Diaspora

Ein etwas anderes Judentum

Israelis brauchen, anders als viele hiesige Juden, keinen religiösen Kompass. Foto: thinkstock

Ihr Sohn war zwei Jahre, ihre Tochter acht Jahre alt, als die Hebräischlehrerin Miriam Rosengarten mit ihren Kindern nach Deutschland kam. Sie wuchsen hier auf, doch besuchten weder einen Bar- oder Batmizwa-Unterricht noch suchten sie Anschluss in einer jüdischen Gemeinde. »Damals dachte ich, dass wir das nicht brauchen«, sagt Miriam Rosengarten, die inzwischen seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebt. »Ich war der Meinung, dass äußere Zeichen für mein Judentum nicht nötig seien. Ich fühlte mich gut als Jüdin und glaubte, nichts weiter tun zu müssen.«

So denken viele Israelis in Deutschland – zum Beispiel der 30-jährige Komponist Gilad Hochman. Zwar ist er fasziniert von der Hebräischen Bibel und komponiert sogar Musikstücke zu biblischen Motiven, lässt sich für seine Kompositionen vom Wechselgesang von Kantor und Gemeinde inspirieren. Doch wann er das letzte Mal in einer Synagoge war, weiß er nicht genau. »Das muss irgendwann in Israel gewesen sein«, sagt er. Seit fünf Jahren lebt er in Deutschland. Andere Menschen könne er auch im Café treffen. Zudem sei der Jerusalemer Tempel seit fast 2000 Jahren abgeschafft. Gotteserlebnisse seien mithin nicht an Orte wie Synagogen gebunden.

säkular Wer Israelis fragt, warum sie so selten einen Fuß über die Synagogenschwelle setzen, bekommt eine Antwort immer wieder zu hören. »Ich bin kein religiöser Mensch, sondern eher säkular«, sagt zum Beispiel die 33-jährige Nirith Bialer von der Künstlergruppe HaBait. Doch die Worte »religiös« und »säkular« bedeuten in Israel etwas völlig anderes als in Deutschland. Als »religiös« bezeichnet man dort orthodoxe und ultraorthodoxe Juden. Viele Israelis sind auf »die Religiösen« nicht gut zu sprechen. Sie verkörpern für Metropolenbewohner ein rückwärtsgewandtes Judentum, eines, das vor allem aus Verboten besteht, wie die Säkularen finden.

Manch ein Bewohner von Tel Aviv verbringt den Versöhnungstag Jom Kippur lieber am Strand, als in der Synagoge zu fasten. Doch das Judentum spielt auch für viele Säkulare eine große Rolle. Pessach feiern die meisten Israelis in der Familie. Beschneidungsfeiern sind eine Selbstverständlichkeit. Genauso Hochzeiten, die ein Rabbiner ausrichtet. »Wer in Israel lebt, muss nicht religiös sein, um sich jüdisch zu fühlen«, sagt Miriam Rosengarten. Das gesamte öffentliche Leben ist auf Juden abgestellt. »In Israel kann man nicht an Jom Kippur ins Restaurant gehen, und am Schabbat ist alles geschlossen«, ergänzt Nirith Bialer.

In Deutschland ist es hingegen wesentlich schwieriger, ohne Synagoge jüdisch zu leben. »Wenn ich hier fasten will, muss ich etwas vorbereiten«, sagt Bialer. »Ich fühle mich hier jüdischer, weil ich zum ersten Mal mit der Frage konfrontiert bin: ›Bist du jüdisch?‹«

Identität Einmal nahm Nirith Bialer einen nichtjüdischen Freund am Vorabend von Jom Kippur mit in die Synagoge. Der Freund wollte nach den Abendgebeten, die sie so ergreifend fand, noch in eine Diskothek gehen. Nirith war von der Idee wenig begeistert. So musste sie sich erklären. Die 25 Stunden der Buße sind ihr trotz allem so wichtig, dass sie abends nicht tanzen gehen möchte.

Als Lior Sinay das erste Mal in Deutschland in eine Synagoge ging, wollte er eigentlich nur seiner deutsch-jüdischen Freundin einen Gefallen tun. Seit einem knappen Jahr lebt der 34-Jährige in Deutschland. Bei Religion dachte er vor allem an Charedim und an den Einfluss der Orthodoxie auf die israelische Gesellschaft. Inzwischen genießt der Marketingmann die Gottesdienste in Deutschland. Während die anderen beten, liest er häufig den biblischen Wochenabschnitt und ist gespannt auf die Predigt. Die Gebete interessieren ihn weniger. Die seien schließlich jede Woche gleich.

Anstoss Für Miriam Rosengarten waren christliche Feste ein Anlass, um über ihr Judentum nachzudenken. Jedes Jahr hörte sie in Deutschland die Weihnachtslieder – in Kaufhäusern, Cafés, wo man steht und geht. »Ich fragte mich: Wo sind meine Lieder?«, erzählt sie. So reifte der Entschluss heran, sich eine Synagoge zu suchen.

In Köln schloss sie sich einer liberalen Initiative an, die heute eine Synagoge ist und Gescher le Massoret heißt. Denn sie wollte als Frau gleichberechtigt am Gottesdienst teilnehmen. Wie genau der jüdische Gottesdienst aufgebaut ist und wie das Gebetbuch funktioniert, musste sie erst lernen, bekennt sie freimütig. Keine Ahnung hatte sie, wann man im Gottesdienst eine, zwei oder auch drei Torarollen benutzt. Doch sie fand es spannend, sich das Wissen anzueignen. Besonders interessierte sie die Geschichte des jüdischen Gebets, denn schließlich ist der jüdische Gottesdienst, wie er heute gefeiert wird, das Ergebnis einer 2000 Jahre langen Entwicklung.

Inzwischen kennt Miriam Rosengarten die jüdische Liturgie sehr genau und ist Gabbait in der Oranienburger Straße in Berlin. Sie verteilt Aufgaben im Gottesdienst und hilft Gastkantoren. Die Hebräischlehrerin gibt ihr Wissen auch an Kinder weiter. Wenn sich die Zwölf- und 13-Jährigen auf ihre Bar- oder Batmizwa vorbereiten, übt Miriam Rosengarten mit ihnen, wie man eine Bibelstelle auf Hebräisch vorträgt, laut und deutlich zur Gemeinde spricht, einen Segensspruch anstimmt oder die Torarolle hält.

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