Feiern

Ein Schluck zu viel

L’Chaim – auf das Leben! Was am Abend zu Purim noch Spaß macht, kann am Tag darauf üble Kopfschmerzen verursachen. Foto: Gregor Zielke

»Ob ich mich betrinke an Purim? Selbstverständlich! Muss man doch!« Mit Anfang 20 sind manche Fragen leicht beantwortet. Frei nach dem Motto: Endlich einmal eine Mizwa, die man so richtig genießen kann. Wer würde sich da verweigern? Daniela beispielsweise. »Ich trinke diesmal nichts«, sagt sie kategorisch. »Im vergangenen Jahr habe ich mit Brummschädel unterrichten müssen«, betont die junge Lehrerin. Daher wird sie das diesjährige Purim-Abendessen nur mit einer Mindestmenge an Alkohol begießen.

Lärmende Kinder und Kopfschmerzen – das passt einfach nicht zusammen. Und sich einfach krank zu melden, liegt ihr nicht. Obschon sie nicht an der jüdischen Schule unterrichtet und die Direktion daher »wahrscheinlich nichts herleiten könnte«.

Wirklich arbeitnehmerfreundlich liegt Purim nun einmal selten. In diesem Jahr ist mit einem Donnerstag zumindest nicht mehr viel Woche übrig. Aber muss oder sollte man sich denn wirklich betrinken? »Ja, es stimmt, an diesem Tag ist es eine Mizwa, zu trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen ›Verflucht sei Haman und Gesegnet sei Mordechai‹«. So steht es schwarz auf weiß auf der Internet-Seite von Chabad.

Zu finden ist der jüdische Freibrief fürs Saufgelage im Talmud, Traktat Megilla 7b, Schulchan Aruch. »Die Freude des Purim-Festes soll uns helfen, die üblichen Beschränkungen und Grenzen zu überwinden und auf einer höheren spirituellen Ebene zu feiern«, wird bei Chabad weiter erklärt, aber es findet sich auch folgender Hinweis: »Purim-Trinken heißt verantwortungsvoll trinken, also keine Drinks für Minderjährige, kein Alkohol am Steuer!«

grenzen Paulina Altmann, Fachärztin für Allgemeinmedizin und niedergelassen im Frankfurter Westend, reagiert zurückhaltend auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Vieltrinkens. »Jeder muss sein persönliches Maß kennen«, gibt sie die Grenze vor. »Man sollte immer wissen, was man tut« und merkt, was die spirituelle Wirkung alkoholischer Getränke betrifft, skeptisch an: »Im Rausch sollen wir ja vergessen, was gut und was schlecht, wer unser Freund, wer unser Feind ist. Aber sind wir dann plötzlich und vorübergehend alle pazifistisch? Haben wir kurzfristig und nur einmal im Jahr alle unsere Vorurteile über Bord geworfen?«

Das scheint ihr nicht nur aus medizinischer Sicht ein zweifelhaftes Unterfangen zu sein: »Und was, wenn einer einfach müde wird vom Wein und einschläft?«, fragt sie weiter. Für sie selbst sind die vier Becher Wein, die zum Seder an Pessach gehören, viel wichtiger: »Pessach ist ein Fest, das auf der Tora basiert. Deshalb ist es eine Mizwa, diesen Wein zu trinken. Purim entstand später. Die Vorschrift, sich zu betrinken, ist in diesem Falle daher nur ein Brauch und kein Gebot.« Ein Brauch übrigens, den die Ärztin selbst nicht befolgt: »Armen Leuten Geld geben, Freunden ein fertig zubereitetes Essen servieren und die Megilla anhören – das alles finde ich viel wichtiger«, sagt sie mit Nachdruck.

Spassfaktor Rabbiner-Gattin Deborah sieht das alles entspannter und legt einfach nur Wert auf den Spaßfaktor: »Es kommt darauf an, wie jemand auf den Alkohol reagiert«, meint sie. »Wenn einer Kuku ist, lustig und ausgelassen wird« – das ist doch schön. Ihr Onkel beispielsweise, ein sehr zurückhaltender und scheuer Mann, blühe jedes Jahr an Purim so richtig auf: »Er zitiert dann fantastisch aus der Tora! Das ist für uns ein Highlight und wir warten schon immer darauf!«, sagt Deborah.

Wenn jemand allerdings wisse, dass er sehr übellaunig werde oder keinen Alkohol vertrage – dann solle er auch lieber die Finger davon lassen. Auch für jene, die einige Gläser Wein verkraften, gibt’s Tipps, wie sie den Rausch noch besser überstehen können. »Vor dem Trinken muss man viel Salat mit Essig und Öl essen«, gibt der Ukrainer Igor sein Geheimrezept preis.

Und die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände rät, vor Wein und Schnaps »viel Alkoholfreies zu trinken, am besten Mineralwasser oder Saftschorle. Und vorher etwas Fettreiches wie eine Wurst essen.« Denn wer auf nüchternen Magen trinke, werde schneller betrunken.

Elektrolyte Am nächsten Morgen brauche der Körper viel Flüssigkeit, denn der Alkohol hat am Vortag dafür gesorgt, dass viel davon ausgeschieden wird. Das sogenannte Katerfrühstück mit Gurken und Rollmops ersetze verlorene Salze. Perfekt sei auch Hühnersuppe, denn auch sie enthalte viel Salz.

Wer mit einem Kater aufwache, dürfe zu Schmerzmitteln greifen. Wenn der Magen angegriffen ist, sei Paracetamol zu empfehlen. Kopfschmerz-Abhilfe schaffe auch verdünntes Pfefferminzöl: »Auf die Stirn aufgetragen wirkt es kühlend und schmerzstillend.« Zu empfehlen seien zudem ein Spaziergang, eine sanfte Massage an Schläfen und Nasenwurzel oder kühle Kompressen auf Stirn und Nacken.

Auf weiteren Alkohol am Morgen sollte laut Apothekerverband »der alten Trinkerregel zum Trotz verzichtet werden«. Aber glücklicherweise dauert Purim ja ohnehin nur einen Tag.

Alija

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