Porträt der Woche

Die Wahlhelferin

Nina Rosenstein zählt am 22. September in Berlin-Kreuzberg Stimmzettel aus

von Urs Kind  10.09.2013 09:46 Uhr

»In Sachen deutsche Politik habe ich Nachholbedarf, denn ich bin in Brasilien geboren«: Nina Rosenstein Foto: Uwe Steinert

Nina Rosenstein zählt am 22. September in Berlin-Kreuzberg Stimmzettel aus

von Urs Kind  10.09.2013 09:46 Uhr

Vorige Woche bin ich von meinen Großeltern aus Brasilien zurück nach Berlin gekommen und freue mich sehr auf meine nächste Aufgabe hier: Für die Bundestagswahl am 22. September organisiere ich mit der Politikfabrik in Berlin, einer studentischen »Agentur für politische Kommunikation«, eine Tour durch ganz Deutschland, bei der wir in Schulen politische Diskussionen mit Vertretern der wichtigsten Parteien organisieren. Dabei leiten die Schüler die Diskussion und stellen ihre vorbereiteten Fragen. Unser Ziel ist es, Erstwähler zu motivieren.

Bei der Bundestagswahl selbst arbeite ich dann als Wahlhelferin. Das ist für mich ein tolle Gelegenheit, meine Kenntnisse über deutsche Politik zu vertiefen. Da habe ich noch Nachholbedarf, weil ich in Brasilien geboren bin und erst vor zwölf Jahren mit meiner Familie nach Deutschland kam. Diese Tätigkeit ergänzt sich sehr gut mit meinem Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin, das ich vor einem Jahr angefangen habe; und es ist für mich eine gute Gelegenheit, eine Wahl aus nächster Nähe mitzuerleben, denn wer weiß, was ich in vier Jahren machen werde, und ob ich in Deutschland bleiben werde.

Vertrauen Die Politikverdrossenheit der jungen Generation in Deutschland, die in den Medien gern beklagt wird, erscheint mir eher eine Faulheit der Jugend zu sein, die aber auf einem Vertrauen in die Politik begründet ist, nach dem Motto: Es wird schon alles irgendwie funktionieren.

In Brasilien gibt es eine Wahlpflicht, da sonst wahrscheinlich niemand zur Wahl gehen würde, denn keiner traut den Politikern zu, etwas zur Verbesserung der Situation für die Menschen zu tun.

Ich glaube, dies ist auch ein Grund, dass sich meine Großeltern mittlerweile für mich freuen und der Meinung sind, es war eine gute Entscheidung, in Berlin Politik zu studieren. Anfangs waren sie sehr dagegen, dass wir nach Deutschland gehen und sagten, sie würden uns nie besuchen. Doch mittlerweile waren sie schon mehrmals hier, und Deutschland gefällt ihnen gut.

Meine Großmutter mütterlicherseits wurde in Deutschland geboren und kam als Kleinkind vor dem Zweiten Weltkrieg nach Brasilien. Die Eltern meines Vaters wanderten vor langer Zeit nach Eretz Israel aus und zogen nach dem Krieg nach Brasilien. Als wir von dort weggingen, war ich neun Jahre alt und meine Schwester elf. Ich sträubte mich sehr dagegen. Zum einen ging ich schon zur Schule – übrigens auf eine Waldorfschule in São Paulo – und wollte meine Freunde nicht verlieren, zum anderen hatte ich so eine dunkle Ahnung von der deutschen Geschichte. Ich hatte meine Großeltern dann aber so verstanden, dass Deutschland ein schlechtes Gewissen gegenüber Juden hat und wir deswegen dort willkommen seien.

Es war eine mutige Entscheidung von meinen Eltern, in ein Land zu ziehen, dessen Sprache sie nicht sprachen. Aber wir haben uns dann sehr schnell in Stuttgart eingelebt, und mittlerweile fühlen wir uns hier zu Hause. Ich kann mich noch erinnern, wie beeindruckt wir davon waren, dass man hier Fahrscheine nicht beim Schaffner kauft, sondern an einem Automaten. Auch die Kehrwoche und die Mülltrennung fanden wir großartig, so etwas wäre in Brasilien undenkbar. Allerdings mussten wir uns daran gewöhnen, dass wir hier in Deutschland im Haushalt kein Personal hatten.

Waldorfschule Für das Ankommen war es sicherlich eine große Hilfe, dass wir Kinder hier auch auf eine Waldorfschule gingen – in der meine Mutter dann auch noch Arbeit gefunden hatte. Obwohl ich die einzige Jüdin in meiner Klasse war, habe ich mich sehr schnell eingelebt und neue Freunde gefunden. Wie an Waldorfschulen üblich, wird dort Religionsunterricht für verschiedene Konfessionen angeboten. Als ich das erste Mal am freichristlichen Unterricht teilnahm, sträubte ich mich innerlich sehr, mich mit dem Vaterunser auseinanderzusetzen. Und wahrscheinlich aus pubertärem Trotz wollte ich dann unbedingt an einem jüdischen Religionsunterricht teilnehmen. Der wurde aber an der Schule nicht angeboten. Doch ich konnte am Unterricht in der jüdischen Gemeinde teilnehmen.

Meine Klassenkameraden gewöhnten sich schnell daran, dass Nina manchmal etwas Besonders machte und störten sich nicht daran. Als jedoch bei der Abiturprüfung mein neoorthodoxer Religionslehrer an die Schule kam, war das dann aber doch erst mal eine Überraschung.

Soziales Jahr Nach dem Abitur habe ich dann ein freiwilliges soziales Jahr in Israel in einer Einrichtung für Behinderte in der Nähe von Beer Sheva gemacht. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich war für die persönliche Pflege von einigen Mitbewohnern zuständig, kochte zweimal die Woche für alle und arbeitete in der Weberei. Bald möchte ich auch wieder dorthin fahren und die Freunde besuchen, die ich da gefunden habe. Ich kann mir auch vorstellen, vielleicht mein Masterstudium in Israel zu machen.

Von Beer Sheva bin ich dann zum Studium nach Berlin gezogen. Meine Schwester wohnte da, und ich hatte sie schon einige Male besucht, kannte also die Stadt ein wenig. Zu Beginn habe ich eine Weile bei der Familie eines Rabbiners gewohnt, dann fand ich ein Zimmer in einer WG in Kreuzberg. Obwohl ich erst seit einem Jahr in Berlin wohne, habe ich schon viele Menschen kennengelernt. Ich gehe sehr gern zu Treffen von »Jung und Jüdisch« oder zu Veranstaltungen des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks, von dem ich ein Stipendium erhalte.

Ich trage meine jüdische Identität nicht vor mir her, aber häufig kommt das Gespräch schnell darauf. Viele erkennen meine jüdischen Wurzeln an meinem Familiennamen oder fragen nach, wenn ich erzähle, dass ich in Israel war. Manchmal finde ich das anstrengend, weil ich dann oft meine gesamte Familiengeschichte erzählen muss. Das ist natürlich ein großer Teil meiner Persönlichkeit, aber eben nur ein Teil, und ich möchte nicht darauf reduziert werden.

Herkunft Deswegen verwende ich in manchen Zusammenhängen, vor allem im Internet, eine Kurzversion meines Namens: Nina Rosen. Zum Glück ist mir noch nie etwas Negatives aufgrund meiner jüdischen Herkunft geschehen, aber ich kann mich an einen Streit mit einer Freundin erinnern, die irgendwann das Argument vorbrachte: »Du als Jüdin ...« Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber über diese Worte habe ich viel nachgedacht.

Meine Schwester, die lange in Berlin gelebt hat, möchte inzwischen nicht mehr in Deutschland sein und studiert nun Jura in Paris. Wir versuchen, uns dennoch so oft wie möglich zu sehen, und waren auch gerade zusammen in Brasilien. Für unsere Großeltern ist das natürlich sehr schade, dass die Familie so weit verstreut wohnt und wir uns nur selten sehen können.

Aber ich habe den Eindruck, dass diese Distanz auch eine besondere Nähe schaffen kann, weil wir dann die Zeit, die wir zusammen verbringen intensiver nutzen und uns nicht nur über Alltägliches unterhalten. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl über Ländergrenzen hinweg scheint mir eine besondere Fähigkeit von Juden zu sein. Manchmal denke ich, dass die Juden als Erste den europäischen Gedanken entwickelt haben, das war auch ein Grund für mich, hierherzukommen und Politik zu studieren.

Auch, wenn ich mich schon sehr heimisch in Berlin fühle, setze ich mich manchmal alleine in den 100er-Bus, höre Musik und fahre durch die Stadt an den wichtigsten touristischen Orten vorbei. Das ist so eine meiner Macken. Ich freue mich auch schon sehr, bald mit meinem Vater nach Rumänien zu fahren, an die Orte, aus denen seine Familie stammt, auch wenn dort keine Verwandten mehr leben.

Aufgezeichnet von Urs Kind

Porträt der Woche

»Wir stemmen das selbst«

Diana Sandler ist Betriebswirtin, hat im Barnim ein jüdisches Hilfswerk aufgebaut und versteht ihre Engagement als Mizwa

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.08.2020

Thüringen

Achava-Festspiele sollen trotz Corona stattfinden

Offizieller Start des jüdischen Festivals ist der 10. September

 31.07.2020

Bea Wyler

Die Pionierin

Vor 25 Jahren stellten die Gemeinden Oldenburg und Braunschweig erstmals einen weiblichen Rabbiner ein

 31.07.2020

Frankfurt

Straßen-Kunstprojekt erinnert an Juden

Mit den Namen der rund 12.000 Ermordeten werden voraussichtlich 700 Meter Straße beschrieben

 30.07.2020

München

»Seitdem verstecke ich meine Kippa«

Nach der antisemitischen Attacke vor einigen Wochen fühlt sich Rabbiner Shmuel Aharon Brodman weniger sicher

 30.07.2020

München

Klare Meinung – klare Stimme

Intendant Christian Stückl erhält den Abraham-Geiger-Preis für seine Oberammergauer Passionsspiele ohne christlichen Antijudaismus

von Katrin Diehl  30.07.2020

Düsseldorf

Ohnmächtige Traurigkeit

Stadt und Gemeinde erinnern an den Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn vor 20 Jahren

von Annette Kanis  30.07.2020

Stuttgart

Von Müttern und Töchtern

Das Interreligiöse Frauenmahl beschäftigte sich mit einer besonderen Beziehung

von Brigitte Jähnigen  30.07.2020

Frankfurt

Jüdisches aus dem Hochbunker

Der Fotograf Rafael Herlich und Gemeindesvorstand Niko Deeg aus Hanau präsentieren eine digitale Kulturreihe

von Eugen El  30.07.2020