Rottweil

Ein Bau des Friedens

Der 20. März ist der Internationale Tag des Glücks. Und die Badener sind laut Statistik die glücklichsten Menschen Deutschlands. Das Städtchen Rottweil ist zwar eher schwäbisch, gehört aber verwaltungstechnisch zu Baden, und hier ist man derzeit ganz besonders glücklich. Denn exakt sieben Monate nach dem Spatenstich für die neue Synagoge, die jetzt im Rohbau beinahe fertig ist, gab es nun auch noch einen Grundstein. Der kommt direkt aus Jerusalem und wurde bei Grabungsarbeiten auf dem Tempelberg gefunden, am Standort des einstigen Tempels.

Jetzt ziert er die Wand des Synagogenbaus. Ziemlich eng wurde es bei der festlichen Grundsteinlegung am Sonntag. Oberrats‐Vorsitzender Rami Suliman hatte den Stein organisiert, er versprach allen anderen Synagogen in Baden ebenfalls einen solchen. »Das ist ein Freudentag«, betonte er vor den zahlreichen Gästen, darunter Barbara Traub, Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden, und Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrats. Neben vielen Gemeindemitgliedern waren Vertreter der Rottweiler Kirchen und des Gemeinderats erschienen. Besonders freue er sich darüber, dass der Bau so schnell vorangeschritten ist. »Das erfüllt mich und alle jüdischen Menschen mit Stolz und Dankbarkeit«, sagte Suliman.

Sesshaft Rottweil sei inzwischen zur Heimat der Gemeinde geworden, und »wer ein Haus baut, der will auch bleiben!«, zitierte Suliman den Frankfurter Architekten Salomon Korn. Man strecke allen die Hand zum Zeichen der Freundschaft entgegen. Der Grundstein, der so eingebaut wurde, dass er von jedem berührt werden kann, stelle die Verbindung zu Israel her. Denn diese sei sehr wichtig, damit habe man in Zeiten der Not eine Zuflucht. »Hätte es das vor 80 Jahren gegeben, hätte es die Schoa nicht gegeben.«

Oberbürgermeister Ralf Broß zeigte sich »froh und glücklich« darüber, dass diese Zeremonie abgehalten werden könne. »Wir haben in Rottweil immer an die jüdische Kultur erinnert«, an das Unrecht, die Vertreibung, die Vernichtung der jüdischen Bürger. Mit dem Bau der Synagoge mitten in der Stadt, mitten in der Gegenwart, knüpfe man sichtbar an die Vergangenheit an. »Wir freuen uns mit Ihnen über diese Grundsteinlegung!«

Der Obere Neckar sei jahrhundertelang Heimat jüdischer Menschen gewesen, betonte Landrat Wolf‐Rüdiger Michel. Lange Jahre nach der Schoa habe niemand daran gedacht, dass eines Tages wieder jüdisches Leben in Rottweil entstehen würde. Doch dann seien mit Beginn der 90er‐Jahre die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen, und nun dürfe man sich über den Neubau freuen. »Ich bin sicher, dass das hier ein Bau des Friedens sein wird!«

Dialog Das betonte auch Landesrabbiner Moshe Flomenman. Klein sei die Rottweiler Gemeinde, doch auch ein kleiner Stein könne große Bedeutung haben, nicht immer komme es auf die Quantität an. Die neue Synagoge solle ein Ort des Friedens, des Dialogs zwischen den Religionen werden, versprach er mit einem hebräischen Segensspruch. Die evangelische Pfarrerin Gabriele Waldbaur hatte gleich einen Umschlag mitgebracht. Im Zusammenhang mit dem Umzug der Marienfigur, die 1643 mitten im Dreißigjährigen Krieg die Augen gewendet habe und als »Maria von der Augenwende« verehrt wird, vom Münster an ihren ursprünglichen Standort, die evangelische Predigerkirche, habe man diese ökumenische Feier genutzt und Geld gesammelt. Ökumene bedeute nämlich nicht nur Dialog zwischen den christlichen Kirchen, sondern das Gespräch der Religionen miteinander. 1000 Euro hatte die Pfarrerin mitgebracht, die dankend angenommen wurden, immerhin muss die Rottweiler IKG mit dem Neubau einiges schultern.

Völlig überwältigt war Tatjana Malafy, langjährige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, von der großen Gästeschar. Gemeinsam mit Rami Suliman brachte die Gemeindevorsitzende den Stein an der Wand an. Grund zum Feiern. Und daher gab es dafür nicht nur Beifall, sondern gleich noch Gesang: »Masel Tov – Viel Glück«.

Die neue Synagoge steht in Sichtweite der historischen Innenstadt Rottweils, am Nägelesgraben, dem früheren Stadtgraben, der später aufgefüllt wurde. Zeitweise befanden sich hier der Bauhof, ein Autohaus und eine Waschstraße, die jedoch längst verschwunden sind. Inzwischen wurden hier ein Feinkost‐Supermarkt und das neue Spital errichtet, ein großer Spielplatz und die neue Jugendherberge befinden sich ganz in der Nähe. Und die Stadt plant mit einem Investor ein großes Einkaufszentrum.

Ökumene In Sichtweite des Gemeindezentrums soll demnächst außerdem eine Gedenkstätte entstehen: Der Plan sieht Baumreihen vor, die an die Rottweiler Opfer des Holocaust erinnern sollen – Ergebnis einer lange währenden Diskussion über die umstrittenen Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig, gegen die man sich in Rottweil schließlich gemeinsam aussprach und stattdessen für Bäume und verschiedene Gedenkveranstaltungen aller Religionen votierte. Denn die Ökumene funktioniert, die jüdische Gemeinde ist in der Stadt angekommen.

»Wir fühlen uns in Rottweil zu Hause«, betont Tatjana Malafy, die sich von Anfang an für die Gemeinde eingesetzt hat und von Rami Suliman als ihr »Motor« bezeichnet wurde. »Wir haben sehr gute Kontakte zur Stadt und den Bürgern, es sind viele Freundschaften entstanden.« Gegenwind habe sie nie verspürt, sondern viel Unterstützung bekommen. Das unterstreicht auch Oberbürgermeister Ralf Broß. Es habe immer Einvernehmen gegeben, die Stadt stehe dem Neubau sehr positiv gegenüber.

Gefreut haben sich am Sonntag auch die Historiker. Winfried Hecht, ehemaliger Stadtarchivar und in engem Kontakt zu den aus Rottweil ausgewanderten Juden und ihren Nachfahren, betonte: »Das ist ein Freudentag. Ein Stück Reichtum, das wir erfreulicherweise zurückbekommen!«

Unterstützer Sein Kollege Werner Kessl, Mitgründer des »Vereins Ehemalige Synagoge«, zeigte sich ebenfalls erfreut. Zwar war vor langer Zeit darüber nachgedacht worden, die ehemalige Synagoge in der Innenstadt wieder zu beleben, doch das ist aus Raumgründen nicht möglich. Für die gut 270 Mitglieder der IKG wäre das Gebäude einfach zu klein gewesen.

Positive Resonanz zu dem 3,7 Millionen‐Euro‐Projekt in Rottweil gibt es auch aus dem Schwarzwald‐Baar‐Kreis, für den die Rottweiler Gemeinde ebenfalls zuständig ist. »Das wird auch bei uns sehr gut angenommen«, sagt Landrat Sven Hinterseh. Er freue sich persönlich, dass er zur Grundsteinlegung nach Rottweil eingeladen wurde. Das Fest wurde dann mit einem Stehempfang in den derzeitigen Räumen der Gemeinde fortgesetzt. Mit einem Konzert der Klezmer‐Gruppe Kol Colé in der Aula des Alten Gymnasiums ging der Festtag schließlich zu Ende.

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