Porträt der Woche

Die Puppenspielerin

»Ich war auf der Suche nach einem festen Halt, den mir meine linken Hippie-Eltern nicht geben konnten«: Shlomit Tulgan lebt in Berlin. Foto: Gershom Tripp

Was mir wirklich sehr am Herzen liegt, ist das »Jüdische Puppentheater Bubales«, das ich im Jahr 2011 gegründet habe. Inzwischen entwerfe ich alle Puppen selbst, die dann nach meinen Zeichnungen von einer professionellen Puppenbauerin hergestellt werden. Hinter diesem Projekt steckt die Idee, dass ich den jüdischen Kindern in Deutschland das geben will, was ich selbst als Kind nicht bekommen habe: eine jüdische Identität.

Mein Vater und meine Mutter stammen beide aus Istanbul, sind sich aber erst in West-Berlin auf einer Anti-Vietnamkriegs-Demo begegnet. Bis zu meinem siebten Lebensjahr wuchs ich in Charlottenburg auf, dann arbeitete mein Vater als Journalist für eine türkische Exilzeitung, und wir zogen in den Ostblock. Elf Jahre lang lebten wir erst in Prag, dann in Moskau, zwischendurch auch mal in Leipzig und dann wieder in Prag.

familie In meiner Familie war das mit dem Jüdischsein so eine Sache. Einerseits waren meine Eltern links eingestellt, und Religion war für sie »Opium des Volkes«. Für eine kulturelle Identität aber war ihnen das Jüdische auch wieder wichtig. Um das zu verstehen, muss ich die Geschichte meiner Großeltern erzählen, die beide von Thessaloniki nach Istanbul gegangen waren.

Die komplette Familie meiner Mutter war noch vor dem Zweiten Weltkrieg umgezogen, aber von der Seite meines Vaters schafften es leider nur meine Großeltern. Über diese Zeit wurde bei uns wenig gesprochen. Meine Mutter kam aus einer Dönme-Familie, einer innerjüdischen kabbalistischen Gemeinschaft.

Mein Vater stammt aus einer sefardischen Familie, und bei Sefarden ist das kulturelle Jüdische oft wichtiger als das religiöse. Hier und da haben wir zwar auch mal die Feste gefeiert, aber wenn meine Eltern keine Lust auf Pessach hatten, dann gab es eben kein Pessach. So war meine jüdische Identität auch für mich die meiste Zeit im Ostblock eher nebensächlich.

Doch als ich 16 Jahre alt war, bin ich auf eigene Initiative in die Altneu-Synagoge in Prag gegangen. Als ich dort dann das »Lecha dodi« gehört habe, die Anfangsworte zur Begrüßung des Schabbat in der Liturgie des Freitagabendgottesdienstes, da wusste ich, dass ich dazugehöre.

gemeinde Bald schon hat mich Rabbiner Daniel Mayer unter seine Fittiche genommen. Er hatte wohl bemerkt, dass ich ein bisschen verloren war, denn meine Eltern waren mit anderen Dingen beschäftigt als mit meiner jüdischen Erziehung oder überhaupt meiner Erziehung. Fast jeden Schabbat habe ich dann bei der Familie Mayer verbracht. Bis dahin wusste ich zwar, dass ich zu einer kulturellen Minderheit gehöre, nun aber verstand ich, dass noch sehr viel mehr hinter allem steckt.

Im Jahr 1988 sagte ich zu meinen Eltern, dass ich, sollten sie mit mir nicht in ein westliches Land gehen, Jugend-Alija machen würde. Sie zogen mit mir nach West-Berlin und mussten noch einmal ganz bei Null anfangen. Meine Eltern hatten ja keine deutsche Staatsbürgerschaft und ich auch nicht.

Und dann geschah es, dass zwar meine Eltern wegen ihrer Opposition gegen das türkische Militärregime ein Recht auf politisches Asyl in Deutschland zugesprochen bekamen, ich aber nicht. Gerade volljährig geworden, wollten mich die deutschen Behörden abschieben – in ein Land, das ich noch nie gesehen hatte.

Es hieß, da ich selbst nicht politisch aktiv gewesen sei, hätte ich kein Recht auf Asyl. Für mich war klar: Sollte man mich wirklich abschieben wollen, würde ich zuvor ein Flugzeug nach Tel Aviv nehmen. Dann aber hat sich Amnesty International erfolgreich für mich bei der Ausländerbehörde eingesetzt. Obwohl ich nun bleiben durfte, wollte ich dennoch Alija machen, als hierzulande die Asylantenheime abgefackelt wurden. Da dachte ich, es geht schon wieder los. Auf keinen Fall wollte ich denselben Fehler machen wie viele jüdische Leute 50 Jahre zuvor.

rabin Meine erste Israelreise war ein Trip, um meine Wurzeln aufzuspüren. In der Prager jüdischen Gemeinde war ich mit 16 Jahren als Mitglied eingetragen worden, doch als ich mich zwei Jahre später in die Berliner Gemeinde eintragen lassen wollte, reichte die Dönme-Mutter plötzlich nicht mehr aus, um als Jüdin anerkannt zu werden.

Das Ganze mutierte zu einem jahrelangen Disput zwischen unterschiedlichen Rabbinern. Für mich war das völlig verwirrend. Am Ende erkannte der orthodoxe Beit Din von Jerusalem meine Herkunft als halachisch jüdisch an. In Israel hatte ich diesen vorläufigen israelischen Personalausweis bekommen und das ganze Aufnahmeprogramm absolviert. Aber ich war noch zu jung und habe die ganze Zeit meine Mama vermisst.

Außerdem habe ich bemerkt, dass ich Europa vermisse, mit seiner Kultur, seinem schlechten Wetter und allem. Doch nach meiner Rückkehr bekam ich schon bald wieder Sehnsucht nach Israel. Ich war auf der Suche nach einem festen Halt. Gegen Hippie-Eltern zu rebellieren, ist nicht einfach, und so bin ich bewusst in eine Midrascha in Jerusalem gegangen. Hier wollte ich mich auf ein orthodoxes Leben vorbereiten.

alija Es war damals durchaus vorstellbar, dass ich einen orthodoxen Mann geheiratet und acht Kinder bekommen hätte, um mit ihnen in einer Siedlung zu leben. Gescheitert ist meine Alija letztlich an der Erschießung von Yitzhak Rabin. Ich musste miterleben, wie seine Ermordung in der Midrascha gefeiert wurde. Und als sie dort fröhliche Hora-Tänze veranstaltet haben, da war für mich Feierabend. Ich wollte unbedingt weg. Dieses Land, so erschien es mir, hat keine Chance mehr auf Frieden.

Dennoch habe ich bis heute eine tiefe Sehnsucht nach Israel und war auch immer mal wieder dort. Bis heute habe ich auch ein Problem damit zu sagen, dass Deutschland meine Heimat ist, obwohl ich mittlerweile sogar die Staatsbürgerschaft habe. Es hat zu lange gedauert, bis man mich als Deutsche akzeptiert hat, und dabei ging einiges in mir kaputt.

In Berlin habe ich erst Kunstpädagogik studiert und dann Kommunikationsdesign. Nach dem Studium arbeitete ich in einer Ethno-Werbeagentur als Werbe-Expertin für türkische Kids.
In dieser Zeit habe ich ausgerechnet im Urlaub an einem türkischen Strand meinen jüdisch-amerikanischen Mann kennengelernt und bin mit ihm nach Seattle gezogen. Allerdings ist das Leben in den USA völlig anders, und schon bald hat mich Europa wieder gerufen. Also sind wir zurück nach Berlin gegangen.

kinderprogramm Schließlich kam ich zum Jüdischen Museum, wo ich zunächst acht Jahre lang in der Bildungsabteilung die Kinderprogramme konzipiert habe. Vor einiger Zeit bin ich dann zu den Akademieprogrammen gewechselt und bin dort für die Community-Programme etwa mit muslimischen Nachbarschaftsverbänden zuständig, um sie ins Jüdische Museum zu holen.

Anfangs waren wir bei Bubales zu dritt, aber leider gibt es wohl keine Organisation, die es sich leisten kann, drei Künstler zu bezahlen. Mittlerweile bin ich alleine mit zwei Alu-Kisten und einer riesigen Tasche bundesweit unterwegs. Die Hauptfiguren in meinen Stücken sind Shlomo Bubale und sein humorloses Schaf Mendel.

Die beste Freundin von Shlomo ist Ayse, seine türkische Klassenkameradin, mit der er verschiedene Geschichten erlebt. Mit dieser Ayse gelingt es mir, muslimische Kinder abzuholen. Anfänglich spüre ich manchmal noch die Skepsis gegenüber den »jüdischen Puppen«, aber dann öffnen sie den Leuten die Herzen.

elefant Im Herbst wird Bubales vielleicht Geschichte schreiben. Dann nämlich wird mein erstes deutsch- und arabischsprachiges Puppentheaterstück aufgeführt. Darin geht es um eine mittelalterliche Geschichte um den Handelsmann Isaac, der einen Elefanten mit dem Namen Abul Abbas als Geschenk des Kalifen Harun ar-Raschid für Karl den Großen von Bagdad bis nach Aachen gebracht haben soll. Für das Projekt bin ich an syrische Künstler herangetreten, die eine Fluchtgeschichte hinter sich haben. Seither erarbeiten wir dieses Stück gemeinsam. Das Ganze wird diesmal als Playback laufen. Dafür haben die Künstler die arabischen Parts eingesprochen, es gibt wunderschöne Musik und Soundeffekte.

Die Premiere wird am 7. Oktober im Tiyatrom sein, einem türkischen Theater in Berlin-Kreuzberg – so schließt sich gewissermaßen ein Kreis. Mein Plan ist es, meine Bühne danach bundesweit in Flüchtlingsunterkünften aufzubauen und dieses Stück für die Leute dort zu spielen.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

Synagoge Roonstraße

»Ein Wahrzeichen Kölns«

Die Stadt beging das 60. Jubiläum der Wiedereröffnung mit einem großen Festakt. Doch in die Freude mischten sich auch nachdenkliche Töne

 20.09.2019

DFB

FC Ente Bagdad erhält Julius Hirsch Preis

Die Mainzer Freizeitkicker werden für ihr entschiedenes Eintreten gegen Judenhass geehrt

 19.09.2019

Köln

Festakt in der Synagoge

Vor 60 Jahren wurde das Gotteshaus eingeweiht

von Andreas Otto  19.09.2019

Mobil

Handys im Klassenzimmer?

Wie jüdische Schulen mit der Nutzung der Telefone während der Unterrichtszeit umgehen

von Christine Schmitt  19.09.2019

Leipzig

Meilenstein für jüdisches Leben

Mit einem Konzert feierte die Israelitische Religionsgemeinde zehn Jahre Berliner Rabbinerseminar

von Isabel Seelmann  19.09.2019

ZWST

Herausforderungen 4.0

Ein Ökonomie-Seminar regte zu Diskussionen an

von Ralf Balke  19.09.2019