Jubiläum

Ein Haus für den »neuen Westen«

Vom schnellen Leben des benachbarten Ku’damms ist in der Fasanenstraße fast nichts mehr zu merken. Keine Geschäfte, keine hupenden Autos – allein das Hotel Kempinski an der Kreuzung verleiht der kleinen Straße etwas Herrschaftliches. Und auch das Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin liegt ruhig an den Ausläufern der Fasanenstraße.

Vor 100 Jahren stand an dieser Stelle eine Synagoge in maurischem Stil. Sie war die erste außerhalb von Alt-Berlin, hatte 1.720 Plätze und wurde am 26. August 1912 eingeweiht. Damals war die jüdische Bevölkerung Charlottenburgs gewachsen und zählte 1910 22.580 Mitglieder, denn um die Jahrhundertwende war der »neue Westen« sehr begehrt. Deshalb hatte die Gemeinde 1905 das Grundstück in der Fasanenstraße erworben.

Den Architektenwettbewerb gewann Ehrenfried Hessel. Von 1910 bis 1912 wurde das Gebäude unter Leitung des Gemeindebaumeisters Johann Höniger errichtet. Als Rabbiner Leo Baeck 1912 nach Berlin kam, amtierte er an dieser Synagoge, die in der Pogromnacht vom 9. November 1938 in Brand gesetzt und zerstört wurde. 1939 wurde das Grundstück zur Nutzung durch die Reichspost enteignet. Die Ruine wurde 1958 abgerissen.

Treffpunkt Die Architekten Dieter Knoblauch und Hans Heise entwarfen das Gemeindehaus, das an dieser Stelle gebaut und 1959 eingeweiht wurde. Heinz Galinski, damaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hatte angeregt, ein offenes Haus zu bauen, einen Treffpunkt für alle Juden Berlins, sagt Ruth Galinski, seine Witwe .

Seit 1987 steht im Hof eine Skulptur von Richard Hess, die eine zerbrochene Torarolle darstellt. Am oberen Ende ist ein Vers aus dem 4. Buch Moses eingraviert: »Eine Weisung und ein Recht gelte für euch und den Fremdling, der unter euch weilt« (Kap. 15,16). Einige Schritte weiter steht eine Gedenkwand mit den Namen der Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager, in denen fast 59.000 Berliner Juden ermordet wurden.

Im Gemeindehaus befand sich mehrere Jahrzehnte lang das Vorstandsbüro der Jüdischen Gemeinde. Heute hat dort die Jüdische Volkshochschule Berlin ihren Sitz und organisiert Lesungen, Vorträge, Workshops, Sprachkurse sowie zahlreiche kulturelle Aktivitäten. Gleich nebenan sind die Bibliothek der Gemeinde und die Räume für die Repräsentantenversammlungen untergebracht.

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