Berlin

Ein neuer Exodus?

Was dran ist an Spekulationen über eine massenhafte Zuwanderung junger Israelis – eine Bestandsaufnahme

von Joshua Schultheis  12.03.2023 10:06 Uhr

Schon die Chemnitzer Band Kraftklub san »Ich will nicht nach Berlin« Foto: Getty Images / Montage: CW

Was dran ist an Spekulationen über eine massenhafte Zuwanderung junger Israelis – eine Bestandsaufnahme

von Joshua Schultheis  12.03.2023 10:06 Uhr

Berlin ist seit vielen Jahren Sehnsuchtsort für junge, kreative Menschen aus der ganzen Welt. Auch zahlreiche Israelis sind dem rauen Charme der Spreemetropole verfallen. Schätzungsweise 12.000 von ihnen leben hier. Nun, nach dem Regierungswechsel in Israel, wird viel darüber spekuliert, ob es noch einmal deutlich mehr werden könnten.

»Abwandernde Akademiker in Israel« titelte etwa der Tagesspiegel; von einer »Bewegung«, die Israelis zum Verlassen ihrer Heimat auffordere, sprach die Jerusalem Post, und die Tageszeitung Haaretz fragte in einer Reportage über israelische Migration in die deutsche Hauptstadt provokant: »Wird die rechtsextreme Regierung einen neuen Exodus auslösen?« Doch was ist dran an diesen Vermutungen? Gibt es derzeit tatsächlich eine Bewegung, gar einen Exodus von jungen, progressiven und gut ausgebildeten Israelis nach Berlin?

ALLTAG »Seit der letzten Wahl reden die Leute mehr über das Auswandern«, erzählt Lior Israelov, der in Tel Aviv lebt. »Aber sie sind immer noch hier – sie reden nur!« Israelov ist eine Koryphäe der queeren Szene der Stadt. Er ist eine der bekanntesten Dragqueens des Landes und tritt regelmäßig unter seinem Künstlernamen Suzi Boum auf. »Die neue Regierung hat noch keinen Einfluss auf den Alltag der LGBTIQ-Community«, schildert er seinen Eindruck von der Stimmung in Tel Aviv, das er stets »meine Stadt« nennt. Die queere Gemeinschaft habe schon viel durchgemacht und sei »stark und vereint«, glaubt Israelov. »Ich kenne viele, die gegen die neue Regierung protestieren.«

»Wir sind überall, sogar in der Knesset!«, sagt Lior Israel aus der queeren Szene Tel Avivs.

Er ist überzeugt, dass sich die israelische Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten nachhaltig verändert hat und die öffentliche Präsenz von homo- und transsexuellen Menschen nicht mehr einfach rückgängig gemacht werden kann. »Wir sind überall, sogar in der Knesset!« Weitreichende Prognosen für die Zukunft will er dennoch nicht machen. Ob sich die Situation für ihn und die LGBTIQ-Gemeinschaft Israels unter der neuen Regierung doch noch ändern werde? Er wisse es nicht. Doch von sich selbst sagt er: »Ich habe keine Angst.«

BRÜCKE Fragt man den israelischen Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, was er von Landsleuten hält, die nach Berlin auswandern, antwortet er: »Das ist okay.« Natürlich gebe es Leute, die Israel verlassen wollen. »Das sollte in jedem demokratischen Staat möglich sein.« Die Israelis, die in Berlin leben, betrachte er als »Brücke« zu ihrer Heimat. »Sie repräsentieren nicht nur sich selbst, sondern auch Israel.« Seine Hoffnung ist, dass sie diese Verbindung aufrechterhalten. Er glaube, »dass all die Israelis, die hier sind, Teil unserer Familie sind«.

Einen Exodus aus dem jüdischen Staat in die deutsche Hauptstadt beobachte er indes nicht. Im Gegenteil bekomme er mit, dass viele auch in ihre Heimat zurückkehrten, »weil es für die Erziehung der Kinder in Israel viel besser« sei. Dass das Land ein guter Ort zum Leben bleibe, ist jedoch nicht selbstverständlich. »Wir müssen unser Bestes geben, in Israel einen Platz für alle Juden zu schaffen«, ist der Botschafter überzeugt.

OPTION Eitan M., der eigentlich anders heißt, aber lieber anonym bleiben will, war gerade in Berlin, um einen Freund zu besuchen – und kehrte nach einigen Tagen nach Israel zurück. Dennoch: »Ich habe in der Vergangenheit daran gedacht, das Land zu verlassen«, erzählt er. Eitan ist Arzt und arbeitet als Spezialist in einem der besten Krankenhäuser des Landes, wie er sagt. Diese Position aufzugeben, würde ihm nicht einfach leichtfallen. »Ich bin nicht sicher, ob Berlin eine Option wäre, da ich kein Deutsch spreche«, sagt Eitan. Ohne die Sprache in einem deutschen Krankenhaus arbeiten? Das wäre nicht möglich, ist er überzeugt. Er kenne viele, die in den vergangenen 15 Jahren nach Berlin gegangen sind, doch von aktuellen Auswanderungsplänen weiterer Bekannter wisse er nichts. »Alle, die nach Berlin ziehen wollten, sind schon weg.«

Den Alltag in Israel erlebt er jedoch zunehmend als spannungsreich: »Das tägliche Leben ist schwierig, die Menschen sind nervös.« Nicht nur würden die Preise ins Unermessliche steigen, auch die politische Kultur verschlechtert sich seiner Meinung nach zusehends. »Es wird jedes Jahr schlimmer.« Aber das Land verlassen, in dem er geboren wurde? »Die Dinge sind nicht so simpel, und Auswandern ist niemals einfach«, findet Eitan. »Ich weiß nicht, ob ich hier bleibe oder nicht, aber die Chancen stehen gut, dass ich bleiben werde.«

ZENIT Die Überlegungen von Lior Israel und Eitan M. decken sich weitgehend mit den Einschätzungen des israelischen Demografen Uzi Rebhun. Der Professor der Hebrew University in Jerusalem glaubt, die deutsche Hauptstadt habe den Zenit ihrer Anziehungskraft mittlerweile überschritten. Ende vergangenen Jahres brachte er zusammen mit weiteren Wissenschaftlern die Studie »A Double Burden« heraus, in der die israelische Gemeinschaft in Deutschland analysiert wird. »Die meisten Israelis, die nach Berlin gezogen sind, kamen in den letzten 15 bis 20 Jahren, als die Preise und Mieten noch sehr niedrig waren«, erzählt Rebhun im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Doch das Preisniveau sei auch in Berlin in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Zudem gebe es eine weltweite ökonomische Krise, die auch Deutschland betreffe, so Rebhun. »Es könnte zurzeit sicherer sein, im eigenen Heimatland zu bleiben, dort wo man Familie, Beziehungen und einen Arbeitsplatz hat.«

»Zwischen Denken und Handeln klafft eine große Lücke«, glaubt der Demograf Uzi Rebhun.

Politische Motive für die Auswanderung werden seiner Meinung nach ebenfalls häufig überschätzt. »Populistische Regierungen gibt es überall«, sagt er mit Verweis auf Schweden oder Italien. »Die üblichen Hürden für eine Auswanderung sind zudem nach wie vor hoch: eine neue Arbeit finden, die Sprache lernen.« Er zögere daher, eine echte Einwanderungswelle nach Berlin für die nächste Zeit zu prognostizieren. »Zwischen Denken und Handeln klafft eine große Lücke«, so Rebhun. Was in ein oder zwei Jahren sein werde, wisse er nicht. »Aber die Israelis sind sehr patriotisch«, glaubt Rebhun. Viele von ihnen würden lieber gegen eine Politik, die in ihren Augen falsch ist, demonstrieren gehen, als das Land zu verlassen.

Zu dieser Ansicht passt ein Foto, das derzeit im Internet kursiert und offenbar Anfang Februar bei einer regierungskritischen Demonstration in Tel Aviv aufgenommen wurde. Im Vordergrund sieht man eine junge Frau, die ein Megafon in der Hand hält und einen roten Pullover mit der Aufschrift »Fight for your Right« – kämpfe für dein Recht – trägt. Dahinter hält jemand ein handbemaltes Pappschild in den Tel Aviver Nachthimmel. »Wir werden nicht nach Berlin auswandern«, steht darauf.

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