Porträt der Woche

»Ein Kind des Ostens«

Konrad Eliezer Hädicke kommt aus Thüringen und lebte in Singapur – dann kam Corona

von Eugen El  12.07.2020 14:45 Uhr

Erfurt, Sydney, Singapur – Egal, wo: Konrad Eliezer Haedicke ist im Judentum zu Hause. Foto: Eugen El

Konrad Eliezer Hädicke kommt aus Thüringen und lebte in Singapur – dann kam Corona

von Eugen El  12.07.2020 14:45 Uhr

Man kann vielleicht sagen, dass ich ein Opfer des Coronavirus bin. Ich war für neun Jahre in Singapur. Im Januar 2020 hatte ich angefangen, in einer Marketingagentur zu arbeiten, die sich auf die Reiseindustrie spezialisiert hat. Natürlich war der coronabedingte Einschnitt für die Firma ziemlich groß. Die Hälfte der Belegschaft musste entlassen werden, um die Agentur am Leben zu erhalten. So habe ich meine Arbeit verloren. Das war ein Schock.

Arbeitsvisum In Singapur verliert man sofort sein Arbeitsvisum, und wenn man nicht rechtzeitig etwas Neues findet, muss man das Land verlassen. Da in Singapur wegen Covid-19 alles zum Stillstand kam, hatte ich nicht das Glück, gleich einen neuen Job zu finden. So musste ich wieder nach Deutschland. Seit Anfang Juni lebe ich in Jena bei meinem Bruder und helfe in seiner Firma im Vertrieb aus.

Thüringen Ursprünglich komme ich aus Thüringen. Ich bin 1984, noch in der DDR, geboren. Dort habe ich die ersten Jahre zugebracht. Viel weiß ich von der Zeit nicht mehr – aber was bestimmte Dinge angeht, bin ich schon noch ein bisschen ein Kind des Ostens.

In dieser Zeit leitete ich das Jugendzentrum, weil es sonst niemand machen wollte.

Meine Reise zum Judentum fing bei uns im Elternhaus an. Wir hatten immer einen sehr offenen Bezug zum Judentum. Ich kann mich erinnern, dass ich, als ich 13 war, mit meinem Vater einmal in der Erfurter Synagoge war. Ich fand das sehr interessant, aber damals eher aus einem historischen Hintergrund heraus.

Synagoge Erst als Student ging ich wieder in eine Synagoge. Das war 2003 in Leipzig. Ich hatte angefangen, Hebräisch zu lernen, was Teil des Curriculums im Theologiestudium ist. Ich dachte mir, das ist eine ganz gute Übung. Ich fand den Gottesdienst sehr ansprechend. Es war einfach etwas, wo ich mich sehr wohlgefühlt habe. Dann bin ich öfter hingegangen, war auch im Jugendzentrum der Leipziger Gemeinde.

Hessen Danach bin ich nach Kassel gezogen, um mein Studium mit anderen Fächern fortzusetzen. In Kassel bin ich in die Gemeinde gegangen und wurde mit offenen Armen empfangen. Ich war fast jeden Schabbes in der Synagoge. Dann hatte ich ein Gespräch mit dem Rabbiner und sagte, dass ich mich in der Gemeinde wohl und heimisch fühle und dass mich das Judentum auch vom Glauben her sehr anspricht.

Ich fragte, ob ich zum Judentum übertreten kann. Der Rabbiner war erst einmal nicht begeistert. Die Gemeindevorsitzende war allerdings damals angetan von mir und bat den Rabbiner, mich zum Konversionsunterricht zuzulassen. So hatte ich von etwa 2006 an Unterricht beim Rabbiner in Kassel.

Orthodoxie Ich merkte, dass bestimmte Sachen der Orthodoxie mit mir nicht übereinstimmen. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich die Orthodoxie nicht wertschätzen würde, ganz im Gegenteil. Aber für mich war es so, dass das Judentum eben nicht nur das Eine ist. Es ist viel mehr als nur ein orthodoxer Übertritt. So bewegte ich mich weiterhin in der Gemeinde, ohne Mitglied zu sein. In dieser Zeit leitete ich das Jugendzentrum, weil es sonst niemand machen wollte.

Egal ob ich in Erfurt, Singapur oder Sydney in der Synagoge sitze – ich fühle mich zu Hause.

Mir war es wichtig, dass ich mich einbringe, dabei bin und Jüdischkeit lebe. Und das hieß für mich auch, andere junge Leute in der Gemeinde zu motivieren. Das hat dann auch dazu geführt, dass ich mich sehr mit der russischen Sprache beschäftigte. Ich war begeistert davon, dass alle in der Gemeinde Russisch sprachen, und wollte daher meine Schulkenntnisse verbessern.

singapur Als ich mit dem Studium fertig war, musste ich die Frage klären, welchem Job ich nachgehen möchte. Ich landete für ein Praktikum bei einer Münchner PR-Agentur. Während dieser Zeit hatte ich über einen Bekannten die Zusage für ein Traineeship bei Siemens in Singapur erhalten.
Ich dachte mir ganz naiv: Ich bin mit dem Studium fertig, habe keine Verpflichtungen und möchte die Welt erkunden. Mein Bruder war mehrere Jahre in Nicaragua, meine Schwester hat in Irland promoviert. Also ging ich im Februar 2011 nach Singapur. Um meine Englischkenntnisse aufzuwerten, bin ich zuvor für einige Monate nach Dublin gezogen.

Als ich nach Singapur kam, ging ich zuerst in die orthodoxe Gemeinde, wo viele andere Young Professionals aus aller Welt waren. Das war sehr angenehm, aber der sefardische orthodoxe Ritus in Singapur war nicht ganz so mein Fall. Durch Zufall bin ich dann an die liberale jüdische Gemeinde gekommen, die United Hebrew Congregation. Mit Lennard Thal hatte sie einen wirklich fantastischen, bemerkenswerten Rabbiner. Er kam aus New York und war nur ab und zu in Singapur.

New York Rabbi Thal hat eine Weisheit ausgestrahlt, dass ich mit ihm sofort, als ich die Möglichkeit dazu hatte, das Gespräch suchte. Ich erzählte ihm, wie mein jüdischer Hintergrund ist und was ich bisher erlebt hatte. Er war sehr einfühlsam und sagte: Ich sehe, wie du für das Judentum brennst und dich engagierst, wir machen das. Nach ein paar Monaten weiteren Unterrichts bin ich nach New York geflogen und habe dort meinen Giur abgelegt. Ich hatte mich vorher beschneiden lassen, war in der Mikwe, und dann war die Sache erledigt.

Ich hatte das Gefühl, dass etwas bestätigt wurde, was schon längst für mich Teil meiner Persönlichkeit war. Ich habe mich in meiner Gemeinde engagiert, war zeitweise im Vorstand. Diese Gemeinde hat mich persönlich sehr weitergebracht.

Nachweis Als ich vor Kurzem wieder in Deutschland ankam, schrieb ich an die Jüdische Gemeinde in Erfurt, dass ich gern am Gottesdienst teilnehmen würde. Da kam die Frage auf, ob ich jüdisch sei. Ich musste einen Nachweis erbringen. Dazu hatte ich den Erfurter Rabbiner Alexander Nachama mit dem Rabbi in Singapur, Nathan Alfred, in Kontakt gebracht – und siehe da, sie kannten einander!

Ich genieße es, Familie und Freunde zu besuchen. Mal sehen, was der Sommer bringt.

In den ersten Jahren in Singapur habe ich viel gearbeitet und war körperlich gestresst. Ich suchte einen Ausgleich und fand einen Personal Trainer, mit dem ich mittlerweile befreundet bin. Er hat mich auf den Fitnesspfad gebracht. Das war eine völlige Verwandlung. Mit einem Freund wollten wir eine Firma aufmachen, die einen Social Impact hat.

Muslime Das hat auch damit zu tun, dass beide Freunde Muslime sind. Für sie war der Gedanke der Sadaqa sehr wichtig. Interessanterweise gibt es das gleiche Wort mit der gleichen Bedeutung auch im Judentum: Zedaka, Wohltätigkeit.

Wir hatten uns überlegt, eine Firma zu gründen, die nicht nur Personal Training oder Kurse anbietet, sondern auch einen Teil des Umsatzes in die Ausbildung junger Leute steckt, die gern in der Fitness­industrie arbeiten würden, aber die Trainerausbildung nicht bezahlen können.

Wir haben dann zwei Ex-Häftlinge eingestellt und ausgebildet. Außerdem bauten wir eine Partnerschaft mit einer Wohltätigkeitsorganisation in Kambodscha auf. Die Organisation heißt »Tiny Toones« und kümmert sich um Straßenkinder. Mit unseren Kunden fuhren wir ab und zu auf eine Fitnessreise nach Kambodscha, schauten uns aber auch das Zentrum dieser Organisation an und brachten Spenden mit.

Spenden Als wir anfingen, haben wir eine Spendenaktion für »Tiny Toones« gemacht. Der liberale Rabbiner von München, Tom Kucera, erfuhr davon. Die Spendensammlungen der Münchner Beth-Shalom-Gemeinde über die Hohen Feiertage 2016 gingen an »Tiny Toones« – durch die Organisation, die ich mit meinen Freunden gegründet hatte.

Das Judentum ist für mich einerseits eine Zugehörigkeit. Egal ob ich in Erfurt, Singapur oder Sydney in der Synagoge sitze – ich fühle mich zu Hause. Das andere ist ein grundsätzliches Verständnis von Gott. Für mich war Gott immer die zentrale Figur, die mir sehr oft durchs Leben geholfen hat, bewusst oder unbewusst. So sehe ich das eben, dass mir der liebe Gott immer zur rechten Zeit die rechten Dinge hat zukommen lassen.

Ich bin meinen Eltern sehr dankbar.

Die verschiedenen Stationen, die ich durchlaufen habe, haben mich letzten Endes zum Judentum geführt. Jetzt bin ich erst einmal hier in Deutschland. Ich genieße es, Familie und Freunde zu besuchen. Mal sehen, was der Sommer bringt. Mein Plan ist, im Herbst zurück nach Singapur zu gehen. Das hängt natürlich von der Grenzsituation ab. Dadurch, dass mein Partner nach wie vor in Singapur lebt, wäre es schön, irgendwann auch wieder vereint zu sein.

Plastiktüte Es ist interessant, wie Deutschland sich verändert hat. Das fängt mit Kleinigkeiten an – dass man jetzt überall für Plastiktüten bezahlen muss – und geht bis zu neuen Personalausweisen. Es hat sich schon einiges getan. Man hört natürlich auch andere Sachen – was die AfD angeht, was Halle angeht und den Anschlag dort.

Das macht mich natürlich nachdenklich, gerade auch als Ostdeutscher, der in Zeiten aufgewachsen ist, in denen es normal war, dass einige rechte Einstellungen entwickelten. Meine Familie hat sich dagegen gestellt. Meine Eltern sagten: Kinder, entdeckt die Welt, geht raus, bildet euch und macht all die Dinge, die wir damals nicht konnten. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

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