Interview

»Ein Gefühl von Heimat«

Ziehen Bilanz: Viktor Davidoff, Faina Lubarskay, Maria Markovska und Marcel Kroitblat (v.l.) Foto: Gregor Zielke

Am Jugendkongress in Berlin haben mehr als 400 junge Erwachsene teilgenommen. Welche Erwartungen an die Veranstaltung hattet ihr im Vorfeld?
Marcel: In den vergangenen Monaten hat sich viel ereignet, was Israel und Juden in Deutschland betrifft. Daher hatte ich mir erhofft, die Bedeutung Israels für uns deutsche Juden besser zu verstehen.
Faina: Ich habe in diesem Jahr zum ersten Mal teilgenommen und hatte keine genaue Vorstellung, was mich erwartet. Gewünscht hatte ich mir, Input über Israel zu bekommen. Leider war ich selbst noch nie dort.

Haben sich diese Erwartungen erfüllt?
Faina: Absolut. Die Veranstaltungen haben zum Nach- und Mitdenken angeregt. Ich komme nächstes Jahr auf jeden Fall wieder.
Maria: Ich komme mit (lacht). Im Ernst: Die Stimmung war super, die Leute kommunikativ und das Programm ausgewogen. Was will man mehr?
Viktor: Mir hat es alles in allem auch gut gefallen. Bei mir zu Hause in Hannover habe ich nicht allzu viel mit Juden in meinem Alter zu tun. Insofern war es nett, hier ein paar jüdische Gleichaltrige zu treffen und zu erfahren, wie sie ticken.

Was hat euch besonders gut gefallen?
Viktor: Ich fand es großartig, dass der Kongress dieses Mal in Berlin stattfand. Die Purimparty mit den ganzen Verkleidungen war natürlich auch ein Knaller.
Marcel: Beides war schön, aber für mich eher sekundär. Beeindruckt hat mich die hochkarätig besetzte Diskussionsrunde am Abschlusstag. Ich habe danach mit anderen Teilnehmern viel diskutiert. Das hat mein Bild von der Bedeutung Israels für deutsche Juden sehr geschärft.
Maria: Für mich waren die vielen Treffen mit Gleichgesinnten sehr wichtig. Wie bei anderen jüdischen Veranstaltungen dieser Art habe ich wieder etliche interessante Bekanntschaften gemacht und hoffe, dass ich einige von ihnen wiedersehen werde.

Was kann der Jugendkongress in Zukunft besser machen?
Viktor: Meine Kritik bezieht sich auf die Teilnehmer und nicht auf das Programm. Ich kann viele Positionen nicht nachvollziehen. Warum können wir deutschen Juden nicht offensiver und selbstbewusster sein? Ja, wir leben hier und nicht in Israel! Wir müssen uns deshalb nicht verstecken!
Faina: Ich hätte mich gefreut, wenn es mehr Diskussionen über kontroverse Themen gegeben hätte. Man hätte zum Beispiel beim Thema Nahostkonflikt auch über die Argumente der Palästinenser sprechen sollen.
Viktor: Ich finde, das wird außerhalb des Jugendkongresses schon zur Genüge getan. Es muss auch Raum für innerjüdische Debatten geben.

Welche Ideen nehmt ihr mit nach Hause?
Marcel: Dass die Bedeutung Israels sich nicht darauf beschränkt, für Juden in aller Welt ein »sicherer Heimathafen« zu sein. Israel ist mit Blick auf unsere Religion, unsere Werte und unsere Geschichte sehr viel mehr.
Maria: Ich gehe viel informierter, selbstbewusster und stärker nach Hause zurück als ich zum Jugendkongress gekommen bin. Das Treffen mit jüdischen Gleichaltrigen vermittelt mir ein Gefühl von Heimat.

Können eure jüdischen Gemeinden vom Kongress etwas für ihre Jugend- und Bildungsarbeit lernen?
Marcel: Ich lebe in Berlin. Dort gibt es ein aktives Jugendzentrum. Bei den Angeboten für meine Altersklasse ist jedoch noch viel Luft nach oben. Da könnte das Programm des Jugendkongresses ein Vorbild sein.
Faina: Bei mir in Dresden gibt es nicht viele junge jüdische Erwachsene – und die Nachfrage bestimmt bekanntlich das Angebot.
Maria: In der Stuttgarter Gemeinde wird der Schwerpunkt auf Kinder und ältere Menschen gelegt. Diese Lücke wird ehrenamtlich von Studenten geschlossen. Da blicke ich als Wahl-Stuttgarterin neidisch auf meine Heimatgemeinde in Dortmund, wo man für junge Erwachsene Morasha-Unterricht anbietet.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel.

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