Hamburg

Doppeltes Jubiläum

Die Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg (LJGH) hatte sich für ihre Feier zum 200‐jährigen Bestehen des Reformtempels Schawuot gewählt. Obwohl das Jubiläum von vielen anderen offiziell bereits im vergangenen Jahr begangen wurde, entschied sich die LJGH für diesen späteren Termin, denn sie sieht das ganze Jahr 5778 als Festjahr an. »Zudem«, sagt Vorstand Wolfgang Georgy, »hat sie als Wiedergründung nach dem Holocaust nun das Barmizwa‐Alter von 13 Lebensjahren erreicht.« So erkläre sich das späte Datum, sagt Georgy.

»Unsere Vorläufergemeinde, der Neue Israelitische Tempelverein, wurde am letzten Tag des Chanukkafestes (Tempelweihe) 1817 gegründet. Der erste Hamburger Tempel wurde aber erst 1818 eingeweiht«, deswegen habe man sich entschlossen, die Geburtstagsfeier zum Tag der Gesetzgebung am Sinai stattfinden zu lassen. Dabei gehe es aber nicht nur um Besonderheiten des Kalenders, vielmehr wolle die LJGH auch auf die große Bedeutung der Entstehung des Reformjudentums für die Stadt Hamburg und die Welt hinweisen.

Austausch Und die ist unbestritten, denn vor genau 200 Jahren wurde das Reformjudentum in Hamburg begründet. Die LJGH ist somit die älteste noch existierende jüdische Reformgemeinde der Welt. Betrachte man die jüdische Religion global, dann sei das liberale Judentum die Heimat einer deutlichen Mehrheit der religiös organisierten Juden, sagte Georgy.

Die LJGH ist Mitglied im Dachverband der Union progressiver Juden. Es gibt einen regen Austausch der liberalen Gemeinden in Deutschland untereinander, erzählt die Vorstandsvorsitzende Galina Jarkova: »Wir hatten zum Beispiel oft Besuche von den Gemeinden Bremen, Kiel oder Hannover und erwarten in Kürze Gäste aus den Gemeinden Bad Pyrmont sowie Hameln.«

Die Liberale Gemeinde Hamburg wurde erst 2004 wiedergegründet, um die liberale Hamburger Tradition fortzuführen und neu zu beleben. Mehr als 300 Mitglieder zählt die Gemeinde heute, dazu kommen 200 Mitglieder des Freundeskreises. Wie überall in deutschen Gemeinden in den 90er‐Jahren kam auch hier zunächst die Mehrheit der neuen Mitglieder als russischsprachige sogenannte Kontingentflüchtlinge.

Bis heute ist es eine der Hauptaufgaben auch in der liberalen Gemeinde, diese Menschen in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Jarkova beschreibt das so: »Wir wollen an die 200‐jährige Tradition der Hamburger liberalen Juden anknüpfen und sie wiederbeleben.« Die Gemeinde freue sich sehr, dass ihre Mitglieder und Freunde zunehmend international und divers sind: Neben deutsch‐ und russischsprachigen Menschen habe man immer mehr Mitglieder, die aus Israel, den USA oder Großbritannien kommen. »Sie alle fühlen sich bei uns zu Hause. Daraus ergibt sich unsere zweite Aufgabe, nämlich für unsere Mitglieder eine Community zu sein, sie bei sozialen Fragen zu unterstützen oder kulturelle Angebote zu machen, die sie interessieren«, sagt Jarkova.

klubs Dazu bietet die Gemeinde neben den regelmäßigen wöchentlichen Gottesdiensten ein abwechslungsreiches Kulturprogramm an. Es gibt einen Chor sowie einen Literatur‐ und einen Wissenschaftsklub. Tanzgruppen, ein liberales Kinderzentrum und Lerngruppen ergänzen das Angebot. Immer auf der Basis der Grundsätze der Gemeinde: Weltoffenheit, Toleranz und Menschlichkeit gegenüber allen Jüdinnen und Juden unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Familienstand. Dies bedeute auch, dass in der Liberalen Gemeinde Hamburg Frauen als Rabbinerinnen und Kantorinnen arbeiten können.

In Hamburg führt die Gemeinde mit der großen Tradition jedoch immer noch ein Nischendasein, wenn es sich in den vergangenen Jahren auch langsam zum Positiven zu verändern scheint. Zwei wichtige Details haben dazu beigetragen. Zum einen, dass mit Moshe Navon ein eigener liberaler Rabbiner eingestellt werden konnte, der die wöchentlichen Gottesdienste leitet. Navon stammt selbst aus der ehemaligen Sowjetunion, lebte und studierte in Jerusalem. Seit 2007 ist er in Deutschland und seit drei Jahren in der liberalen Gemeinde. Einige Gebete werden auf Deutsch und Russisch gesprochen.

Friedhof Zum anderen verfügt die LJGH nach einem längeren Prozess inzwischen auch über einen eigenen Friedhof: 2016 wurde ein Teil des großen Ohlsdorfer Friedhofes für Bestattungen der liberalen Gemeinde von Rabbiner Navon eingeweiht. Es war ein kleiner Erfolg in der Manifestation der Hamburger Religionslandschaft, was Wolfgang Georgy besonders zufrieden macht.

Darüber hinaus konnte sich die Gemeinde im vergangenen Jahr auch noch über einen guten Abschluss der Verhandlungen mit der Freien und Hansestadt Hamburg freuen, was ihre Position in Hamburg gestärkt hat, auch dank einer kooperativen und freundschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Senat.

In der Flora‐Neumann‐Straße nutzt die LJGH einen Saal anstelle einer eigenen Synagoge, der eigens für sie umgebaut wurde. Der Hamburger Senat hat den Raum mit EU‐Geldern renovieren lassen, um ihn der LJGH zur Verfügung zu stellen. Seit einigen Jahren werden dort Gottesdienste abgehalten.

Mietverhältnis Dennoch scheint es immer noch einen Klärungsbedarf zwischen der Liberalen Gemeinde und dem Senat zu geben. Seit Jahren bemühe sich die LJGH um eine dauerhafte Lösung, ihr gehe es vor allem darum, ein ordentliches Mietverhältnis zu erreichen und nicht – wie derzeit – von heute auf morgen um Räume betteln zu müssen, sagt der Vorstand.

»Die monatliche Ungewissheit und suboptimale Kommunikation mit der zuständigen Behörde beeinträchtigen unsere Aktivitäten«, beklagt die Vorsitzende Galina Jarkova. Die Zahl der Besucher bei großen Festen steige stetig und sei derzeit bei 100 Personen pro Veranstaltung angelangt.

Seit Ende 2016 fühle sich die Gemeinde sogar durch die anderen Nutzer aus dem Gebäude in der Flora‐Neumann‐Straße verdrängt. Mehrere Verhandlungen brachten bisher keine Klarheit. Doch die Gemeinde hofft weiter und setzt auch in dieser Frage darauf, dass das gute Verhältnis zum Senat eine Lösung zum Wohle des liberalen Judentums bringt.

Augenhöhe Das Vorstandsmitglied Wolfgang Georgy hofft auf ein »Ende der Diskriminierung« und wünscht sich von der Stadt und der großen Gemeinde, »endlich im Jahr des Erwachsenwerdens auf Augenhöhe behandelt zu werden«. Jarkova ist etwas milder gestimmt und hoffnungsvoll, dass sich das Nebeneinander weiter gut entwickeln wird: »Für uns ist die Jüdische Gemeinde Hamburg eine Schwester‐ und Brudergemeinde. Einige unserer Mitglieder sind auch Mitglieder dort.«

Auch hier soll an die hanseatisch‐jüdische Tradition angeknüpft werden, geht es nach Galina Jarkova: »Unser sehnlichster Traum ist, ein Hamburg zu gestalten, in dem ein blühendes, vielfältiges jüdisches Leben herrscht, wo wir gemeinsam mit Brüdern und Schwestern aus allen jüdischen Organisationen harmonisch zusammenarbeiten. Wir wollen eine gute und produktive Kooperation mit allen, so wie sie vor der Schoa in Hamburg Alltag war.«

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