Erfolgsrezept

Ein Bund fürs Leben

Wer hat das Sagen in einer Gemeinde? Nicht immer und überall ist man sich in dieser Frage einig. Im Idealfall bilden Rabbiner und Gemeindevorstand ein Team, das gemeinsam alle anfallenden Probleme und Schwierigkeiten löst. Doch oft muss diese Gemeinsamkeit erst einmal hart erarbeitet werden. Doch vor der Frage, wie man optimal zusammenarbeitet, steht die, den richtigen Rabbiner für die eigene Gemeinde zu finden.

Grundsätzlich seien Veränderungen in einer Gemeinde nur im gegenseitigen Einverständnis möglich, sagt Sara‐Ruth Schumann, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg. »Wer etwas ändern möchte, muss es erklären und begründen, dann kann die Gemeinde folgen oder dagegen sein – und vielleicht auch einen Kompromiss finden.«

offenheit Eine enge Zusammenarbeit und offenes Ansprechen eventueller Probleme seien wichtig, dabei müssten sich beide Seiten klar machen, dass man die gegenseitigen Kompetenzbereiche respektieren sollte. »Es ist immer eine Gratwanderung. Die Gemeindevorsitzenden sollten sich nicht in rabbinische Angelegenheiten mischen, der Rabbiner soll keine Gemeindepolitik betreiben«, ergänzt Schumann. Und umreißt das, was sie klare Trennung nennt, mit einem einfachen Beispiel aus dem Sport: »Der Tennisspieler geht ja auch nicht einfach auf einen Fußballplatz und stellt sich ins Tor.«

Für junge Rabbiner sei es wichtig, »sich zu informieren, was in der Gemeinde üblich ist und die eigenen Vorstellungen klar zu äußern.« Wichtig sei auch: »Sich nicht von einzelnen Mitgliedern gegen den Vorstand instrumentalisieren zu lassen. Ein junger, unerfahrener Rabbiner kann leicht vergessen, dass er erst einmal auch die andere Seite hören sollte, bevor er Stellung bezieht.«

Gleichgewicht Im Grunde könne man das Verhältnis zwischen Rabbiner und Vorstand mit dem von Vater und Mutter vergleichen, findet Schumann: »Beide sind gleich wichtig. Es sollte eine Gewaltenteilung geben, bei der jeder seinen Machtbereich hat – und wenn beides positiv läuft, dann funktioniert der Laden auch.«

Auf die Frage nach dem Idealfall antwortet Schumann kurz und knapp: »Ein Rabbiner, der auf die Gemeinde eingeht und mit ihr, Betonung auf ›mit‹, arbeitet und nicht nur Kultusbeamter ist.« Dadurch, dass in Deutschland nun auch nichtorthodoxe Rabbiner ausgebildet werden, sei es einfacher geworden, einen passenden relgiösen Leiter zu finden, sagt Schumann. »Wir sind nun nicht mehr auf Israel angewiesen. In Deutschland ist es beispielsweise auch sehr wichtig, dass ein Rabbiner russisch spricht, um auf die Leute zugehen zu können.«

Für Rabbiner Salomon Almekias‐Siegl ist die gegenseitige Achtung der wichtigste Aspekt in der Beziehung zwischen Seelsorger und Gemeinde. »Natürlich kann ich nicht verlangen, bei jedem Einzelnen beliebt zu sein«, sagt er lachend, »das ist einfach nicht möglich.« Gleichwohl seien Respekt und gute Kontakte zu den Menschen das A und das O. »Das kann man nicht lernen, sondern man muss den Instinkt dafür selber entwickeln.«

Almekias‐Siegl, der aus Israel kommt, wurde in Israel, den USA und Großbritannien ausgebildet und arbeitete, bevor er vor 13 Jahren Landesrabbiner in Sachsen wurde, unter anderem auch in Amerika. In den USA lehnte er es einmal ab, seinen Vorgänger zu treffen, von dem er gehört hatte, dass er Probleme mit der Gemeinde gehabt hatte: »Man soll sich nämlich immer ein eigenes Bild machen, und in dem Moment, wo einem jemand sagt, dass beispielsweise jemand mit Vorsicht zu genießen sei, ist man schon beeinflusst.« Den Rat gibt er auch jungen Rabbinern, die ihre erste Stelle antreten: »Eigene Erfahrungen, sich sein eigenes Bild machen, Schritt für Schritt vorgehen.« Und: »Neue Ideen immer besprechen, mit dem Vorstand, mit dem Vorbeter – und sich nie zu schade sein, Rat einzuholen.«

Initiator David Seldner ist Vorsitzender der Gemeinde in Karlsruhe und sucht gerade einen Rabbiner. Vom neuen Seelsorger erwartet er »einen Kick – Aktivitäten, die Gemeindemitglieder dazu motivieren, sich stärker am Gemeindeleben zu beteiligen«. Da gebe es viele Möglichkeiten, sei es durch Teilnahme am Religionsunterricht und Jugendzentrum, Besuch der Gottesdienste und Feste, Beschäftigung mit den religiösen Inhalten, aber auch der jüdischen Gechichte. In den vergangenen Jahren hatte man keinen fest angestellten Rabbiner und hofft entsprechend nun auf neuen Input.

Verunsichert worden sei man sicher auch durch den Rabbiner der Bewegung Chabad Lubawitsch. Seldner beschreibt sein ungutes Gefühl. Der Gastrabbiner habe »versucht, in diese Leerstelle (dass kein festangestellter Rabbiner vorhanden sei) hineinzustoßen und der Gemeinde seinen Stempel aufzudrücken«. Als Konsequenz habe er angefangen, den Aufenthalt in den Gemeinderäumen zu nutzen, »um unsere Leute abzuwerben«, erzählt Seldner. »Um auf die bereits erfolgte Spaltung zu reagieren, benötigen wir einen Rabbiner, der als Motor wirkt. Wir brauchen ein Zugpferd, das für den nötigen Schwung sorgt, damit die gute Atmosphäre von früher wieder zurückkommt.«

Anforderung Ganz allgemein haben sich die Anforderungen an Rabbiner Seldners Meinung nach in den vergangenen Jahren verändert. Erst in den letzten Jahren ist es nicht mehr die ganz große Ausnahme, dass Rabbiner auch eine »allgemeine« Ausbildung vorweisen können, vielleicht auch einen Dialog mit Christen zu führen in der Lage sind.

In ihrer Kinderzeit, Anfang der 60er‐Jahre, seien die Aufgaben der Rabbiner andere gewesen als heute, sagt Judith Neuwald‐Tasbach. »Heute sind sie mehr im Innenverhältnis tätig, das heißt, in der strukturellen und inhaltlichen Beratung der Gemeinde. Früher war der Rabbiner nach außen hin eine Autorität, die mehr in der Öffentlichkeit stand.«

Früher seien aber auch »die Probleme in allen Gemeinden die gleichen gewesen. Die Menschen haben traditionell gelebt, die Rabbiner wussten, wie die Gemeinden nach dem Krieg strukturiert waren und kümmerten sich in aller Regel nur um die Gottesdienste und den Ritus.« Heute sei viel Engagement in der Erwachsenenbildung gefragt. »Die Probleme sind größer geworden, zum Beispiel auch, den älteren Zuwanderern das Judentum näherzubringen.« Den richtigen Rabbiner zu finden, sei nicht immer leicht, sagt Neuwald‐Tasbach. »Es handelt sich ja nicht um einen Job in einem Unternehmen, sondern um die Arbeit mit und für Menschen.«

Aus der Erfahrung in der Praxis rät sie Gemeinden, die von einem eigenen Rabbiner träumen, sich bei der Suche Zeit zu nehmen. Eine Gemeinde ohne Rabbiner werde es aber »immer schwer haben«. »Judentum kann man nicht im Trockentraining erlernen, es muss erlebt werden, die uralten Traditionen müssen gepflegt werden«, sagt Neuwald‐Tasbach. »Natürlich kann sich vielleicht nicht jede Gemeinde in Deutschland einen leisten, aber wenn man die Möglichkeit hat, sollte man zumindest einen der Wanderrabbiner der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland engagieren.«

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