011 soweit. Dann bin ich Polizeikommissar, ein sicherer Job. Ich würde das Studium gerne mit dem Diplom abschließen, weil mir das die Chance eröffnet, später auch in den höheren Dienst zu wechseln. Ob das klappt? Mal schauen.

Außerhalb des Campus der Fachhochschule wohnen wir in einer Dreier‐WG, das organisieren die meisten so. Ist ganz cool, auch wenn man in einer Kleinstadt wie Aschersleben so viel nicht unternehmen kann. Die wenigen Restaurants leben im Wesentlichen von uns. Abends gehen wir zusammen zum Sport, kochen mal bei einer Freundin oder gehen gemeinsam ins Kino. Und na klar, wir lernen auch. Es ist ein duales Studium. Theorie und Praxis wechseln sich ab: vier Semester Grundlagen, dazwischen zwei Semester Praxis. Das hat mich total überrascht. Ich hätte nicht geglaubt, dass der Anteil an Straf‐ und Straßenverkehrsrecht, am Umgang mit Ordnungswidrigkeiten in der Ausbildung so enorm ist. Ich hatte mehr an Sport und Praxis gedacht. Aber eigentlich ist es auch gut so.

Praktikum Derzeit absolviere ich ein halbes Jahr lang mein zweites Praktikum. Auf dem Revier in Halle‐Neustadt bin ich im Einsatz und soll die Abläufe kennenlernen, es nennt sich Führungspraktikum. Der Schichtrhythmus ist ungewohnt, für mich als Langschläfer sowieso. Natürlich sind die Erlebnisse nicht so krass wie im »Tatort« oder »Polizeiruf«. Es ist eben alles dabei, banale wie tragische Geschichten, vom Verkehrsunfall über die Schlägerei bis zu der alten Dame, die sich aus dem Fenster stürzte. Da in Halle‐Neustadt viele Aussiedler und Ausländer wohnen, kommt mir jedoch zu Hilfe, dass ich perfekt Russisch spreche. So habe ich einmal mithören können, wie sich zwei Männer auf Russisch unterhielten, wo sie irgendwelche Gegenstände versteckt hatten. Die haben sich dann sehr gewundert, woher meine Kollegen das wussten.

Geboren wurde ich 1987 in Dnjepropetrowsk, einer Millionenstadt in der Ukraine. Meine Mutter hat dort als Krankenschwester gearbeitet, mein Vater war Kunstmaler und Fotograf. Er ist über die Dörfer gefahren, hat die Leute abgelichtet und ihnen die Abzüge verkauft. Ein hartes Brot. Als dann Anfang der 90er Juden das Angebot erhielten, auszureisen, haben wir uns für Israel und Deutschland beworben. Meine Eltern begriffen es als Chance auf ein besseres Leben. Meine Oma und mein Opa waren jedoch strikt dagegen. Für sie, die im Holocaust und während des Kriegs sehr viele Verwandte verloren hatten, galt Deutschland als das Land der Faschisten. Inzwischen sind sie aber auch hier. Wir hatten sie, die ganz allein zurückgeblieben waren, Stück für Stück überzeugt.

Dass wir 1994 schließlich nach Deutschland umgezogen sind, lag einfach daran, dass von dort zuerst die Zusage kam. Wir waren zunächst ein paar Tage in einem Aufnahmelager in Hannover, sind dann nach Halle geschickt worden und da für eineinhalb Jahre in einem Wohnheim untergekommen. Seitdem lebt meine Familie in einer kommunalen Neubauwohnung. Meine Mom arbeitet in einem mobilen Pflegedienst für russischstämmige Patienten, mein Dad will jetzt einen eigenen Imbiss eröffnen und organisiert gerade alles. Meine prägendste Erinnerung an unsere Ankunft in Deutschland ist, dass unsere Familie plötzlich Geld zur Verfügung hatte. Wir konnten einkaufen, ich bekam Spielzeug und Süßigkeiten, zuvor alles undenkbar. An die Ukraine habe ich nur eine sehr verschwommene Erinnerung, war auch seit zwölf Jahren nicht mehr dort. Ich kenne ja niemanden da.

Integration Als ich in Halle in die erste Klasse eingeschult wurde, habe ich kein Wort Deutsch gesprochen und deshalb im Unterricht oft abgeschaltet. Im Spaß sage ich heute: Ich habe Deutsch im Schlaf gelernt. Aber im Ernst: Da ich schnell Freunde fand, habe ich die fremde Sprache sehr bald sprechen können. Heute merkt man keinen Unterschied mehr zwischen meinem Deutsch und dem meiner hier geborenen Freunde. Ich bin richtig gut integriert. Ich denke, wer das will, wer den Kontakt sucht, der schafft das auch.

Aus meinem Judentum mache ich kein Geheimnis und habe damit auch keine schlechten Erfahrungen. Es war freilich ein langer Weg. Zunächst hatte ich mit 14 Jahren Jugendweihe – das haben fast alle in der Klasse so gemacht. Mein Bezug zur Gemeinde war damals noch nicht stark. Erst ein, zwei Jahre später begann ich, mich ihr ein wenig zuzuwenden. Meine Eltern gingen viel hin, dann war ich immer mal in der Synagoge, bin mit ins Jugendlager gefahren. So wuchs das. Wir erfuhren viel über die Religion, die Regeln, die Feiertage. Und auch, wenn ich sehr liberal lebe, schaue ich dort immer wieder vorbei. Man trifft viele Leute, kann quatschen. Heute bin ich sogar mit unserem Rabbiner befreundet. Eine ganze Zeit lang war ich Vorsitzender unseres Sportvereins Makkabi, musste das Amt aber wegen des Studienbeginns aufgeben.

Vor drei Jahren habe ich Abitur gemacht. Notendurchschnitt 2,3. Fand ich ganz okay. Aber ich hatte aus Faulheit die Bewerbungsfrist für das Studium verpasst. So habe ich noch ein knappes Jahr in einem Callcenter gejobbt, wo wir für ein Telekommunikationsunternehmen Anschlüsse verkaufen sollten. Das bedeutete, Kunden anzurufen: »Können Sie sich vorstellen, günstiger zu telefonieren?« Aber der Markt war natürlich längst gesättigt. Es war also gut, dass dann das Studium begann.

Was nach der Polizeiausbildung mit mir wird, werde ich sehen. Ich möchte nicht in einem Büro sitzen, sondern eher draußen, auf der Straße unterwegs sein. Zwei, drei Jahre zur Bereitschaftspolizei in Magdeburg – das könnte ich mir gut vorstellen. Anschließend würde ich gern etwas machen, wo ich meine Russischkenntnisse einsetzen kann.

Partnerschaft Man muss kleine Schritte gehen und dann sehen. Das sage ich auch zu meiner Freundin. Für sie sind Ehe und Kinder natürlich ein Thema, klar – Frauen. Aber ich bin jetzt 22, muss erst mal meinen Abschluss machen, und sie sucht gerade einen Job als Restaurantfachfrau. Dann schauen wir weiter, es drängt ja nicht.

Freitag ist bei mir immer der Tag für die Freundin. Da gehört meine ganze Aufmerksamkeit ihr. Am Wochenende bin ich dann, wenn ich nicht im Fitnessclub bin, mit meinen Freunden unterwegs, sie ist aber auch oft dabei. Wir fahren in die großen Diskos außerhalb von Halle: Techno, House, Electro‐Music. Zig Floors und DJs, Restaurants und Bars – das ist meine Welt. Partymachen, Spaß haben und mit einem offenen Lächeln durchs Leben gehen. Wer mit mir unterwegs ist, dem garantiere ich Abwechslung. Keine Langeweile, kein schlechte Laune, kein Trübsal blasen. »Tornado« eben.

Aufgezeichnet von Steffen Reichert

Erfurt

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