Nachruf

Dresdner mit Leib und Seele

Ein Leben voller Zufälle und Zuversicht – Trauer um Heinz-Joachim Aris

von Heide Sobotka  27.03.2017 18:27 Uhr

Heinz-Joachim Aris sel. A.: Er starb im Alter von 82 Jahren in Dresden. Foto: privat

Ein Leben voller Zufälle und Zuversicht – Trauer um Heinz-Joachim Aris

von Heide Sobotka  27.03.2017 18:27 Uhr

Ende November vergangenen Jahres schien das Schlimmste überstanden. Heinz-Joachim Aris erholte sich nach einem monatelangen Krankenhausaufenthalt sowie anschließender Reha und schmiedete schon wieder Pläne. Stark abgenommen habe ihr Bruder, erzählte Renate Aris noch auf dem Gemeindetag in Berlin. Aber zur anstehenden Gemeinderatssitzung wollte er – wie es seine Art war – mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Es gehe mit ihrem Bruder wieder bergauf, sagte Renate Aris damals. In den frühen Morgenstunden des 24. März erlag der 82-Jährige nun doch seiner schweren Krankheit.

Heinz-Joachim Aris war der Grandseigneur im Präsidium des Zentralrats, seine Statur und Ausstrahlung, seine ruhige und zugewandte Art ließen ihn so erscheinen. Er selbst bezeichnete sich lieber als bodenständiger Dresdner und »treues Mitglied der Jüdischen Gemeinde« seiner Heimatstadt.

BEileid Der Zentralrat der Juden und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hätten mit Aris »einen warmherzigen und klugen Menschen verloren, der sich in überaus hohem Maße für die Belange der Gemeinschaft engagiert hat«, bekundete Zentralratspräsident Josef Schuster sein Beileid gegenüber der Familie. »Wir haben Heinz-Joachim Aris sehr viel zu verdanken.« Seine Verdienste reichten von dem Wiederaufbau der Dresdner Gemeinde, über die Integration russischsprachiger Zuwanderer bis hin zum Bau der Synagogen in Dresden und Chemnitz. 2012 war Aris für diesen Einsatz mit dem Sächsischen Verdienstorden geehrt worden.

Seit seiner Kindheit war Aris – am 7. Mai 1934 in Dresden geboren – mit der jüdischen Gemeinschaft verbunden. Auch im Schicksal, denn seine Mutter war nicht jüdisch. Dass sie 1933 einen Juden heiratete, erzählte Aris einmal der Jüdischen Allgemeinen, habe an Verrücktheit gegrenzt, »aber das ist eben die Liebe«. Dresden war eine Nazi-Hochburg. Mit Stolz betonte er, dass sie 1948 die Erste war, die bei Rabbiner Martin Riesenburger konvertierte.

Überleben Während Vater Helmut – Seidenhändler von Beruf – Zwangsarbeit leisten musste, hielt Mutter Susanne, die bei einem Gemüsehändler arbeitete, ihre beiden Kinder Heinz-Joachim und die ein Jahr jüngere Renate über Wasser. Die Familie lebte damals bei der Großmutter in Briesnitz in einem Mehrfamilienhaus. Alle hätten gewusst, dass sie eine jüdische Familie waren, doch Anfeindungen gab es nicht. Die Hausgemeinschaft war offen und tolerant. Die Familie seiner Mutter war es ebenfalls. Weltläufigkeit und Toleranz prägten auch Aris.

Schließlich kam doch die schlimme Nachricht: Vater und Kinder sollten sich am 16. Februar 1945 zum Abtransport am Bahnhof Dresden Neustadt einfinden. Die Bombennacht zum 13. März 1945 vernichtete Papiere, so kam es nicht zur Deportation. Geistesgegenwärtig besorgte die Mutter neue Papiere. Von nun an lebten sie unter dem Namen Müller als ausgebombte Familie im Stadtteil Weißer Hirsch.

Mit der Friedenszeit begann für Aris die Schulzeit. Mit elf Jahren wurde er gleich in die vierte Klasse eingeschult, »mit geringen Vorkenntnissen«, sagte Aris. Er machte Abitur und studierte Wirtschaftswissenschaft in Leipzig. Von 1959 bis 1991 arbeitete Aris als Industriemanager, engagierte sich in der Gewerkschaft und kümmerte sich um den Tennis-Nachwuchs und den Hochschulsport.

Treue Erst als sein Vater, der als Präsident den Rat der Jüdischen Gemeinden der DDR leitete, starb und die Dresdner Gemeinde den Sohn fragte, ob er sich nicht um sie kümmern wolle, »beschied ich das nicht abschlägig«. 400 Mitglieder insgesamt zählte die Gemeinschaft in Ost-Berlin, Dresden, Leipzig und in wenigen anderen Orten. Mit der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion kam eine riesige Herausforderung auf sie zu. »Obwohl eine Minderheit eine Mehrheit integrieren musste, war es die Minderheit, die das bewerkstelligte«, erzählte Aris.

Seit seinem Ausscheiden aus dem Beruf 1992 widmete er sich bis 2012 als Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde zu Dresden und war seit 2002 Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. 2002 wurde Aris auch in das Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Seit 2006 gehörte er – mit anderthalbjähriger Unterbrechung – dem Präsidium des Zentralrats an.

NPD Den freundlichen Herrn alter Schule konnte kaum etwas aus der Ruhe bringen. Nur eines brachte ihn auf die Palme: »Wenn innerjüdische Streitigkeiten in aller Öffentlichkeit – und ganz bewusst dort – ausgetragen werden und allen antisemitischen Klischees neue Nahrung geben.« Aris gehörte zudem zu den strikten Verfechtern eines NPD-Verbots. Viel zu spät hatten seiner Meinung nach die Medien auf den Einzug der rechtsextremen Partei in den Sächsischen Landtag reagiert.

Um seine Engagements im Stiftungsrat Sächsischer Gedenkstätten, beim Jüdischen Museum Berlin oder im Kuratorium der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie seine Mitgliedschaft im Rundfunkrat des MDR machte Aris wenig Aufhebens. Als Präsidiumsmitglied zuständig für die Bildungsarbeit im Zentralrat, musste der »Reisefaule« viel herumfahren. Dabei war er gerne zu Hause, liebte Naturfilme und aktuelle Dokumentationen. Seine Dienstbesprechungen mit den Mitarbeitern kombinierte er gern mit einem gemeinsamen Frühstück. Das vermissten sie schon seit Ausbruch seiner Krankheit.

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