Porträt der Woche

Dolmetscher der Kulturen

Arnon Kozlov wuchs im Kibbuz auf und repräsentiert heute eine israelische Bank

von Barbara Goldberg  30.01.2017 18:42 Uhr

»Ich achte sehr auf Diskretion«: Arnon Kozlov in seinem Frankfurter Büro Foto: Rafael Herlich

Arnon Kozlov wuchs im Kibbuz auf und repräsentiert heute eine israelische Bank

von Barbara Goldberg  30.01.2017 18:42 Uhr

Ich bin ein einsamer Wolf. Ob das meine Mentalität ist? Das glaube ich nicht. Vielmehr hat das mit meiner Berufsauffassung zu tun, meinem persönlichen Ethos. Denn als einziger Repräsentant einer führenden israelischen Bank für Deutschland und viele andere europäische Länder achte ich sehr auf Diskretion. Mit wem ich Geschäftsbeziehungen unterhalte, soll möglichst nicht nach außen dringen. Wenn ich einem Kunden zufällig auf der Straße begegne, nicke ich ihm flüchtig zu und gehe rasch weiter. Einladungen zu Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Simches nehme ich grundsätzlich nicht an – was ich oft schade finde.

Wie gerne würde ich mitfeiern und mich gemeinsam mit den anderen Gästen über das Brautpaar, das neugeborene Baby, die öffentliche Toralesung eines Barmizwas freuen! Aber ich will mich nicht in das Leben meiner Kunden drängen, und deshalb halte ich mich lieber fern.

Kibbuz Auf mich selbst gestellt zu sein, alleine und ohne Unterstützung zurechtzukommen – diese Fähigkeit habe ich im Kibbuz gelernt. Denn meine Eltern haben sich kaum um mich gekümmert. Gleich nach meiner Geburt kam ich ins Kinderhaus, wo ich aufwuchs – so wie es in den 50er‐Jahren in den meisten Kibbuzim üblich war. Meine Weisheit stammt von der Straße, nicht aus dem Lehrhaus.

Meine Familie war sowohl aschkenasisch als auch sefardisch, eine Mischung, die in meiner Generation extrem selten vorkam. So stammt ein Teil meiner Vorfahren aus Weißrussland und Polen. Während des Ersten Weltkriegs waren sie als Flüchtlinge nach Palästina gekommen. Der andere Teil meiner Verwandtschaft hat jemenitische und griechische Wurzeln und lebte, als ich geboren wurde, bereits in der siebten Generation in Jerusalem.

In meiner Jugend hatte ich großes Glück: Denn ich durfte als Schaliach der Jewish Agency für drei Jahre nach Montréal gehen, wo ich die Highschool besuchte und im Sommer die Ferien in einem zionistischen Camp in Upstate New York verbrachte. Das war Ende der 60er‐Jahre, also auf dem Höhepunkt der Flower‐Power‐Bewegung und der Proteste der amerikanischen Jugend gegen den Vietnamkrieg. Eine tolle, aufregende Zeit, die mich sehr geprägt hat.

Ich erinnere mich aber auch noch an die Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy im Jahr 1968 –Ereignisse, die damals die ganze Welt erschüttert haben. In dieser Zeit entdeckte ich Bob Dylan, Motown Music, Janis Joplin und erlebte hautnah die ersten Erfolge von Simon & Garfunkel mit. Und ich begann, die amerikanische Literatur zu lieben, eine Faszination, die bis heute anhält. Aber auch die Sportwelt in den USA und Kanada hat mich begeistert.

Schauspiel Ursprünglich wollte ich selbst auch Künstler werden und als Schauspieler auf der Bühne stehen. Zurückgekehrt nach Israel, absolvierte ich jedoch zunächst meinen Militärdienst. 1971 trat ich in die Armee ein, ich war also dabei, als der Jom‐ Kippur‐Krieg ausbrach.

Anschließend studierte ich Schauspiel und Regie. Mit meinem Diplom in der Tasche brach ich wieder auf. Einige Jahre lang zog ich durch die USA und Großbritannien, jobbte hier und dort und bewarb mich an mehreren Theaterhochschulen. In New York schaffte ich es tatsächlich, einen Platz an einem sehr renommierten Institut zu ergattern. Doch plötzlich kam mir die Erkenntnis: »Das ist eine brotlose Kunst. Nur wenige Absolventen der Schauspielschule schaffen tatsächlich den Durchbruch. Und ich will nicht zu den vielen anderen gehören, denen das nicht gelingt, und als Kellner enden.«

Also kehrte ich nach Israel zurück und begann, mir das, was man ein bürgerliches Leben nennt, aufzubauen. Ich heiratete, wurde Vater und ging arbeiten. Gleichzeitig erwarb ich an einer Abendschule einen Abschluss in Business Management. So wurde ich zu einem erfolgreichen international tätigen Handelsvertreter für Israels Plastikindustrie. Deutschland kannte ich vor allem von Messebesuchen in Hannover und anderen großen Städten.

Dann bot sich mir plötzlich die Gelegenheit, in München für Keren Hayesod, den wichtigen langen Arm der Jewish Agency, zu arbeiten. Sollte ich diese Aufgabe übernehmen? Schließlich hatte ich vom ersten Schultag an immer wieder von den an den Juden verübten Gräueltaten der Deutschen gehört. Während meiner Kindheit und Jugend im Kibbuz Lohamei Hagetaot hatte ich jedes Jahr die bewegenden Gedenkzeremonien zum Jom Haschoa miterlebt. Und jetzt sollte ich mit meiner Frau und meinen zwei kleinen Töchtern in das Land der Täter ziehen?

Deutschkurs Es waren die Kollegen von Keren Hayesod Deutschland, die mich schließlich überzeugten. Denn sie waren es auch, die mich förderten und unterstützten. »Arnon«, sagten sie zum Beispiel, »geh an die Abendschule der Ludwig‐Maximilian‐Universität und lerne Deutsch!« Das tat ich. »Arnon, sammele Spenden bei allen Freunden Israels!« Auch das befolgte ich. So bemühte ich mich intensiv darum, vor allem nichtjüdische Sympathisanten Israels als Unterstützer für unser Land zu gewinnen.

Ich war in der ganzen Bundesrepublik unterwegs, bin über die kleinsten und abgelegensten Dörfer gefahren, um Gelder für den Verein Vereinigte Israel‐Aktion zu sammeln. Mit Erfolg. 2003 trug man eine neue Herausforderung an mich heran: State of Israel Bonds. Wieder war ich in ganz Deutschland unterwegs und habe sämtliche jüdischen Gemeinden im Bundesgebiet aufgesucht. Alle wurden sie meine Kunden, die Geschäfte liefen hervorragend. Und dann trat fünf Jahre später die Bank Mizrahi‐Tefahot, das drittgrößte Geldinstitut in Israel, an mich heran. Ich bekam das Angebot für den Posten eines Repräsentanten für die Schweiz, Deutschland, Holland, Belgien, Italien, die ehemaligen Ostblockstaaten und Österreich.

Ich nenne Ansprechpartner für die unterschiedlichen Wünsche und Absichten meiner Klienten und stelle den ersten Kontakt her zwischen den Kunden in Europa und dem Bankhaus in Israel. Dabei fungiere ich als eine Art Dolmetscher zwischen den unterschiedlichen Kulturen, um zu verhindern, dass es zu Missverständnissen kommt. Das ist eine äußerst heikle Aufgabe, die viel Feingefühl verlangt. Und Diskretion, wie gesagt. Mein elektronisches Adressbuch zählt 1600 Einträge. Mein Telefon klingelt den ganzen Tag, und ich bin an mehr als 150 Tagen im Jahr auf Reisen.

Compliance Doch ist mein Job in jüngster Zeit noch schwieriger geworden. Denn das Kapital ist ein äußerst scheues Reh, und die neuen strengen Regularien, das neue Verständnis von »Compliance«, auf das alle internationalen Banken verpflichtet wurden, hat dieses scheue Reh noch ängstlicher und vorsichtiger werden lassen.

Deshalb habe ich mir für die nächste Zukunft vor allem ein Ziel gesetzt: Ich möchte das Vertrauen der Kunden in das israelische Bankensystem zurückgewinnen. 2017 soll der Beginn einer neuen Ära im internationalen Finanzgeschäft zwischen Israel und Europa werden. Jetzt zahlt es sich hoffentlich aus, dass ich nicht nur äußerst verschwiegen bin, sondern auch einen sehr persönlichen Kontakt zu meinen Kunden unterhalte. Jeder ist gleich wichtig, egal, ob sein Vermögen groß oder klein ist.

Pflicht Das gilt meines Erachtens auch bei der Wohltätigkeit, der Zedaka. Dem Land, in dem ich geboren wurde, fühle ich mich bis heute eng verbunden: Ich trage Israel in meinem Herzen, und es schmerzt mich zu sehen, dass es diesem Land momentan nicht gut geht. So leben 30 Prozent seiner Bürger unterhalb der Armutsgrenze, 80 Prozent der privaten Haushalte sind hoch verschuldet, in keinem anderen OECD‐Staat gibt es so große Schulklassen wie dort. Ich finde, jeder Jude weltweit hat die moralische Pflicht, unser Land zu unterstützen, egal, ob er reich oder arm ist, ob er viel oder wenig geben kann.

Ich selbst bin ehrenamtlich für eine kleine gemeinnützige deutsch‐israelische Organisation tätig, die Stipendien an begabte, aber arme junge Israelis vermittelt, damit sie die Universität besuchen können. Lernen – ein Leben lang –, das ist doch unsere Mission als Juden. Meinen Töchtern habe ich seit ihrem vierten Lebensjahr an jedem Geburtstag einen neuen Computer geschenkt. Das hat sich ausgezahlt: Beide sind sie erfolgreiche Wissenschaftlerinnen geworden. Nach außen hin mag ich also wie ein einsamer Wolf wirken, aber meine Frau und meine Kinder bedeuten mir alles und sind mein größter Halt im Leben.

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