Aktion

Die Welt ein bisschen besser machen

Langsam zieht sich die zehnjährige Yara den Felsen hoch. »Geschafft«, sagt sie zu ihrer Freundin Anja. »Das bringt super viel Spaß.« Die Mädchen inspizieren bereits eine andere Kletterwand. Denn den wollen sie als Nächstes erklimmen. Spaß steht am Mitzvah Day ganz oben an. Allerdings kennen sich die beiden auch mit den schweren Zeiten des Lebens aus. Anjas Bruder hatte Leukämie, die er mittlerweile überstanden hat, hingegen ist Yaras zwölfjähriger Bruder mit einem Gendefekt auf die Welt gekommen und gilt als stark entwicklungsverzögert.

»Die Kinder und Jugendlichen sollen heute alle für ein paar Stunden ihre Sorgen vergessen«, sagte der Gesandte des Staates Israel, Emmanuel Nahshon, bei seiner Begrüßungsrede. Denn zum Mitzvah Day haben sich die Mitarbeiter der Israelischen Botschaft dafür entschieden, den betreuten Familien des Kinderhospizes Sonnenhof etwas Gutes zu tun. Das Boulder-Projekt in Berlin ist nur eine von rund 120 Initiativen zum Mitzvah Day, der am Sonntag in ganz Deutschland stattgefunden hat.

Zentralrat Mehr als 2000 Erwachsene, Jugendliche und Kinder aus 50 jüdischen Einrichtungen engagierten sich in 20 Städten an dem jüdischen Aktionstag für soziales Handeln. Damit war die Resonanz auf die Initiative des Zentralrats der Juden noch höher als erwartet. »Ich bin beeindruckt und begeistert vom Einsatz der Menschen und von den tollen Projekten, die am Mitzvah Day umgesetzt wurden«, betonte Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats.

Damit habe jeder Teilnehmer das uralte jüdische Gebot, die Welt ein bisschen besser zu machen, lebendig werden lassen. »Am Mitzvah Day wurden auch neue und sicher bleibende Verbindungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Einrichtungen geschaffen. Das ist uns sehr wichtig. Der Zentralrat der Juden wird auch im kommenden Jahr wieder die Einrichtungen dabei unterstützen, am Mitzvah Day für viele Menschen Gutes zu tun.«

Hamburg An der Alster hatten sich das Jugendzentrum der Gemeinde und die Stipendiaten des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) zusammengetan, um Spenden für zwei Hamburger Projekte zu sammeln. Zum einen hatten sie die sogenannten Hamburger Tafeln ausgewählt, die seit vielen Jahren Lebensmittel für bedürftige Menschen sammeln.

Das andere Projekt bemühte sich um finanzielle Hilfen für die 300 afrikanischen Flüchtlinge, die sich nach ihrer Flucht aus Libyen nun schon seit einem Jahr in der Stadt aufhalten, ohne einen sicheren Status erlangt oder offizielle Unterstützung durch die Stadt erhalten zu haben. Eine Bürgerinitiative sorgt für die Unterkunft in der St. Pauli Kirche und die Versorgung der Flüchtlinge.

Doch besonders im Winter fehlt es den Flüchtlingen am Allernötigsten. Daher auch die Idee der Regionalgruppe Nord, für dieses Projekt am Mitzvah Day zu sammeln. Deren Sprecher, Benjamin Fischer, erzählt: »Wir haben uns für Lampedusa entschieden, weil wir uns gerne über die Gemeinde hinaus engagieren wollten.« Das sollte vor allem zeigen, dass der Mitzvah Day keine rein jüdische Angelegenheit sein sollte, sondern es auch um Fürsorge und Rücksicht gegenüber anderen geht.

Köln Etwas weiter südlich in Köln haben Ilana (18), Ariella (22) und Michael (8) mit anderen Jugendlichen Stolpersteine geputzt. Nach einigen Spritzern Putzmittel und kräftiger Politur leuchteten die bronzefarbenen Steine wieder so, dass die darauf eingravierten Namen von jüdischen Bürgern, die Opfer des Holocaust geworden sind, gut zu lesen waren. Rund 50 Stolpersteine auf acht Plätzen hatte Anton (19), Betreuer im Jugendzentrum der Synagogen-Gemeinde Köln, herausgesucht, um sie mit den Jugendlichen zu reinigen. »Die Aktion soll an diese Menschen erinnern und auch ein Dank dafür sein, dass wir heute jüdisches Leben leben dürfen«, erklärt ein Betreuer den Einsatz am Mitzvah Day. Erstmals hatte sich die Synagogen-Gemeinde Köln an diesem bundesweiten Aktionstag beteiligt.

Berlin Ein Projekt, das für Aufsehen sorgte, fand in Berlin-Hellersdorf statt. An diesem Sonntagmorgen ist es in Hellersdorf ruhig, auch vor dem Asylbewerberheim. Dort, wo wenige Wochen zuvor Rechtsextreme demonstriert hatten, liefen am Sonntag Kinder umher, spielten mit Luftballons und waren voller Vorfreude: Endlich würden sie ein Spielzimmer bekommen – eingerichtet haben es Beter der Synagoge Oranienburger Straße. Für 50 Kinder entsteht an der Stelle, wo früher der Hausmeister der Schule sein Büro hatte, ein eigener Raum zum Spielen.

Tom Eichhorn leitet die Aktion. Bei seinem Besuch im Heim war ihm aufgefallen, dass es am Allernötigsten fehlt: keine Möbel, keine Tische. So sei er auf die Idee gekommen. »Für mich als karitativer Laie war es ja das erste Projekt dieser Art. Erst mussten wir das Projekt sichern. Den Ausdruck habe ich jetzt gelernt. Und dann haben wir es eben umgesetzt.«

Gemeinsam mit anderen Gemeindemitgliedern organisierte er Teppiche und Regale für das künftige Spielzimmer. Ein kleines Wandgemälde, auf dem spielende Kinder zu sehen und die Worte »Mitzvah Day 2013« zu lesen sind, wird zukünftig an diesen besonderen Tag erinnern.

Mitarbeit: Ulrike von Hoensbreoch, Moritz Piehler, Christine Schmitt und Fabian Wolff

Lesen Sie mehr dazu in der kommenden Ausgabe.

www.mitzvah-day.de

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Hochschule

»Spaltung statt Austausch«

Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fordert den akademischen Boykott Israels. Der jüdische Student Michael Ilyaev erklärt, warum er das für falsch hält

von Joshua Schultheis  15.04.2026

Programm

Hawdala, ein rotes Sofa und das Geheimnis der Königin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. April bis zum 23. April

 15.04.2026

München

»Die Stimmung ging sofort in Richtung Aufbruch«

Grigori Dratva über einen Anschlag auf das Restaurant »Eclipse Grillbar«, Solidarität und den Blick nach vorn

von Luis Gruhler  15.04.2026

Carolin Bohl sel. A.

Blockiertes Gedenken

Wie sich in einer kleinen Stadt in Niedersachsen bei der Planung eines Benefizkonzerts für Terroropfer in Israel die Menschlichkeit durchsetzte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Gedenken

Zwischenrufe bei Weimer-Rede in Buchenwald

Schon im Vorfeld hatte es Kritik am Auftritt des Kulturstaatsministers beim Buchenwald-Gedenken gegeben. Auch vor Ort gab es Gegenwind. Das sagt Weimer selbst dazu

 13.04.2026

Gedenken

»Für mich steht sein ›Hochverrat‹ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit«

Hape Kerkeling sprach anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald über seinen Großvater Hermann, der dort fast drei Jahre inhaftiert war. Wir dokumentieren seine Rede

 13.04.2026